Süddeutsche Zeitung

Fußball-Weltmeisterschaft:Alles bleibt in der Familie

Die Vermarktung von Fußball-WM-Rechten über Philippe Blatter, den Neffen des Fifa-Präsidenten, nährt einen altvertrauten, bösen Verdacht.

Eine Rubrik auf der Website der Schweizer Agentur Match AG verheißt "neueste Meldungen". Abrufbar ist hier seit langem aber nur der Satz, man möge bald mal wieder reinklicken. Dabei wären mehr Informationen zu den Geschäften der Match AG hochinteressant, wenn auch vielleicht nicht von der Sorte, die das Unternehmen selbst gern herausstellen wollte. Denn Match, mächtiger Ticketvermarkter des Fußballweltverbands Fifa, könnte in mancherlei Hinsicht in die Nachfolge eines früheren treuen Fifa-Partners getreten sein, zu dessen Treiben es viele Jahre einschlägige Gerüchte gab.

Konkretes aber drang nie an die Öffentlichkeit - bis zum Untergang dieser ominösen Fifa-Hausagentur ISL. Das war 2001. Und auch jetzt wächst das Raunen in der Szene über die enge Vernetzung von Exklusivvermarkter und Fifa-Spitze. Die ist so eng, dass sie eingedenk jüngerer, teils noch offener Affären eigentlich das erforderlich macht, was Verbandsboss Sepp Blatter bei seinen Volksreden gern priesterlich im Munde führt: Transparenz. Auf konkrete Anfrage aber weicht die Fifa aus. Wer es genau wissen will, kriegt gar keine Antwort.

Die Fifa hat Match zur Rechte-Inhaberin für ihr Hospitality-Programm (380.000 WM-Tickets, Hostessenbetreuung, Speis & Trank) gemacht, neben der WM in Südafrika 2010 und 2014 in Brasilien umfasst es die Frauen-WM 2011 in Deutschland. Teilhaber der in Zürich ansässigen Firma sind neben dem japanischen Dauerpartner der Fifa, Dentsu, die englische Byrom Holding und die Schweizer Infront Sports & Media AG.

Verfilzung in der Chefetage

Letztere gerät nun in den Blickpunkt. Erstmals mobilisiert die Verfilzung auf der Fußball-Chefetage die Basis: Britische Fanverbände fordern den Rücktritt von Fifa-Boss Sepp Blatter, weil der seinem Neffen Philippe wertvolle Rechte-Deals zugeschanzt haben soll. Abwegig ist der Vorwurf nicht: Philippe Blatter, 45, firmiert als Chef von Infront und Teilhaber an der Tochterfirma Match. Dieser winkt beim Verkauf aller Tickets ein dreistelliger Millionengewinn.

Die Fifa, autokratisch geführt von Onkel Sepp, gab das Okay für den Deal mit Philippes Agenturgeflecht. Den Vorwurf der Vetternwirtschaft wies Fifa-Sprecherin Delia Fischer gegenüber dem schottischen Sunday Express jüngst so zurück: "Die Rechte wurden ausgeschrieben und gingen an den höchsten Bieter." Wer mitgeboten hatte, ist nicht bekannt.

Auf konkrete SZ-Anfragen - zur Rolle Blatters bei der Rechtevergabe an das vom Neffen gesteuerte Firmenkonglomerat oder zur Frage, ob es Fifa-Vorständlern erlaubt sei, über Agenturen mit Verwandten um Rechte zu bieten - schickte Frau Fischer etwas Info-Material über Match (Leseprobe: "Abgrenzung zwischen Match Services und Match Hospitality"). Auf Nachhaken, konkret vorliegenden Fragen zum Rechte-Deal der Fifa mit Match zu beantworten, kam nichts mehr.

La familia Blatter

Dabei ist die Blattersche Familiensaga im Weltfußball schon länger ein Thema. Neffe Philippe wechselte im Sommer 2006 an die Spitze von Infront. Monate vor der ersten Ankündigung dieser pikanten Personalie war Infront bei dem Versuch gescheitert, von der Fifa die europäischen TV-Rechte an der WM 2010 zu erhalten.

Heute ist die Agentur (auch neben Match) gut im Geschäft, sie erhielt die WM-Medienrechte an 2010/2014 für den asiatischen Raum, im Joint-Venture mit Dentsu. Ihr Ableger HBS produziert für beide WM-Turniere das TV-Signal; zu Infronts Verbandspartnern zählt der sehr Fifa-treue Deutsche Fußball-Bund.

