In den Nullerjahren hielt der körperliche Zustand von Michael Ballack die deutschen Fußballfans in Atem. In jenen sportlich nicht sonderlich glamourösen Zeiten war der Mittelfeldmann aus Görlitz einer der wenigen Weltklassespieler im DFB-Team. Aber zu großen Turnieren ereilte den eigentlich robusten „Capitano“ so regelmäßig das Ungemach wie die Schneeschmelze im Frühjahr. Bei der WM 2002 hatte er sich im Halbfinale im Dienst der Mannschaft eine gelbe Karte abgeholt und das Endspiel verpasst, vor der WM 2006 und vor dem EM-Finale 2008 machte der Unterschenkel Probleme, die WM 2010 verpasste er nach einem Foul von Kevin-Price Boateng ganz. Immer, wenn an Ballacks Körper etwas zwickte, bangte Fußball-Deutschland um die zum geflügelten Wort gewordene „Wade der Nation“.
Kühner Sprung über den Atlantik: In Kanada sorgt sich, nun, vielleicht nicht die ganze Nation, aber doch der Teil, der mit Fußball etwas anzufangen weiß, um den Kapitän der Nationalmannschaft, genauer gesagt: um den Oberschenkel von Alphonso Davies. Der Linksverteidiger des FC Bayern München, von Haus aus etwas feingliedriger und verletzungsanfälliger als Ballack, hatte sich im Mai im Halbfinale der Champions League gegen Paris Saint-Germain eine Muskelverletzung zugezogen, die dritte bereits in diesem Jahr, nachdem er im vergangenen Jahr mehrere Monate mit einem Kreuzbandriss ausgefallen war. Einen Tag vor dem Auftaktspiel des WM-Co-Gastgebers gegen Bosnien-Herzegowina am Freitag (21 Uhr/ARD und MagentaTV) in Toronto gilt als sicher, dass Davies daran nicht mitwirken kann. Bilder aus dem Trainingslager der Kanadier zeigen ihn beim leichten Laufen. Sogar sein Ausfall für die komplette Gruppenphase, in der Kanada noch auf Katar und die Schweiz trifft, scheint nicht ausgeschlossen zu sein.
Laut Kicker soll der FC Bayern mit Kanadas Coach Jesse Marsch in direktem Kontakt stehen und zu größter Umsicht mahnen, nachdem der kanadische Verband 2025 den Kreuzbandriss, den der 25-Jährige bei der Nationalmannschaft erlitten hatte, zunächst nicht diagnostiziert hatte.
Für Kanada wäre das Aus seines Kapitäns und besten Spielers bei der erst dritten WM-Teilnahme des Landes nach 1986 und 2022 fatal. Noch nie haben es die Ahornträger über die Vorrunde hinaus geschafft – noch nicht einmal ein einziger Sieg ist ihnen in bislang sechs Spielen gelungen. Im eigenen Land soll es nun endlich so weit sein. Zuversicht gibt den Kanadiern, dass auch der Kapitän von Gegner Bosnien-Herzegowina angeschlagen ist. Die beiden letzten Testspiele gegen Nordmazedonien (0:0) und Panama (1:1) verpasste Edin Dzeko. Aber bis zum Anpfiff soll die Schulterverletzung des 40-Jährigen vom FC Schalke 04 kuriert sein. „Es hängt davon ab, wie er sich fühlt und wie unsere Gespräche laufen“, sagte Bosniens Trainer Sergej Barbarez bei Sky. „Ich bin da sehr offen, weil er so wichtig ist. Ich gebe ihm Freiraum, selbst mitzuentscheiden, was er will und wie lange es geht.“

