US-Fußball:Das Dilemma des Gareth Bale

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US-Fußball: Zwölf Partien, zwei Tore: Gareth Bale, früher Real Madrid, kickt nun in Los Angeles.

Zwölf Partien, zwei Tore: Gareth Bale, früher Real Madrid, kickt nun in Los Angeles.

(Foto: Patrick T. Fallon/AFP)

Die Attraktion der Major League Soccer könnte im Finale trotz Verletzung eingesetzt werden. Doch Bale ist auch Kapitän der walisischen Nationalelf - und will zum ersten Mal in seiner Karriere bei der WM spielen.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Verfügbar. Das ist der Status von Gareth Bale vor dem Finale der nordamerikanischen Fußballliga MLS. Bale spielt für den Los Angeles Football Club, und weil die Angelenos hoffnungslose Romantiker sind, träumen sie nun alle von einem Szenario wie beim Champions-League-Finale 2018: Gareth Bale kam damals in der 61. Minute für Real Madrid aufs Feld und erzielte per Seitfallzieher und 40-Meter-Schuss die Treffer zum 2:1 sowie 3:1 gegen den FC Liverpool. Ach, raunen sich die US-Fußballfans vor dem Endspiel an diesem Samstag gegen Philadelphia Union zu, gerade weil Philadelphias Schlussmann Andre Blake in bestechender Form ist: Wäre das nicht das perfekte Hollywood-Ende dieses kurzen Gastspiels?

Verfügbar, bei diesem Wort handelt es sich um einen offiziellen Begriff im US-Sport, der besagt, dass ein Akteur grundsätzlich mal eingesetzt werden könnte, und darin liegt das Problem. Denn im Falle Bales bedeutet es: Er trainiert mit der Mannschaft, er könnte auch Spielzeit erhalten; er ist aber nicht 100-prozentig fit und kann wegen einer Verletzung am Abduktor beim Schuss nicht voll durchziehen. Schon im Halbfinale gegen Austin saß Bale 90 Minuten lang auf der Bank, weil er beim lockeren 3:0-Sieg nicht gebraucht wurde.

Das kam ihm vermutlich sogar zupass, schließlich will er auf gar keinen Fall, dass die Verletzung schlimmer wird. Er will nämlich woanders verfügbar sein: am 21. November, wenn die walisische Nationalelf bei der Fußball-WM in Katar gegen die USA antreten wird. Und darin liegt das Dilemma vor diesem Finale.

Gareth Bale, 33, ist erst im Sommer nach Los Angeles gekommen, der Grund war von Anfang an bekannt: Er wollte sich in Form bringen für die Weltmeisterschaft, für die sich sein Heimatland Wales erst zum zweiten Mal seit 1958 qualifiziert hat. Bale ist der Kapitän. Bei seinem alten Verein Real Madrid, so ahnte er, würde er nicht genügend Spielpraxis erhalten, ein kurzfristiges Leihgeschäft innerhalb Europas entsprach nicht seinen Plänen, und so erschien der Wechsel in die USA zum Los Angeles Football Club wie eine Win-Win-Win-Situation: Bale würde spielen und fit werden. Der Klub LAFC, schon damals auf Tabellenplatz eins, könnte sich weiter verbessern. Und die Liga wäre um einen Starspieler im Herbst seiner Karriere reicher: um eine Berühmtheit, ehrgeizig genug, ein paar spektakuläre Momente zu erzeugen.

Am 7. August traf Bale zum letzten Mal

Nun hat Bale zwölf Partien absolviert und dabei zwei Tore geschossen. Seit dem 7. August hat er nicht mehr getroffen, seit dem 14. September war er nicht mehr von Beginn an auf dem Feld, in den Playoffs spielte er bislang keine Minute. Die Lage hat sich mittlerweile verkehrt in ihr Gegenteil, sozusagen in eine Lose-Lose-Lose-Situation: Bale ist weder fit noch hat er Spielpraxis. Der LAFC ist auch ohne ihn der Favorit im Finale. Und in den USA debattieren sie darüber, ob es wirklich sinnvoll war, Bale nach Los Angeles zu holen, und ob dessen einziges Ziel nicht immer sichtbarer wird: nicht LA oder der Liga zu Glanz zu verhelfen, sondern verfügbar zu sein beim WM-Spiel gegen ausgerechnet die USA.

Die Major League Soccer (MLS) hat die Gepflogenheit noch nicht ganz abgelegt, alternde Stars aus Europa zu holen. Das ist manchmal erfolgreich: Mit dem 38 Jahre alten Italiener Giorgio Chiellini sind sie ebenfalls sehr zufrieden beim LAFC, und in seinem Fall erübrigt sich die Sorge um eine WM-Schonung: Italien ist für die WM nicht qualifiziert, Chiellini aus der Nationalelf zurückgetreten. Mittlerweile wollen die Klubs der MLS lieber junge Amerikaner für einen Wechsel nach Europa ausbilden, der Transfer von Bale gilt als Relikt aus einer vergangenen Zeit.

Doch eine Debatte, abseits der Fans und Fernsehexperten, wird kaum geführt. LAFC-Trainer Steven Cherundolo, in Deutschland bekannt wegen seiner 370 Spiele für Hannover 96 als Profi, betont bei jeder Gelegenheit, wie professionell Bale arbeite. Manager John Thorrington sagt: "Wir wollten ihn in Matchform bringen - das ist uns, wie ich ausdrücklich betonen will, gelungen." Der Nationaltrainer von Wales, Rob Page, erklärt: "Er kennt seinen Körper, er weiß am besten, wie er sich in Bestform bringt." Auch Bale selbst deutete beim Training unter der Woche an: alles in Ordnung.

Sie sind demnach alle zufrieden, und allen Bedenkenträgern erzählen sie die Geschichte von der WM-Qualifikation: Ohne Spielpraxis erzielte Gareth Bale die beiden Treffer gegen Österreich im März, in der Partie gegen die Ukraine im Juni war er trotz Rückenproblemen dabei. Also mal locker bleiben. Falls der LAFC am Samstag nach 80 Minuten ein Tor bräuchte, dann wissen alle: Gareth Bale ist verfügbar.

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