Der Elfmeterdeuter
Mehr als eine Dekade ist vergangen seit jener Karrierephase, in der Thomas Müller der vielleicht beste Elfmeterschütze der Welt war. Eine überragende Bilanz hatte der junge Müller der Jahre 2014 und 2015, der die Torhüter immer lange anschaute und ins falsche Eck springen ließ. Das funktionierte so lange, bis sie einfach zurück starrten, stehen blieben und den sonst so stilsicheren Pähler in die Verzweiflung trieben: Er werde sich „künftig auf Fußball konzentrieren“ und die Kollegen Elfmeter schießen lassen, sagte Müller einmal, 2016, und schoss danach nur noch fünf Strafstöße in seiner Karriere. Bis nach Vancouver hat sich das alles aber offenbar nicht herumgesprochen. Dort gaben sie ihm den Ball, am Samstagabend, in der elften Minute der Nachspielzeit, beim Stand von 2:2 gegen St. Louis – die Geschichte war einfach zu gut: Müller die Chance zu geben, in seiner ersten Startelf-Partie für die Whitecaps den Siegtreffer zu erzielen. Blieb nur noch der Schuss: Hoch unter die Latte traf Müller, der altbekannte Torhüter Roman Bürki flog in die falsche Ecke, Vancouver gewann das Spiel. Felix Haselsteiner
Der 4×100-Tore-Mann

Eine Regenwolke hatte sich dafür entschieden, Cristiano Ronaldos Samstagabend sehr passend zu untermalen. Auf einem miserablen Fußballplatz in Hongkong (und nicht in Saudi-Arabien, wo Regen nur selten Szenen untermalt) stand der 40-Jährige, der soeben erneut keinen Titel gewonnen hatte: Seit Januar 2023 spielt Ronaldo inzwischen für Al-Nassr und ist die Sonne im planetarischen System des Saudi-Fußballs. Was allerdings nichts daran ändert, dass er noch keinen einzigen Pokal gewonnen hat. Auch nicht im saudischen Supercup-Finale gegen Al-Ahli, die Mannschaft des deutschen Trainers Matthias Jaissle (5:7 nach Elfmeterschießen). Für Ronaldo blieb nur eine Art Trostpreis, eine weitere glorreiche Statistik für seine Karriere: Nach Manchester United, Real Madrid und Juventus Turin hat er nun auch für seinen saudischen Verein eine dreistellige Anzahl von Toren erzielt, am Samstagabend war es per Elfmeter in der regulären Spielzeit Treffer Nummer 100. Man wurde allerdings den Eindruck nicht los, dass ihm so eine Einzelauszeichnung inzwischen nicht mehr viel bedeutet, angesichts der Regenwolke, die über seiner Saudi-Zeit schwebt. Felix Haselsteiner
Der Umschwärmte

Frankfurt ist bekannt für sein Bankenviertel, seine Skyline und für sündhaft teure Fußballstürmer, die bei der Eintracht in ungeahnte Höhen aufsteigen. In der Ahnenreihe von der Büffelherde bis zu Marmoush/Ekitiké scheinen sich die Angreifer immer gut verstanden zu haben. Insofern handelte es sich um ein gutes Zeichen, wie Jean-Mattéo Bahoya, 20, am Samstag über seinen Angreiferkollegen Can Uzun, 19, schwärmte. „Ich liebe es, mit ihm zu spielen“, sagte Bahoya nach dem 4:1-Sieg gegen Werder Bremen: „Ich hoffe, dass ich noch sehr lange mit ihm zusammenspielen werde.“ Kein Wunder, war Bahoya doch klarer Profiteur dieser Partnerschaft gewesen. Beide Tore des Franzosen wurden von Uzun vorbereitet, den ersten Treffer gönnte der Türke sich noch selbst. Bahoya und Uzun kennen sich nun schon ein Jahr, so lange werden sie gemeinsam in Frankfurt herangezogen. Eintrachts Manager Markus Krösche könnte somit mal wieder ein Umbruch im Stillen gelungen sein. „Ich möchte vielleicht 20 Tore schießen“, kündigte Bahoya an. Uzun hat bestimmt nicht weniger vor. Thomas Hürner
Der Problemfall

Eine Art Geisterstadt ist Mailand im August, die Straßen leer gefegt, die Läden geschlossen und die Mehrheit der Bewohner im Urlaub. In den vergangenen zwei Tagen allerdings wurden offenbar mehrere Ärzte in ihrer Ferienstimmung unterbrochen, so sehr hielt Victor Boniface die Stadt auf Trab: Vier Untersuchungen absolvierte er am Freitag und Samstag in Mailand, aus einem Medizincheck wurde ein Thriller, den die lokale Sportpresse ausführlich begleitete. Das Ganze endete schließlich in einem Rückflug nach Deutschland am Sonntag, denn: Boniface’ Gesundheit steht nach Meinung der AC Milan und zahlreicher konsultierter Ärzte zu sehr in Frage, als dass er als Hoffnungsträger gelten könnte. So einen suchen sie aber bei Milan, erst recht nach der peinlichen 1:2-Heimniederlage gegen Aufsteiger Cremonese – er sollte dann allerdings ungehindert spielen können. Boniface traut man das nicht zu, er gilt nach zwei Kreuzbandrissen während seiner Zeit in Norwegen und vielen muskulären Problemen ausgerechnet am Pharma-Standort Leverkusen als Transfer-Problemfall. Felix Haselsteiner
Der Matchwinner

Der Franzose Bryan Lasme, 26, verbindet mit dem Fußball in Deutschland bislang keine Erfolge. 2021 ist er vom FC Sochaux zum damaligen Bundesligisten Arminia Bielefeld gewechselt. 2022 stieg er mit der Arminia in die zweite Liga ab und 2023 in die dritte. In jenem Sommer wechselte er zum damaligen Bundesliga-Absteiger Schalke 04 und spielte eine halbwegs solide Saison. Anfang 2025 wurde er zu Grasshoppers Zürich verliehen, spielte dort wegen Verletzungsproblemen aber kaum. Im Sommer nun kehrte Lasme zurück nach Gelsenkirchen und avancierte jetzt binnen sieben Tagen gleich zweimal zum umjubelten Matchwinner. Vorletzten Sonntag erzielte er im Pokal beim Viertligisten Lok Leipzig 27 Minuten nach seiner Einwechslung den Treffer zum 1:0-Sieg in der 107. Minute – und am Samstagabend schoss er acht Minuten nach seiner Einwechslung im Revierderby gegen den VfL Bochum in der 79. Minute den sehenswerten 2:1-Siegtreffer. So sieht die Welt doch gleich wieder ganz anders aus. „Man hat gesehen, wie ein Stürmer mit dem nötigen Selbstvertrauen so eine Aktion erfolgreich zuende spielt“, lobte ihn der Schalker Trainer Miron Muslic. Ulrich Hartmann


