Es ist nur eine Büchse Bier, gekauft in einem mexikanischen Späti unweit des WM-Stadions von Monterrey. Und doch ist es so viel mehr. Noch ehe man die Lasche betätigen, den ersten Schluck nehmen und den Feierabend genießen kann, befindet man sich in den gedanklichen Fängen der Kommerzialisierung des Sports, der Außenpolitik Donald Trumps sowie der Erinnerung an die resolute Frau Richter-Wurth, die man in der Mittelstufe in Erdkunde hatte.
„Con Sal del Golfo de México“, steht auf der Rückseite dieser Bierdose der Sorte Tecate Light.
Beginnen wir mit dem Offensichtlichsten: Das behördlich vorordnete Bier der größten und schönsten WM aller Zeiten und Kontinente heißt Michelob ULTRA. Man trinkt es in den Stadien dieser WM handwarm und schaumfrei aus Plastikbechern. Und wenn man bei der obligatorischen Trinkgeldfrage nicht der Versuchung erliegt, seinen antrainierten deutschen Geiz zu verraten, dann kann man solch einen Becher schon für rund 15 Dollar bekommen, also zum Spottpreis. Laut dem offiziellen Bierbotschafter dieses Turniers, Lionel Messi, gibt es nichts Schöneres als diesen Trinkgenuss. Jedenfalls sind so die Großplakate zu verstehen, auf denen Messi Michelob lobt. Und weil für die serviceorientierte Fifa nichts wichtiger ist als die Zufriedenheit der Kundschaft, wird der missbräuchliche Verkauf anderer Biersorten streng überwacht. Eine gute gekühlte Dose Tecate für zwei Dollar an einem Späti mit Stadionblick – das darf im Zeitalter des Infantinismus eigentlich nicht sein.
Und nun, da dieses subversive mexikanische Bier endlich offen ist, ein Gedanke an Frau Richter-Wurth, bei der man gelernt hat, dass in der Oberrheinischen Tiefebene günstige klimatische Bedingungen für den Spargelanbau herrschen – und dass sich der Name des dafür verantwortlichen Golfstroms von einem Randmeer des Atlantiks ableitet, dem Golf von Mexiko.
Donald Trump ist leider nicht bei Frau Richter-Wurth zur Schule gegangen, dennoch interessiert er sich für alles, was mit dem Thema Golf zusammenhängt (z.B. Trump International Golf Club West Palm Beach, Trump National Golf Club Bedminster, Golf von Amerika). Um Verwechslungen zu vermeiden, hat er Kraft seines Präsidentenamtes verfügt, die Verwendung des Begriffs „Golf von Mexiko“ international unter Strafe zu stellen. Und auch im Land der nahezu unbegrenzten Sprachmöglichkeiten ist jedem zu raten, an dieser Stelle den Vorgaben der Regierung zu folgen. Zumal gemäß Artikel 147b im Buch Hiob der Fifa-Ethikrichtlinien (Kenner sprechen auch von der „Offenbarung des Johnny“) sämtliche Personen, die weiterhin „Golf von Mexiko“ sagen oder denken oder Bier mit Brauwasser aus dem „Golf von Mexiko“ brauen, auf Lebenszeit für den Fifa-Friedenspreis disqualifiziert sind.
Jetzt wäre bloß noch eine Frage zu klären: Warum ist da eigentlich Salz im Bier?
Man muss die Dose erst in einem Zug austrinken, um auf die Lösung zu kommen: Es kann nur die Rache der Mexikaner daran sein, dass die Menschen aus den bierbrauenden Nationen östlich des Golfstroms den mexikanischen Tequila mit Zitrone, Körperschweiß und Salz konsumieren.



