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Fußball-WM: Argentinien:"Hirnmasse ist wichtiger als Muskelmasse"

Argentiniens Konditionstrainer Fernando Signorini über Diego Maradona, die Brillanz von Lionel Messi und Europas Einfluss auf den Fußball.

Fernando Signorini, 59, ist eine der Schlüsselfiguren im Leben von Argentiniens Trainer Diego Armando Maradona. Der studierte Sportwissenschaftler brachte Maradona auf die Beine, nachdem dieser 1984 in Spanien von Andoni Goikoetxea (Athletic Bilbao) brutal umgetreten wurde und um seine Karriere fürchten musste.

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Fernando Signorini mit Diego Maradona beim Training der argentinischen Elf.

(Foto: afp)

Später sagte "der Blinde", wie ihn Maradona wegen seiner schlechten Augen nennt, etwas, was Maradona nicht sehen wollte - und andere ihm nicht zu sagen wagten: "Ich habe ihm nach der WM 1994 gesagt, dass ich so lange nicht mehr mit ihm zusammenarbeite, bis er sich eingesteht, dass er ein Süchtiger ist und Behandlung braucht. Weil er sterben würde, wenn er sich nicht behandeln lässt."

Signorini schloss 1973 ein Studium an der sportwissenschaftlichen Fakultät seiner Heimatstadt Lincoln ab - bei der WM in Südafrika ist er als Konditionstrainer von Deutschlands Viertelfinalgegner Argentinien dabei.

SZ: Herr Signorini, Sie dürften der erste Konditionstrainer der Geschichte sein, der von Schriftstellern gelobt wird.

Signorini: Ach ja?

SZ: Der argentinische Schriftsteller Martín Caparrós rühmt Sie dafür, dass Sie den Spielern eine Bibliothek eingerichtet haben.

Signorini: Oooh! Hahaha! Welch eine Ehre! Das freut mich aber! Sehr sogar!

SZ: In Ihrer Bibliothek stehen Bücher wie "Die Offenen Adern Lateinamerikas" von Eduardo Galeano, Poesiebücher, Werke zur argentinischen Geschichte. Was verspricht sich ein Konditionstrainer von Lektüre?

Signorini: Ein Buch zu öffnen bedeutet für viele Spieler, eine komplett neue Welt zu entdecken. In der Ausbildung wird der Fehler begangen, dass nur an den Fußballer gedacht wird, nicht an den Menschen. Spieler müssen aber auf ihr künftiges Leben vorbereitet werden.

SZ: Haben die Spieler bei der Anspannung einer WM die Muße, nach solchen Büchern zu greifen?

Signorini: Der Spieler soll dem Fußball die Wichtigkeit geben, die diesem zusteht. Aber er muss daran gewöhnt werden, es nicht zu übertreiben. Was ich sagen kann, ist, dass die Bibliothek am ersten Tag voll war, am zweiten Tag auch. Doch danach verschwanden die Bücher nach und nach. Für mich ist das eine Genugtuung, die mindestens ebenso groß ist wie ein gutes sportliches Resultat.

SZ: Ihr Titel lautet: Konditionstrainer der argentinischen Nationalmannschaft. Worin besteht bei einer WM, nach einer so langen Saison, Ihre Aufgabe?

Signorini: Die meisten Spieler kommen aus Europa, wo der Kalender randvoll ist, und uns stand nur eine sehr kurze Zeit zur Verfügung. Es konnte nur darum gehen, das Gleichgewicht zu finden aus Erholung und Arbeit. Es gibt viele Kollegen, die vergessen, dass es im Training diese zwei Phasen gibt. Ein Spieler ohne Erholung läuft Gefahr, an das Limit seiner Fähigkeiten zu geraten und sich Verletzungsgefahren auszusetzen.

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