Fußball-WM 2026:Der Kongress wird Kopfnicker-Gremium

Lesezeit: 4 min

Fifa-Präsident Infantino hat sich wieder neue Volten einfallen lassen für die Kür des Ausrichters: Über die Vergabe nach Nordamerika oder Nordafrika entscheidet praktisch nur noch ein kleiner Kreis seiner Getreuen.

Von Thomas Kistner

Der Fifa-Rat tagte fernab der Medienwelt in Bogotá, danach teilte er mit, was den Fan so bewegt: Der Videobeweis für die WM in Russland ist abgesegnet, finanziell läuft's angeblich auch bald besser. Nicht publiziert wurden brisantere Vorgänge: Wie jene Dokumente, die zeigen, dass die Fifa-Spitze den Entscheid über die WM-Vergabe 2026 an sich zu reißen versucht.

Die Kür erfolgt am 13. Juni in Moskau, erstmals soll die WM 48 Teilnehmer umfassen. Bei der Fifa-Throneroberung vor zwei Jahren köderte Gianni Infantino die Voten der Dritten Welt mit dem Versprechen, das Turnier weiter aufzublähen. Am Anfang lief alles nach Plan: Mit der Nordamerika-Allianz USA/Kanada/Mexiko stand früh ein Wunschkandidat im Ring: sehr finanzstark, überdies war US-Verbandschef Sunil Gulati ein enger Wahlhelfer Infantinos. Und eingedenk der Strafprozesse, die die US-Justiz um die Fifa führt, wäre ein gemeinsames Projekt ganz hilfreich. Am besten eines mit der Aufschrift WM 2026.

All das durchkreuzte dann Marokko. Die Nordafrikaner wären nach Katar 2022 gleich der nächste muslimische Veranstalter; sie unternehmen nun ihren fünften Anlauf. Seitdem geht es bergab mit der Amerika-Allianz. Denn Marokko bietet neben idealen Terminbedingungen für das Kerngeschäft Europa, ganz Afrika und Westasien großen Teilen der Welt die Chance, die Globalpolitik des US-Präsidenten Donald Trump per WM-Kür zu bewerten. Allein der Spielplan der Dreier-Allianz verrät ja, dass dies ein Projekt der Vereinigten Staaten ist: 60 der 80 WM-Partien, darunter alle K.-o.-Spiele, finden in den USA statt, der Rest in Kanada und Mexiko (jeweils zehn). Schon wackelt das Bündnis, erste Städte springen ab: Chicago, Minneapolis sowie Vancouver in Kanada. Auch die Provinzregierung von Bewerber Edmonton lehnt die Finanzbedingungen der Fifa ab. Und abzuwarten bleibt, wie sich Trumps rigide Zoll- und Mauerpolitik auswirkt, die sich auch gegen die eigenen Mitbewerber richtet.

Indes zieht Marokko trommelnd durch die Welt, Afrika steht hinter dem Kandidaten. Das ist bedeutsam, weil im Juni erstmals alle 211 Mitgliedsverbände votieren. Das frühere Prozedere, bei dem die 24 Fifa-Vorstände wählten, wurde wegen chronischer Korruptionsfälle abgeschafft. Die Hoffnung: Schmiergeldzahlungen an 106 Wähler dürften schwerer fallen als an 13.

Alle Macht soll an eine Taskforce übergehen, die dann eine Bewertungsliste erstellt

Die Allianz schwächelt, Marokko holt auf. Und der Mann an der Fifa-Spitze, ob seines autokratischen Stils längst in der Kritik, biegt sich die Dinge offenbar wieder zurecht. Interne Papiere, die die SZ einsah, nähren massiv den Verdacht, dass Infantino in der heißen Wahlkampfphase die Regie an sich zu reißen versucht. Geht es nach der Fifa, kürt am Ende nur eine Handvoll Leute das WM-Land 2026. Also nicht die 211 Fußballverbände, und nicht mal mehr zwei Dutzend Spitzenfunktionäre.