Vor dem Wechsel zu Infront war Philippe Blatter elf Jahre bei den Beratern von McKinsey tätig, für die er ab 2000 die maroden Fifa-Finanzen in kostspielige Obhut nahm - auch das fiel schon in Onkel Sepps Ägide, der 1998 den Fifa-Thron bestiegen hatte.

Eng liiert mit der größten Skandalnudel

Die Finanzprobleme der Fifa hatten ein lockerer Umgang mit Verbandsgeldern und der Bankrott der langjährigen Hausagentur ISL ausgelöst, die auch die WM-Rechte für 2002/06 ergattert hatte. Nach dem Konkurs landete ein Teil der Rechte bei der Infront AG, die aus der Asche der ISL in Zug erwachsen war.

Ein Sonderstaatsanwalt durchleuchtet seither den Kollaps der ISL, speziell deren Verbindungen zur Fifa, Blatter wurde zu seiner Rolle bei Transaktionen verhört. Es gab sogar eine Razzia im präsidialen Office und in anderen Fifa-Büros. 2008, im Prozess gegen Topmanager der Agentur hielt das Strafgericht Zug fest, dass die ISL als Kickback-Station für hohe Sportfunktionäre fungiert und allein von 1989 bis 2000 die Schmiergeldsumme von 138 Millionen Franken ausgereicht habe.

Erst über Beraterhonorare, später über Stiftungen in Steuerparadiesen. Bedient wurden auch höchste Fifa-Funktionäre, namentlich Südamerikaner. Die Preisgabe weiterer Günstlinge ließ aber der in der Schweiz juristisch gut vernetzte Blatter verhindern.

Beziehungstat?

Beim Wechsel des Neffen an die Spitze von Infront dementierten alle Beteiligten strikt, dass dies auf der Beziehungsebene geregelt worden sei. Als Teil des üblichen Geschäftsgangs ist demnach auch zu sehen, dass die Agentur dick in WM-Geschäfte der Zukunft einsteigen konnte. Doch es gibt mehr als die filmreif anmutenden Familienbande im edelsten Erwerbssegement des Weltfußballs.

Da ist ja auch die alte Vernetzung der Fifa-Spitze mit den Lenkern von Match. Die Mexikaner Jaime und Enrique Byrom, gute alte Bekannte, sind besonders eng liiert mit der größten Skandalnudel im Fifa-Vorstand, Jack Warner. Der Mann aus Trinidad/Tobago hatte allein bei der WM 2006 in Deutschland mit Ticket-Deals Millionenprofite abgezockt.

Die Byrom-Brüder begannen als freie Touristikagenten bei der WM 1986 in Mexiko und 1990 in Italien. Nach der ersten Bruchlandung blieb, so die Zürcher Weltwoche, ein prominenter Teilhaber am Wegesrand zurück: Sir Bobby Charlton, Denkmal von Manchester United, soll einen Millionenbetrag verloren haben.

Run lässt auf sich warten

2001 erhielten die Brüder trotz kleiner Belegschaft das WM-Ticketing in Japan/Südkorea. Die klamme Fifa hatte ihren Kartenverkauf vorfinanziert, um wichtige Liquidität einzuholen. Der Ticketverkauf verlief desaströs. Hunderttausende Karten wurden zu spät gedruckt, die Tribünen wiesen enorme Lücken auf.

Ein von der Fifa in Auftrag gegebenes Gutachten fiel wenig vorteilhaft für die Byroms aus, berichten Eingeweihte, ein Gegengutachten habe dann ein hübscheres Bild gezeichnet. 2006 kamen die Byroms erneut zum Zug: Pannen über Pannen, die deutschen Organisatoren mussten eingreifen; sie taten es diskret wie stets.

Für Südafrika 2010 wollen die Brüder drei Millionen Tickets verkaufen; am Kap wird euphorisch mit 450 000 Gästen gerechnet. Dabei offeriert das Land nur 35.000 Hotelzimmer mit Gütesiegel, dazu 64 000 zertifizierte Räume in Gästehäusern, Pensionen, Nationalparks. Auch von diesen hunderttausend Betten vermarktet Match einen Großteil, mit 30 Prozent Aufschlag. Der Run lässt aber auf sich warten, die Welt drängt bisher nicht ins winterliche Südafrika.

Zugleich ruft Danny Jordaan, Chef des Organisationsbüros LOC, seine Landsleute zu mehr Begeisterung auf, Fifa und LOC richteten gar einen Fonds ein, der 120.000 Freikarten an ärmere Zielgruppen verteilen soll. Wie gut bei alledem die Arbeit von Match vorangeht, was es für die Zahlung der finanziellen Garantien bedeutet - das will man die Fifa in Südafrika lieber gar nicht erst fragen.

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SZ vom 05.01.2010/cai
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