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Fußball-WM 2018 in Russland:"Entsetzliche Arbeitsbedingungen"

Confed-Cup-Vorbereitungen in Russland

Beim Gespräch vergangene Woche im Stadion von St. Petersburg sagte Fifa-Präsident Gianni Infantino (links) dem russischen Präsidenten Wladimir Putin, er fühle sich in Russland "wie zu Hause". Das glaubt man gern.

(Foto: Alexei Druzhinin/dpa)

Alle weg? Die Fifa wusste früh, dass auf russischen WM-Baustellen nordkoreanische Arbeiter schuften, deren Lohn nach Pjöngjang fließt. Bei ihrer Inspektion kann die Fifa aber keine Arbeiter mehr finden.

Eile ist geboten auf der Krestowski-Insel. In 20 Tagen wird in der Arena von St. Petersburg das Confed-Cup-Turnier angepfiffen, und eine Menge bleibt zu tun. Obwohl die Konstruktion des neuen Stadions elf Jahre Bauzeit und 800 Millionen Euro Kosten verschlang (die nun in den städtischen Sozialetats fehlen), ist noch immer Pfusch vom Fundament bis zur Dachkonstruktion zu beheben. Da mag der Fußball-Weltverband jetzt keine weitere Baustelle eröffnen. Anfang der Woche gab die Fifa zu, sie wisse schon seit einem halben Jahr, dass in Petersburg Arbeiterkolonnen aus Nordkorea mitgewirkt haben. Und auch, dass diese Arbeitsmigranten zu Frondiensten unter menschenunwürdigen Bedingungen herangezogen werden. Folgen hat das aber erst mal nicht.

Die WM-Vergaben 2018 an Russland und 2022 an Katar stehen unter Korruptionsverdacht, seit Jahren ermitteln Strafbehörden in den USA, der Schweiz, Frankreich, England und anderen Staaten. Aber Fragen zur Menschenrechtsproblematik rund um die WM-Baustellen zielten bisher überwiegend auf das Emirat. Nun zeigen Dokumente, dass die Fifa, die sich gern selbst feiert für die Wahrung und Überwachung der internationalen Standards bei den Stadionbauten, lange Zeit Kenntnis hatte von der diskret abgeschirmten Beschäftigung nordkoreanischer Arbeiter in Petersburg - und auch wusste, dass diese unter unzumutbaren Bedingungen abzulaufen pflegen. Das teilte Gianni Infantino den Verbandspräsidenten von Schweden, Dänemark, Norwegen und Island mit.

Alle weg? Ein ARD-Team fand im Moskauer Stadion Nordkoreaner

Das skandinavische Quartett hatte den Fifa-Boss per Brief vom 16. Mai auf Berichte des norwegischen Fußballmagazins Josimar hingewiesen, demzufolge mindestens 110 Nordkoreaner in Petersburg beim Stadionbau beschäftigt seien - und mindestens ein Arbeiter "tot vor dem Zenit-Stadion aufgefunden" worden sei. Mit Verweis auf die internationalen Menschen- und Arbeitsrechte erbaten die Vertreter des Nordischen Fußballbundes eine substantielle Rückmeldung. Die erfolgte rasant: Anfang vergangener Woche beichtete Infantino den vier Präsidenten, dass die Fifa gemeinsam mit den russischen WM-Organisatoren und dem russischen Klinsky-Fachinstitut bereits im Herbst Übles habe feststellen müssen zur der Situation nordkoreanischer Arbeiter auf der Baustelle. Die Fifa, so Infantino in dem der SZ vorliegenden Brief, "weiß um und verurteilt aufs Schärfste die oft entsetzlichen Arbeitsbedingungen, unter denen nordkoreanische Arbeiter in verschiedenen Ländern der Welt beschäftigt werden. Beim Besuch vom 22. bis 23. November 2016 fand das Inspektionsteam einen starken Beweis für die Präsenz nordkoreanischer Arbeiter auf der Baustelle in St. Petersburg". Belege habe es schon seit September gegeben. Man habe sich daraufhin "bemüht", die Arbeits- und Lebensbedingungen über eine Befragung der Baufirmen zu erkunden. Offenbar war das Resultat alarmierend. Denn Infantino teilt mit: "Bei der nächsten Inspektionsbesichtigung im März 2017 prüfte das Inspektionsteam erneut die Anwesenheit nordkoreanischer Arbeiter und schlussfolgerte anhand der verfügbaren Beweise, dass keine Staatsbürger dieses Landes mehr auf der Baustelle arbeiteten." So, so. Alle weg?

Swetlana Gannuschkina, die das russische Netzwerk "Migration und Recht" leitet und 2016 den Alternativen Nobelpreis erhielt, verfügt über andere Erkenntnisse. Die Bürgerrechtlerin schätzt die Zahl der im Lande malochenden Nordkoreaner auf 35 000 Menschen, "in Moskau und anderswo". Das sagte sie einem ARD-Rechercheteam, das prompt fündig wurde: an der Baustelle des Lushniki-Stadions in Moskau, Schauplatz des WM-Finales 2018. Am Donnerstag zeigte die ARD-Dokumentation "Putins Generalprobe - Russland, die Fifa und der Confed Cup" nordkoreanische Arbeiter auch in Moskau. Stellungnahmen erhielten die Rechercheure weder von WM-Organisatoren noch von der Fifa.

Der erneut stark in die Kritik geratene Weltverband behandelt Menschenrechtsfragen offenbar so lasch wie seine angeblichen Reformen; letztere entlarvte er beim Kongress in Bahrain jüngst selbst als hohle Frömmelei. Handstreichartig wurden dort alle kritischen Kontrolleure aus Ethik- und Governance-Stäben entfernt. Was nun Nordkoreas Arbeiter in Russland angeht, hat die internationale Gewerkschaftsvertreterin Amber Yuson bei der Fifa nach einer Inspektionstour unhaltbare Zustände im angehenden WM-Land angezeigt: Arbeiter müssten in ungeheizten Containern hausen und 16-stündige Schichten leisten. Der Großteil ihrer Löhne werde direkt an das Regime in Pjöngjang zurückgeschickt.

Auch das ist von Bedeutung - wenn WM-Arbeiter in Russland und Katar mit ihren Zwangsabgaben zuhause ein Regime finanzieren, das für wachsende Unruhe in der Weltpolitik sorgt. Der UN-Sicherheitsrat hat dazu Ende November sogar eine Resolution verfasst: Arbeiter aus Nordkorea sollen von überall in der Welt heimgeschickt werden.