Infantinos Mitarbeiter legten dem Fifa-Rat einen Vorschlag zu "Genehmigung und Entscheidung" vor. Alle Macht soll an eine Taskforce übergehen, die die Kandidaten besucht und eine Bewertungsliste erstellt. Diese Gruppe setzt sich aus Infantinos Getreuen im Fifa-Haus zusammen plus dem von ihm bestellten Compliance-Chef Tomaž Vesel (Slowenien) sowie Governance-Chef Mukul Mudgal aus Indien. In Indien geboren ist übrigens auch Fifa-Rat und Infantino-Helfer Sunil Gulati; der frühere US-Verbandschef kam im Kindesalter in die USA.

So ein Prüfstab lässt sich nicht als unabhängig bezeichnen. Welche technischen Kriterien wird er wohl anlegen? Während alle Stadien in Amerika bereits stehen, sind es in Marokko fünf. Drei sind im Bau, vier weitere bräuchte es noch. Was ist also das Kriterium: Stand 2018 - oder Stand 2026?

Laut Fifa-Papier ist das Urteil dieser Taskforce entscheidend. Akzeptiert sie beide Bewerber, stehen diese "automatisch" zur Wahl im Juni. Aber: Befindet die Taskforce, "dass nur ein Bewerber die Mindestanforderungen (...) erfüllt, wird dieser Antrag automatisch bewilligt und dem Kongress zur endgültigen Entscheidung vorgelegt". Erfüllt kein Kandidat die Mindestanforderungen, soll ein neues Bewerbungsverfahren eröffnet werden. Die Kandidaten, heißt es ganz offen im Fifa-Papier, hätten sich der Prozedur sowieso zu beugen.

Hatte zu Sepp Blatters Zeiten also der Fifa-Vorstand die WM-Vergabe geregelt, sollen es diesmal nur noch fünf, sechs Leute sein - die alle eng am Präsidenten operieren. Denn die Vorauswahl der Prüfer soll vom Rat ja "automatisch" abgesegnet werden, sie wäre demnach bindend. Zum Kopfnicker-Gremium reduziert wird damit ebenso "automatisch" der Fifa-Kongress: Er kann am 13. Juni nur noch aus dem wählen, was ihm vorgesetzt wird.

Die Null-Option könnte all die schwach werden lassen, die bislang Marokko unterstützen

Was aber, wenn beide Bewerber in die Wahl ziehen können - oder wenn die Parteigänger eines vorab eliminierten Kandidaten aus Protest gegen einen möglicherweise allzu offenkundigen politischen Eingriff den verbliebenen Kandidaten nicht wählen wollen? Es braucht für den WM-Zuschlag eine einfache Mehrheit, also 106 Voten; ein Alleinkandidat mit beispielsweise 98 Ja-Stimmen bekäme noch keine WM.

Hier legt Infantinos Stab ein sehr spezielles Prozedere vor: Für die Wähler beim Kongress kommt plötzlich noch eine neue Option ins Spiel. Sie können nicht nur für den oder die Kandidaten votieren, sie können auch wählen, dass keiner der beiden die WM 2026 erhält. Diese Absurdität sehen die Punkte 6 und 7 im Fifa-Papier vor.

Die Option, keinen der Kandidaten zu wählen, könnte den Weltverband vor der Peinlichkeit bewahren, dass er am Ende ohne WM-Veranstalter dasteht: Dann wurde halt für eine neue Bewerbung gestimmt, über die soll dann beim Kongress 2020 entschieden werden. Zugleich kann diese Null-Option alle Parteigänger in Ost- und Südeuropa sowie in Asien schwach werden lassen, die bisher als Front gegen Amerika gelten und Marokko unterstützen könnten. Den passenden Köder für andere Kontinente hat die Fifa jedenfalls schon in die Präambel ihres neuen Wahlprozederes gepackt: Scheitern beide Kandidaten, sind sie ganz raus aus dem Rennen um die WM 2026. Und alle Länder in der Europa-Union Uefa sowie im Asienverband AFC dürfen dann wieder einsteigen.

Zur SZ-Startseite
Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB