Türkgücü München in der 3. Liga:Steiler Aufstieg und krachender Fall

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Türkgücü München in der 3. Liga: Seit einiger Zeit trägt Türkgücü seine Heimspiele auch im Münchner Olympiastadion aus.

Seit einiger Zeit trägt Türkgücü seine Heimspiele auch im Münchner Olympiastadion aus.

(Foto: Thomas F. Starke/Getty Images)

Türkgücü hat einen Insolvenzantrag gestellt und ist nach dem Abzug von neun Punkten bald Tabellenletzter der dritten Liga. Offen ist, ob der Spielbetrieb weitergeführt werden kann.

Von Christoph Leischwitz

Maximilian Kothny ist 25 Jahre alt, vor wenigen Jahren verkaufte er noch Laptops in einem Computerladen. Bei Türkgücü München stieg er als Praktikant ein, dann war er zuständig fürs Ticketing und Social Media. Quasi mit Beginn der Pandemie wurde der Sportmanagement-Student zum Geschäftsführer ernannt, und plötzlich durfte er mit Millionen Euro jonglieren, er heuerte und feuerte Dutzende Spieler. Nur 23 Monate später muss Kothny den Gang zum Amtsgericht antreten und einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens stellen.

Der Grund: Präsident, Mäzen und Gesellschafter Hasan Kivran will nicht mehr zahlen und hat ganz offensichtlich die Nase voll von diesem Projekt, das nur Ärger macht. Kothny wird auch weiterhin den Münchner Drittligisten, der jetzt unter dem Aktenzeichen 1513 IN 198/22 firmiert, vertreten; die Zukunft ist völlig offen.

Es gibt niemanden, der den steilen Aufstieg und krachenden Fall dieses Fußballkonstrukts besser repräsentiert als der junge Quereinsteiger. Vorläufig wird Kothny aber nichts mehr sagen, was laut Pressemitteilung für alle Vereinsverantwortlichen gilt. Am Montag hat ein Insolvenzverwalter die Geschicke des Vereins übernommen. Dieser wird entscheiden, ob und wie es weitergeht für den Fußballverein.

Der Antrag reicht bereits aus, dass dem Verein laut DFB-Statuten neun Punkte abgezogen werden; der Abzug ist im Prinzip Formsache, kann aber durch mögliche Einsprüche noch um einige Wochen verzögert werden. Damit hat Türkgücü München nur noch zwölf Zähler und ist abgeschlagener Tabellenletzter. Die Mannschaft hatte am vergangenen Samstag 0:1 gegen den ehedem Letzten TSV Havelse verloren. Unabhängig von der finanziellen Lage erscheint der sportliche Verbleib im Profifußball also sowieso ungewiss.

Kothnys Pressemitteilung enthält eine deutliche Schuldzuweisung in Richtung Hasan Kivran

Der Insolvenzverwalter, der Münchner Rechtsanwalt Max Liebig, der im vergangenen Herbst die Insolvenz von Alfons Schuhbeck abwickelte, wird nun einen Plan zur Vorfinanzierung des Insolvenzgeldes aufstellen. Am Montag führte Liebig bereits erste Gespräche mit Vertretern der Türkgücü GmbH, er dürfte auch schon einen ersten Blick auf die Liste der Gläubiger geworfen und dabei festgestellt haben, dass diese ziemlich lang ist. Nach einer ersten Bestandsaufnahme wird Liebig dann die eigentliche Insolvenz leiten.

Die für Türkgücü wichtigste Frage wird zunächst sein, ob der Spielbetrieb weitergeführt werden kann. Die Spieler und die hauptamtlichen Mitarbeiter können für drei Monate von der Bundesagentur für Arbeit (BfA) weiterbezahlt werden, wenn auch nicht im vollen Umfang.

Bis Montagnachmittag waren nach SZ-Informationen die Januargehälter noch nicht angekommen. Es ist jedoch nicht ausgeschlossen, dass Kenan Kivran, der Bruder von Hasan Kivran und Leiter Finanzen von Türkgücü, die Gehälter noch überwiesen hat; in der Vergangenheit kamen sie bei Türkgücü durchaus auch mal leicht verspätet an. Rückwirkend auszahlen kann die BfA das Gehalt jedenfalls nicht. Die Spieler hatten am Montag trainingsfrei. Dem Sprecher des Vereins lagen jedoch keine Informationen vor, wonach Spieler zum Abschluss der Transferperiode am 31. Januar Türkgücü verlassen hätten oder verlassen wollten.

Es gibt keinen Hauptsponsor, keinerlei Liegenschaften und keine nennenswerten Zuschauereinnahmen

­Aufhorchen lassen einige Formulierungen in der Pressemitteilung Türkgücüs. Sie lassen darauf schließen, dass der Verein und Präsident Hasan Kivran fortan getrennte Wege gehen. "Nachdem zunächst zugesagte Gesellschaftermittel nicht flossen, wurde der Schritt des Antrages auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens unumgänglich", heißt es. Nach SZ-Informationen war es am vergangenen Donnerstag zu einem letzten Treffen zwischen Kothny und dem Hauptgesellschafter Kivran gekommen.

Viel Hoffnung, Kivran noch einmal umzustimmen, nachdem er seine Anteile schon seit vergangenem Jahr loswerden wollte, gab es aber schon da nicht mehr. Die deutliche Schuldzuweisung in Richtung Kivran, der seit seinem Einstieg bei Türkgücü als Präsident im Jahr 2015 de facto der alleinige Bestimmer war, kann nur eines bedeuten: Die Zukunft von Türkgücü München ist im Moment noch offen, aber es ist eine Zukunft ohne Hasan Kivran.

"Bis zum Tag der Antragsstellung haben wir alles in unserer Macht Stehende versucht, um diesen Schritt noch abzuwenden", erklärt Kothny weiter, "so gilt es jetzt, die Situation nicht als Ende, sondern als Chance zu sehen. Wir haben nun die Möglichkeit, uns ohne Belastungen aus der Vergangenheit und mithilfe von möglichen neuen, starken Förderern neu auszurichten." Dass diese Bewältigung der sehr jüngeren Vergangenheit ausreicht, ab sofort Förderer zu finden, erscheint jedoch unwahrscheinlich: Es gibt keinen Hauptsponsor, der Verein verfügt über keinerlei Liegenschaften und hat auch keine nennenswerten Zuschauereinnahmen vorzuweisen.

Allein das Drittliga-Derby zu Hause gegen 1860 München am 16. Februar könnte ordentliche Einnahmen generieren. "Mit einem langfristigen, stabilen und wirtschaftlich nachhaltigen Plan wäre aber ein Verbleib oder im Falle eines Abstiegs eine Rückkehr in den Profi-Fußball nicht ausgeschlossen", heißt es weiter. Einen langfristigen Plan hat es bisher nicht gegeben, und so kann dieser Satz nur bedeuten: Wir würden es ohne Hasan Kivran gerne noch einmal versuchen. Und hoffen, noch eine Chance zu bekommen.

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