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Videobeweis:Der Video-Assistent schafft keine Gerechtigkeit, er macht das Spiel nicht einmal gerechter

Außerdem ist die kalibrierte Linie ein zweidimensionales Gebilde; die Abseitsregel umfasst aber drei Dimensionen. Die Projektion der dritten Dimension auf die Linie birgt aufgrund der Kameraperspektiven damit weitere Ungenauigkeiten.

Wie wir überhaupt wissen, dass die Kameraperspektive für die Interpretation der Situation von erheblicher Bedeutung ist. Wie oft haben wir im Fernsehen schon Foulsituationen aus zwei, drei oder mehr Perspektiven gesehen und die Situation jedes Mal anders gedeutet. Selbst wenn die Situation durch zahlreiche Objektive abgebildet wird, gibt es kein objektives Kriterium für die Entscheidung. Auch im Keller in Köln sitzen Menschen - und diese können irren. (Wobei deren Irrtum dann noch viel schmerzlicher empfunden wird, sollen sie doch als Fehlerkorrektiv fungieren und daher selbst möglichst frei von Fehlern sein.)

Seitens der DFL heißt es: "Der Video-Assistent soll den Fußball ein Stück weit gerechter machen." Ein im Mantel der Bescheidenheit auftretender großer Anspruch. Denn genau das tut er nicht und kann es auch gar nicht. Denn: Gerechtigkeit ist keine skalierbare Größe; jedenfalls dann, wenn es um Verfahrensgerechtigkeit geht.

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Wer hat es noch nicht erlebt, dass auf einen fälschlich zugesprochenen Einwurf ein Tor folgte? Und bei Einwürfen (wie auch bei Eckballentscheidungen) darf der "Video-Assistent" nicht eingreifen. Was "spielentscheidend" ist, lässt sich jedenfalls im Vorfeld eines Spiels nicht definitorisch oder klassifikatorisch regeln.

Selbst wenn der Videobeweis die Anzahl von Fehlentscheidungen reduziert, so wird damit doch nicht mehr Gerechtigkeit ins Spiel kommen. Ein einziger falscher Pfiff kann genügen, um das Ergebnis eines Spiels als ungerecht erscheinen zu lassen. Selbst wenn beispielsweise zehn ungerechte (im Sinne von falschen) Entscheidungen des Schiedsrichters korrigiert würden, eine aber bestehen bliebe, kann das zustande gekommene Ergebnis ungerecht sein. Die Korrekturen haben das Spiel dann kein Stück weit gerechter gemacht. Eine bloße Reduktion der Fehlerhäufigkeit führt nicht zu einem "gerechteren" Ergebnis.

Resümee: Meine Anmerkungen möchte ich explizit als Plädoyer für die Abschaffung des "Video-Assistenten" verstanden wissen. Ich gestehe aber, dass es für einen derart weitreichenden Schritt wenig Hoffnung gibt, denn die Erfahrung lehrt, dass sich Einrichtungen, in die so viel Infrastruktur und Ausbildung geflossen sind, nur sehr schwer wieder "einstampfen" lassen.

Eine Minimalforderung erscheint mir aber unverzichtbar: Holt die Videoentscheidung zumindest wieder in das Spiel zurück! Schluss mit den unaufgeforderten Eingriffen des Videoschiedsrichters ins Spiel! Gebt jedem Trainer eine blaue oder grüne Karte, damit er - sagen wir, einmal pro Halbzeit - anzeigen kann, dass er eine Entscheidung überprüft sehen möchte! (Wie man das konkret ausgestaltet, also ob hier beispielsweise eine weitere Entscheidung infrage gestellt werden darf, wenn der erste Einspruch berechtigt war, ist diskutabel.) Das letzte Wort gebührt also der Dortmunder Legende Adi Preißler: "Entscheidend is aufm Platz!"

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