Gregg Berhalter Nach 412 Tagen kommt der Wunschkandidat

Der neue US-Nationalcoach Gregg Berhalter

(Foto: AP)
  • Der frühere Cottbus- und 1860-Fußballer Gregg Berhalter übernimmt das Amt des US-Nationaltrainers.
  • Sein Bruder Jay zieht im Hintergrund die Fäden.
  • Berhalter kündigt an: "Wir werden ein Team aufbauen, auf das ihr stolz sein könnt."
Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Gregg Berhalter! 100 Prozent all jener, die sich mit Fußball in den Vereinigten Staaten beschäftigen, nannten nach dem Rücktritt von Bruce Arena im Oktober 2017 aufgrund der verpassten Qualifikation für die WM in Russland diesen Namen als neuen Trainer der Nationalelf. Der US-Fußballverband jedoch kündigte eine intensive Suche an, eine umfassende Prüfung aller Kandidaten (deren Verfügbarkeit womöglich erst nach dem Ende der Saison in Europa und der WM in Russland bekannt war). Man wählte erst einmal einen neuen Verbandspräsidenten, Carlos Cordeiro, und verpflichtete einen Teammanager, Earnie Stewart. Und jetzt, nach einer 412 Tage dauernden und teils an Klamauk erinnernden Suche, lautet der Name des neuen Trainers: Gregg Berhalter!

Berhalter, ältere Fans in Deutschland werden sich erinnern, war jener US-amerikanische Verteidiger im WM-Viertelfinale 2002, der den Ball aus fünf Metern aufs deutsche Tor drückte, an die Hand von Torsten Frings. Noch immer fühlen sich daher die Amerikaner um den womöglich größten Triumph ihrer Verbandsgeschichte betrogen. Berhalter war, daran werden sich die treuen Fans in München und Cottbus erinnern, zudem ein umsichtiger Innenverteidiger, ein zuverlässiger Organisator und Anführer, er war jeweils Kapitän bei Energie Cottbus und beim TSV 1860. In den vergangenen Jahren, das dürfte in Deutschland allerdings kaum jemand wissen, war er in Doppelfunktion als Trainer und Sportdirektor bei der MLS-Franchise Columbus Crew tätig.

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Es ist eine nachvollziehbare Wahl, weil Berhalter, 45, einen Haken hinter sämtliche Anforderungen setzen darf, die der US-Verband ausgerufen hatte: vertraut mit den Sportstrukturen dieses Landes, in dem Fußball noch immer nur eine Randsportart ist (Berhalter ist im Schul- und Collegesystem der USA ausgebildet worden); dazu Kenntnis des europäischen Marktes durch 13 Jahre als Profi bei Vereinen in Deutschland, England und den Niederlanden sowie eine Trainerstation in Schweden; dazu Stallgeruch durch 44 Länderspiele und seine Zeit als Spieler und Trainer in der nordamerikanischen Profiliga MLS. Und: Berhalter ist kein Mitglied der Trainergeneration Bruce Arena/Bob Bradley. Und er ist nicht Jürgen Klinsmann.

Sein Bruder ist einer der mächtigsten Männer im amerikanischen Fußball

Die Wahl wirft dennoch Fragen auf: Warum hat die Suche 14 Monate gedauert, wenn am Ende doch der erste Kandidat eingestellt und mehr als ein Jahr der möglichen Entwicklung verschleudert wurde? Wollte der Verband nicht mit international bekannten Trainern verhandeln, mit Gerardo Martino (ehemals FC Barcelona und argentinische Nationalelf) oder Julen Lopetegui (FC Porto und Spanien, zuletzt Real Madrid)? Und warum luden die Verantwortlichen letztlich nur zwei Leute zum Vorstellungsgespräch ein, Berhalter und Oscar Pareja (FC Dallas, nun Club Tijuana)?

Die Spurensuche führt zu Jay Berhalter, Bruder von Gregg und einer der mächtigsten Männer im amerikanischen Fußball. Er arbeitet seit mehr als 25 Jahren im Verband, er war an der Organisation der Weltmeisterschaften 1994 (Männer) und 2003 (Frauen) beteiligt, seit 2000 hat er das Tagesgeschäft von US Soccer geführt, seit April ist er für die kommerzielle Seite verantwortlich und gilt als möglicher Geschäftsführer, wenn Dan Flynn aufhören wird. Jay Berhalter ist der Strippenzieher im Hintergrund, der Königsmacher.

Auch wenn er offiziell nichts mit der Anstellung seines Bruders zu tun hatte, so hat er immerhin den Teammanager Stewart als Verantwortlichen für die Trainersuche installiert - eine Trainersuche, die letztlich keine gewesen ist. Es war ein Warten auf Berhalter, der vertraglich bis vor Kurzem an Columbus gebunden war.

Der amerikanische Männerfußball ist nun in den Händen der Berhalter-Brüder. Das muss keine schlechte Sache sein, beide sind hoch angesehen, das Ergebnis ist deshalb nicht überraschend. Der Weg dorthin war aber eine unwürdige Posse, sportlich nicht nachvollziehbar und mit Spott aus In- und Ausland begleitet. In einer Videobotschaft an die Fans sagt Berhalter nun: "Wir werden ein Team aufbauen, auf das ihr stolz sein könnt." Das ist ein hoher Anspruch, und er könnte zum Problem werden: Statt sich 14 Monate einarbeiten zu können, muss Berhalter sofort loslegen und liefern.

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