Fußball soll doch Spaß machen. So etwas predigt man Kindern gerne, obwohl man wie die Kinder weiß: Fußball macht freilich umso mehr Spaß, wenn man dabei gewinnt. Genau so lässt sich der Zustand der Männer-Nationalelf der USA nach den ersten beiden Spielen unter dem neuen Trainer Mauricio Pochettino beschreiben: Er muss gewinnen, damit es wieder Spaß macht. Sie hatten jetzt lange Zeit keine Freude mehr gehabt an diesem Spiel nach dem kläglichen Scheitern in der Gruppenphase der Copa América sowie dem 1:2 gegen den Kontinentalrivalen Kanada und dem folgenden Unentschieden gegen Neuseeland.
Danach kam Pochettino, und mit dem gab es gleich mal einen 2:0-Sieg gegen Panama, einen Gegner, der den Amerikanern noch im Sommer eine schmachvolle Niederlage beschert hatte. Der neue Trainer staunte nicht schlecht, als er sah, dass die US-Fans hinter beiden Toren riesige Plakate mit seinem Konterfei platziert hatten. „Das war ein riesiger Schock“, sagte der teuerste Trainer der US-Geschichte (sechs Millionen Dollar Jahresgehalt, zwei Jahre Laufzeit) über die Poster und die Ovationen der Fans, nachdem er ihnen seine technischen Fähigkeiten präsentiert hatte: Er hatte einen 30-Meter-Ball ins Aus elegant zum Einwurf weitergeleitet.
Die Nationalelf hatte nicht wirklich besser gespielt als davor, aber sie hatte gewonnen, also hatten alle wieder Spaß. Dann aber am Dienstag: 0:2 gegen den ewigen Rivalen Mexiko, das auch ein 0:4 hätte sein können. Es war ein schreckliches Spiel, und es sah nicht so aus, als hätte irgendwer auch nur ein klein bisschen Freude verspürt. „Das war wirklich nicht so gut“, sagte Pochettino danach: „Aber wir haben erst vor drei Tagen angefangen; aus diesem Spiel können wir viel lernen.“
Unter normalen Umständen würde man nun sagen: Gemach, da fehlte ein halbes Dutzend Stammspieler verletzt. Nun lasst ihn doch erst mal anfangen; eine Kultur etablieren, experimentieren. Nur: Sie haben nun mal keine Zeit im US-Fußball. Pochettino wurde mit einem einzigen Auftrag angestellt: bei der Heim-WM 2026 für so viele Siege und damit so viel Spaß wie möglich zu sorgen. „Ich bin mir der Verantwortung voll bewusst“, sagt Pochettino: „Dieser Sport mag vielleicht nicht hier erfunden worden sein, aber er gehört definitiv hierher.“
Was helfen die großen Talente, wenn sie als Teenager in andere Sportarten wechseln?
Vereinfacht ausgedrückt: Seit der Expansion und Professionalisierung der US-Fußballliga MLS bis 2012 und der Anstellung von Jürgen Klinsmann 2011 probieren sie es richtig, Weltspitze zu sein in diesem Sport. Doch selbst Optimist Klinsmann sagte, dass es eben ein bisschen dauere. Das Volk, das so gerne „I believe that we will win“ grölt, wurde ungeduldiger, und plötzlich gab es den Termin, an dem es so weit sein soll – nein, muss: die WM 2026, die in Nordamerika stattfindet. Es soll ein riesiges Fest werden mit 48 Teilnehmern und einem möglichst erfolgreichen Amerika, denn: Ein Fest ist umso launiger, je besser der Gastgeber drauf ist.
Es geht um das Sport-Selbstverständnis dieses Landes. Und das besagt, dass in einer Sportart, die es kennt (kaum jemand in diesem Land weiß, was Handball ist), respektiert und mag, die beste Liga der Welt hier beheimatet sein und das Nationalteam bei internationalen Turnieren dominieren muss. Jedenfalls, sofern es seine besten Akteure hinschickt, was es etwa im Eishockey nur selten tut. Fußball, das war mal dieses Gekicke der Südamerikaner und Europäer, und es war für sie: ein Sport für Frauen.
Nun aber haben sie den Fußball kennengelernt, auch durch die US-Gastspiele von Weltstars wie David Beckham, Zlatan Ibrahimovic und aktuell Lionel Messi. Sie respektieren und feiern den Sport, auch weil die Frauenelf zwei der drei zurückliegenden Weltmeisterschaften gewonnen hat. Ist halt recht blöd, dass die Männer nichts reißen. Die US-Liga MLS ist im Vergleich zu Europa und Südamerika noch immer niederklassig; die Nationalelf kam bei den Weltmeisterschaften 2010, 2014 und 2022 nicht übers Achtelfinale raus, 2018 verpasste sie die Qualifikation. Es nagt sehr an ihnen, dass sie nun wirklich probieren, erfolgreich zu sein – und es noch immer nicht sind. Sie produzieren grandiose Athleten in diesem Land; doch was hilft es, wenn die als Teenager zu anderen Sportarten wechseln, weil ihnen dort mehr Geld und – siehe zuletzt Olympia – mehr Ruhm winken? Was die USA brauchen: eine Kultur wie in Europa und Südamerika, und das führt zu Pochettino.

Der ist Argentinier, er hat 20 Länderspiele für die Nationalelf absolviert. Er hat jedoch den Großteil seiner Spieler- und Trainerkarriere in Europa verbracht. Er war bei Espanyol Barcelona, Paris St. Germain (das er auch trainierte) und Girondins Bordeaux unter Vertrag sowie Chefcoach von Southampton, Tottenham und Chelsea. Vielleicht so: Nach dem fußballerisch in Europa sozialisierten Amerikaner Gregg Berhalter, dem in Amerika sozialisierten Amerikaner Bruce Arena und dem in Amerika sozialisierten Deutschen Klinsmann (lebte als deutscher Nationaltrainer in Kalifornien) ist es nun ein Südamerikaner mit europäischer Fußballprägung.
Genau das bringt Pochettino mit: den europäischen Pragmatismus, bei einer Nationalelf nicht auf ein System festgelegt zu sein. „Was bringt das tollste System, wenn ich nicht einfach die Spieler dafür holen kann wie bei einem Verein“, sagt er: „Warum sollte ich einen zwingen, eine Position zu spielen, auf der er sich nicht wohlfühlt?“ Was feststeht: Offensivspieler Christian Pulisic vom AC Mailand soll der Star dieser WM werden; um „einen der besten Angreifer der Welt“ (Pochettino) wollen sie dieses Team bauen. „Das Talent ist da“, sagt Pochettino, in den kommenden 20 Monaten will er lieber auf die Teamkultur achten: „Wir wollen Spieler, die Spaß haben und leidenschaftlich dabei sind.“
Das ist der südamerikanische Teil, den er sogleich mit einer uramerikanischen Sportphilosophie verband: „Wir wollen Spieler, die an die ganz großen Dinge glauben – nicht nur, dass sie mal ein Spiel gewinnen können, sondern die Weltmeisterschaft.“ So was lieben die Amerikaner – solange auf den Glauben dann auch handfeste Siege folgen.

