Fußball-Weltverband Die peinlichen ersten 100 Tage von Gianni Infantino

Fifa-Präsident Gianni Infantino bei seinem umstrittenen Besuch beim Papst.

(Foto: dpa)

Der neue Fifa-Präsiden hat sich schon allerlei geleistet. Zum größten Problem könnte ein Papst-Besuch im Privatjet eines Gönners werden.

Kommentar von Thomas Kistner

Etwas ist anders in der aktuellen Affäre. Klar, die Sportwelt hat sich daran gewöhnt, dass die Schweizer Bundesanwaltschaft in die Zentrale der Fifa einmarschiert, die Razzia am Donnerstag war ja schon die dritte binnen eines Jahres. Und wenn sich die Fifa-Spitzen von einst - Sepp Blatter, Jérôme Valcke und Markus Kattner - 79 Millionen Franken Boni zuschanzen, überrascht viele nur noch Chuzpe und Dimension. So hat sich mancherorts das Gefühl eingestellt, es sei nichts wirklich Neues passiert; die Fifa wolle mit ihrer jüngsten Veröffentlichung über die Gier der abgesetzten Blatteristen nur von schlimmeren Dingen im neuen Lager ablenken.

Dort führt Gianni Infantino das Zepter, dessen Führungsstil dem des Vorgängers zum Verwechseln ähnelt. Nun gab es in den Tagen vor der Fifa-Offensive, die auch massiv auf Infantinos abservierte Rivalen Kattner und Compliance-Chef Domenico Scala zielt, Vorfälle, die den neuen Boss in Bedrängnis bringen. Der Eindruck war entstanden, Scala und Kattner seien die gute oder zumindest bessere Partei in diesem Spiel.

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Tatsächlich hat sich Infantino allerlei geleistet in nur 100 Tagen Amtszeit. Er akquirierte heimlich eine Generalsekretärin, deren Befähigung als Weltfußballchefin angezweifelt werden darf, eingedenk ihrer Karriere im mittleren UN-Management. 20 Jahre war Fatma Samoura in Afrika tätig, vom Umgang mit Milliardenbudgets dürfte sie vermutlich so wenig Ahnung haben wie von dem Fußballgeschäft, das sie nun dirigieren soll. Die erste leise Verwunderung über die Personalie aus dem Senegal kontert Infantino aber wie zu vermuten war: politisch korrekt. Er hält die Skepsis für "sexistisch, wenn nicht sogar rassistisch".

Daneben sind Tonbänder einer Fifa-Ratssitzung bei den Medien gelandet. Sie legen dar, wie sich Infantino über das Jahressalär empört ("Beleidigung!"), das ihm das zuständige Gremium unter Erzfeind Scala zugewiesen hatte. Es soll bei zwei Millionen Franken liegen. Bei derselben Sitzung wurde erwogen, wie man Scala los werden könne. Das ist peinlich. Es entlarvt den neuen, alten Fifa-Stil.

Ablenkungsversuch? Wohl eher ein Befreiungsschlag

Ex-Generalsekretär Kattner war von jener Sitzung ausgeschlossen. Nach seinem Rauswurf am 23. Mai kursierten Mails in den Medien, die den Verdacht nähren, Infantino habe die Löschung der Audiodatei von besagter Sitzung verfügt. Das wäre ein klarer Verstoß gegen den Ethikcode. Doch die Löschung galt nur einem kopierten Tape, das interessanterweise bei Kattner gelandet sein soll. Und Torheit ist noch kein Verstoß.

Der Zeitpunkt des Fifa-Schlages gegen Blatter und Co. mag Fragen aufwerfen. Wer das aber für ein Ablenkungsmanöver hält, spricht dem Vorstoß die Ernsthaftigkeit ab. Zumal dann die Justiz Doppelpass mit der Fifa spielen würde - und loslaufen, sobald diese pfeift.

Schließlich ist da die US-Kanzlei Quinn Emanuel, die zehn Millionen Dollar pro Monat kassiert, um die Fifa vorm Untergang zu bewahren. Davor, dass sie bei der US-Justiz vom Opfer- in den Täterstatus rutscht. Hatte sie wirklich seit Monaten heikle Boni-Verträge zur Hand, die sie den Behörden vorenthielt? Hat sie das Material erst jetzt vorgelegt, weil die Fifa einen Befreiungsschlag brauchte?

Alles, was die alte Fifa-Unterwelt beleuchtet, muss auf den Tisch. Was aber Infantino angeht: Ein Papstbesuch im Privatjet eines Gönners dürfte ihn mehr in die Bredouille bringen als alle bislang bekannten Mails und Mitschnitte.