Wirbel beim SSV UlmDie Spieler flehen, der Aufsichtsrat gehorcht

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Eine verunsicherte Mannschaft und ihre Fans: Das Team des SSV Ulm 1846 vor dem Heimspiel gegen Rostock am vergangenen Wochenende - das dann 0:5 verloren ging.
Eine verunsicherte Mannschaft und ihre Fans: Das Team des SSV Ulm 1846 vor dem Heimspiel gegen Rostock am vergangenen Wochenende - das dann 0:5 verloren ging. (Foto: Jasmin Walter/Getty)
  • Die Spieler des SSV Ulm fordern in einem Brandbrief die Entlassung von Sportchef Markus Thiele und Trainer Moritz Glasbrenner.
  • Der Aufsichtsrat trennt sich daraufhin am Montagabend einvernehmlich von beiden Führungskräften des kriselnden Drittligisten.
  • Die Kapitäne Johannes Reichert und Christian Ortag begründen ihren Schritt mit vergifteter Atmosphäre und zerstörtem Vertrauen im Team.
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„Helft uns, wir sind am Ende – seelisch, emotional und menschlich“: Die Mannschaft des kriselnden Fußball-Drittligisten SSV Ulm wendet sich mit einem Brandbrief an den Verein. Und der reagiert.

Von Christoph Leischwitz

Es zeichnet sich gerade ein Trend ab im deutschen Fußball: Nicht mehr einfach nur Trainer werden entlassen, wenn es gerade nicht läuft, jetzt werden auch mitten in der Saison viel weitreichendere Entscheidungen getroffen. Beim SSV Jahn Regensburg musste Anfang Oktober Sportchef Achim Beierlorzer gehen, beim TSV 1860 München Geschäftsführer Christian Werner. Bei den Löwen konnte sich auch Trainer Patrick Glöckner nicht halten, aber vor allem geht es darum, dass grundsätzliche Geschäftsmodelle über den Haufen geworfen werden.

Was sich nun in den vergangenen Tagen beim traditionsreichen SSV Ulm 1846 ereignet hat, fällt auch in diese Kategorie und stellt zugleich einen einmaligen Vorgang dar: Hier waren es die Spieler, die eine Zäsur in Auftrag gaben. Am späten Montagabend gab der Aufsichtsrat des Vereins bekannt, sich von Sportchef und Vorstandsmitglied Markus Thiele sowie von Trainer Moritz Glasbrenner zu trennen. „Einvernehmlich“, wie es in der Erklärung heißt, weil die Gespräche nicht zur „notwendigen Einigkeit“ und zu „gegenseitigem Vertrauen“ geführt hätten.

Der drohende tiefe Fall des SSV Ulm begann mit einem steilen Aufstieg. Die Spatzen hatten nach 22 Jahren Amateurzugehörigkeit einen furiosen Durchmarsch von der Regional- in die zweite Bundesliga hingelegt. Daran waren viele beteiligt, die direkt aus der Region stammen, auch Markus Thiele. Lange bestimmte er die Geschicke beim 75 Kilometer entfernten VfR Aalen. 2021 übernahm der 43-Jährige als Geschäftsführer in Ulm, er war einer der Väter des Erfolgs. Umso bemerkenswerter ist es, dass in einem öffentlich gewordenen Schreiben an den Aufsichtsrat seine Entlassung gefordert wurde.

Unterschrieben hatten diesen Brief die beiden Kapitäne Johannes Reichert und Christian Ortag, die beide zurzeit verletzt sind und bei der 0:5-Heimniederlage gegen Hansa Rostock nicht im Aufgebot standen. Gleich nach diesem Debakel kam der Brief mit seinen höchst emotionalen Formulierungen ans Licht der Öffentlichkeit. „Helft uns“, hieß es darin, die Situation sei „innerhalb des Teams mittlerweile unerträglich geworden“. Und: „Die Atmosphäre ist vergiftet, das Vertrauen zerstört. Das Verhältnis zwischen Mannschaft, Trainer und vor allem dem Sportdirektor ist komplett zerrüttet.“ Der Abwehrspieler Reichert und der Torwart Ortag erklärten, sie gingen diesen Schritt, um die anderen Spieler zu schützen.

Im Sommer 2021 übernahm Markus Thiele, 43, als Geschäftsführer in Ulm, er war also einer der Väter des Erfolgs. Nun musste er den Posten räumen.
Im Sommer 2021 übernahm Markus Thiele, 43, als Geschäftsführer in Ulm, er war also einer der Väter des Erfolgs. Nun musste er den Posten räumen. (Foto: Lucca Fundel/Imago)

Dass das Team „keinerlei Rückendeckung“ mehr bekomme, war tatsächlich zu lesen gewesen, als die Ulmer aus den vergangenen sechs Spielen nur einen Punkt geholt hatten. Die Führung hatte die Mannschaft als oft zu nett tituliert, Trainer Glasbrenner hatte einmal angemerkt, sie dürfe sich nicht ständig „den Lolly aus der Hand nehmen lassen“. Aussagen aus dem Umfeld der Spieler legen nahe, dass die emotionalen Formulierungen im Brief keine Untertreibung waren.

Dass der extreme Erfolg (zwei Aufstiege) und der möglicherweise extreme Misserfolg des aktuellen Tabellen-Achtzehnten so nah zusammenliegen, ist womöglich kein Zufall. Auf dem Weg nach oben mag einiges vorgefallen sein, was einen wieder einholt, wenn nicht mehr alle an einem Strang ziehen. Die Entwicklung war so rasant, dass dabei einige auf der Strecke blieben, die sich zuvor um den Verein verdient gemacht hatten. „Zwei, drei Weggänge verliefen nicht ganz glücklich“, sagt deshalb ein ehemaliger Mitarbeiter des Vereins. Wohlgemerkt Weggänge, die nach dem Abstieg aus der zweiten Liga stattfanden, im vergangenen Sommer.

Die verbliebenen Identifikationsfiguren haben den Machtkampf gewonnen

Als Aufstiegshelden wie Lennart Stoll oder Romario Rösch keinen Vertrag mehr erhielten, wurde im Team ein eingeschworener Freundeskreis auseinandergerissen. Einige im Vereinsumfeld sehen das so: Thiele, der auch Trainer Robert Lechleiter im September freistellte, obwohl er diesen aus gemeinsamen Zeiten in Aalen kannte, musste viele weitreichende Personalentscheidungen treffen – und hat dabei mögliche emotionale Reaktionen so stark ausgeblendet, dass gerade deswegen nun alle besonders emotional reagieren.

Insbesondere der Briefschreiber Johannes Reichert ist durch und durch ein Ulmer, der offenkundig kein Verständnis dafür aufbringt, warum bei einem drohenden zweiten Abstieg gleich noch weitere Identifikationsfiguren verloren gehen sollten. Reichert spielt mit zwei Jahren Unterbrechung seit 1996 für Ulm, seit er also ein fünfjähriger Knirps war; sein Wort hat Gewicht. In gewisser Weise war der Brief eine Machtprobe: Thiele oder wir. Die verbliebenen Identifikationsfiguren haben ihn gewonnen.

Ob der Verein jetzt darauf setzt, weitere Identifikationsfiguren zurückzuholen, etwa den Doppel-Aufstiegstrainer Thomas Wörle, der ebenfalls von Thiele keinen Rückhalt erhielt und immer noch vereinslos ist, blieb zunächst unklar. Der Verein verordnete sich erst einmal Ruhe. Dass der interne Hilferuf öffentlich wurde, habe die Entscheider schon auch „enttäuscht“, wie es heißt.

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