Fußball-Weltverband Gegen die eigenen Regeln

Die Fifa-Spitze um Präsident Infantino will die Ethik-Kommission neu besetzen. Um deren unliebsame Chefs loszuwerden, ignoriert sie sogar ihre Satzungsvorgaben.

Von Johannes Aumüller, Thomas Kistner, Frankfurt/München

Der Fußball-Weltverband steuert in eine Zerreißprobe. Die Fifa-Spitze unter Präsident Gianni Infantino will sich ihrer kritischsten Aufpasser entledigen, das legt nun ein fragwürdiges Prozedere für die Neubesetzung des Ethikkomitees nahe. Aus Sicht von Rechtsexperten riskiert die Fifa sogar einen Satzungsbruch, was gravierende Folgen hätte. Auch hinsichtlich des Opferstatus, den die Fifa bisher im Zug der Untersuchungen der US-Behörden genießt. Eingeweihte Juristen weisen darauf hin, dass die Fifa-Spitze unter Beobachtung stünde und eine neue, glaubwürdige Politik betreiben müsse.

Stattdessen werden Tricksereien evident, die den Regeln widersprechen - wie nun bei der Neubesetzung des Ethikkomitees. Diese wird beim Kongress am 11. Mai in Bahrain zentrales Thema sein. Das in zwei Kammern aufgeteilte Gremium erwarb sich unter Vorsitz des Schweizer Anwalts Cornel Borbely (Untersuchungskammer) und des Münchner Richters Hans-Joachim Eckert (Spruchkammer) einen guten Ruf. Es verbannte Größen wie Sepp Blatter und Michel Platini aus dem Fußball und schreckte auch nicht zurück, Infantino mit einer Voruntersuchung zu behelligen - kurz nach dessen Inthronisierung. Das Duo Eckert/Borbely will weitermachen. Doch es ist ein offenes Geheimnis, dass Infantino und andere Topfiguren im Weltfußball lieber andere Personen an der Spitze der Kammern sehen würden.

Was ist sein Plan? Fifa-Präsident Gianni Infantino.

(Foto: Adrian Dennis/AFP)

Für dieses Ziel wird offenbar ein Weg gewählt, der an alte Strickmuster erinnert. Formal sind Eckert/Borbely bis zum Kongress gewählt. Die Prozedur für die Neuwahl der Ethik-Spitzen ist in den Statuten klar geregelt: Kandidaten darf allein das Fifa-Council vorschlagen. Auch sind die Fristen eindeutig benannt: Das Council muss Vorschläge schriftlich spätestens vier Monate vor dem Kongress an das Fifa-Generalsekretariat schicken. Einsendeschluss wäre also der 11. Januar gewesen.

Ist das passiert? Die Fifa teilt auf SZ-Anfrage zum Stand der Dinge mit: "Übereinstimmend mit unseren Good-Governance-Maßnahmen hat ein Konsultationsprozess begonnen, und die Konföderationen wurden gebeten, Kandidaten aufzustellen." Gute Regierungsführung? Eher sieht es so aus, als verstoße die Fifa gleich in doppelter Weise dagegen. Die Konföderationen, die sie um Kandidaten bittet, haben kein Vorschlagsrecht für die Ethik-Ämter - das obliegt allein dem Rat. Vor allem aber ist die Vier-Monats-Frist längst verstrichen. Auf SZ-Anfrage räumt Europas Fußball-Union Uefa ein, sie habe tatsächlich Kandidaten vorschlagen dürfen - und dies auch getan. Der Ablauf: "Die Fifa hat uns am 1. Februar kontaktiert, und wir haben ihr am 28. Februar Vorschläge geschickt." Allein die Anfrage der Fifa erfolgte also schon nach dem Fristende am 11. Januar.

War vielen in der Fifa offenbar zu gründlich in seiner Arbeit: Hans-Joachim Eckert, Vorsitzender der Ethik-Kommission.

(Foto: Christof Stache/AFP)

Die Fifa betont, sie wolle "keine weiteren Kommentare" über ihr Statement hinaus machen. Sie gibt also offiziell nicht bekannt, ob schon konkrete Vorschläge vorliegen - nach Lage der Dinge ist dies aber nicht der Fall. Sonst hätte sie den Konföderationen wie der Uefa ja Vorschläge abverlangt, die völlig obsolet sind.

Der Verstoß gegen die eigene Satzung ruft die Juristen auf den Plan. "Eine wirksame Beschlussfassung des Kongresses setzt die Einhaltung dieser Vorgabe voraus", sagt der Verbandsrechtler Rainer Cherkeh (Hannover). "Wahlbeschlüsse, die unter Verstoß gegen diese Statutenvorgabe gefasst werden, sind nichtig, also von Anfang an unheilbar unwirksam, zumindest aber anfechtbar." Ähnlich sieht es ein renommierter Jurist am obersten Sportgerichtshof Cas in Lausanne. Sollte das Council die Vorschlagsfrist versäumt haben, wäre dies "ein wesentlicher Verfahrensfehler mit der etwaigen Folge, dass die Wahl durch den Kongress angefochten werden könnte".

Weil das auch die Fifa wissen dürfte, darf spekuliert werden, ob sie auf einen trickreichen Ausweg sinnt. Der so aussehen könnte: Der Kongress als gesetzgebendes Organ des Weltverbands könnte die Statuten verändern - also in Bahrain das Wahlprozedere kurzfristig korrigieren, oder den Verstoß gegen die eigenen Statuten absegnen. So ein Hintertürchen, nicht untypisch in der Fifa-Denke, sieht auch der Cas-Experte: Denkbar wäre, dass der Kongress "ad hoc etwas anderes beschließt". Nur sei hier die Hürde sehr hoch: "Das müsste wohl einstimmig erfolgen." Ob so eine Einstimmigkeit möglich wäre, ist ungewiss. DFB-Chef Reinhard Grindel bezeichnete jüngst eine Neubesetzung der Ethik-Spitze als "großen Rückschritt für die Fifa und das völlig falsche Signal an den Fußball". Am Donnerstag bekräftigte der Deutsche Fußball-Bund diese Position: Er sei "dafür, dass die bisherigen Mitglieder der Ethikkommission in ihren Ämtern verbleiben und wird sich dementsprechend auf dem Kongress verhalten".

Eine Umgehung der Statuten könnte auch Anfechtungsklagen vor Schieds- wie vor Zivilgerichten provozieren. Verbandsrechtler Cherkeh meint, diese Möglichkeit stünde neben Mitgliedern auch Nichtmitgliedern der Fifa zu - solchen, die sich den "Fifa-Statuten vertraglich unterworfen haben". Das umfasst etwa auch alle Klubs.

Die Vorgänge sind im Kontext von Infantinos politischer Notlage zu sehen. Asien ist gegen ihn, in Europa ist er stark umstritten, zumal soeben der russische WM-Chef und Vize-Premier Witalij Mutko durch das sogenannte Governance-Komitee der Fifa aus dem Rat verbannt wurde. Und am Donnerstag wählte Afrika einen neuen Kontinentalchef: Zwar löste Infantinos Vertrauter Ahmad Ahmad (57, Madagaskar) mit 34:20-Stimmen den Infantino-Gegner Issa Hayatou (70, Kamerun) ab. Doch Ahmad ist nicht aus dem Schneider: Gegen ihn laufen Vorermittlungen der Fifa-Ethiker.