Zum Tod von Juan Figer:Pionier der Fußball-Industrie

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Zum Tod von Juan Figer: Juan Figer 2012 bei einem Spiel in Köln.

Juan Figer 2012 bei einem Spiel in Köln.

(Foto: Eduard Bopp/Imago)

Juan Figer wurde einst als "mächtigster Fußball-Agent der Welt" bezeichnet. Er war ein von Geheimnissen umwitterter Spielerberater mit großem Herz und fotografischem Gedächtnis.

Nachruf von Philipp Selldorf

Reiner Calmund erfuhr im Urlaub in Thailand vom Ableben seines Freundes Juan Figer, und wie es seine Art ist, hat er sich nicht damit begnügt, der trauernden Enkelin Stephanie ein paar mitfühlende Zeilen zu übermitteln. Stattdessen setzte er ein Kondolenzschreiben auf, das an Umfang und Tiefe einem druckreifen Nachruf gleicht. Er gab seiner Bestürzung Ausdruck, würdigte die Cleverness des aus Uruguay stammenden Geschäftspartners, beschrieb dessen einst überragende Stellung in der Fußball-Szene, um am Ende zu dem Punkt zu gelangen, auf den es ihm doch eigentlich ankam: "Am eindrucksvollsten aber war für mich immer sein großes Herz."

Jenes Herz hat am Silvestertag aufgehört zu schlagen. Ob Juan Figer im Alter von 86 oder 87 Jahren an einem Infarkt verschieden ist, darüber gehen die Angaben in den internationalen Medien auseinander. Unstrittig ist der Ort seiner Herkunft, Montevideo, über den Geburtstag kursieren verschiedene Versionen. Nicht, dass das unbedingt wichtig wäre, aber es passt ein bisschen zu der von Geheimnissen umgebenen Karriere des Mannes, der sich nicht damit begnügte, als Berater zahlreicher Stars Einfluss auf den Lauf des Fußballs zu nehmen.

Neben Dutzenden weiteren Spitzenspielern hatte er mit Diego Maradona, Sócrates und Zico zu tun, später mit Luis Figo, Zé Roberto und etlichen anderen brasilianischen Profis, die er nach Europa transferierte. In der späteren Calmund-Ära war er Bayer Leverkusens Hoflieferant, auch der FC Bayern, Schalke 04 und der Hamburger SV nahmen seine Dienste in Anspruch. In Brasilien und Uruguay kontrollierte er etliche bekannte Klubs, seine Beziehungen reichten aber auch in die Vorstände großer Vereine wie Real Madrid und in den Weltverband Fifa, dessen Präsident Josef Blatter ihm ein guter Bekannter und angeblich zu Dank verpflichtet war (weil er bei der Wiederwahl geholfen haben soll).

Die Titel, die dem Kaufmann Juan Figer in seinen besten Jahren zugeschrieben wurden, zeugen von seinem sagenhaften Ruf. Dass ihn die Medien als "König der südamerikanischen Spielerberater" und als "mächtigsten Fußball-Agenten der Welt" bezeichneten, dürfte Figer gefallen haben. Dass man seine Methoden immer wieder für mindestens "dubios" erklärte (unter anderem, weil er steuersparende Umweg-Finanzierungen organisierte) und ihn einem Mafioso gleich zum "Paten" erhob, dürfte ihm relativ einerlei gewesen sein.

Er hat keine besonderen Anstrengungen unternommen, um sich durch Öffentlichkeitsarbeit vorteilhaft ins Licht zu setzen, es gibt auch keine Biografie, in der er sich zu erklären oder zu rechtfertigen sucht. Calmund nannte den genussfreudigen, stets Zigarre rauchenden Impresario "ein abgebrühtes, aber ganz, ganz liebes Kerlchen". Figer konnte es sich erlauben, sein Lebenswerk für sich sprechen zu lassen. Ein Satz aus dem Erfahrungsschatz dieses Pioniers der Fußball-Industrie taugt als Lehrsatz für die Beraterschule: "Gute Spieler machen keine Arbeit, nur schlechte Spieler machen Arbeit."

Dass Figer ein intelligenter Mann war, das war schon publik geworden, bevor er 1970 das erste Vermittlungsgeschäft vollendete, indem er Pablo Forlán - Vater des noch berühmteren Angreifers Diego Forlán - von Peñarol Montevideo zum FC São Paulo brachte: Er hatte sich zuvor als südamerikanischer Schachmeister einen Namen gemacht. Calmund, der selbst über ein minutiöses Erinnerungsvermögen verfügt, sagt, Figer habe ein geradezu fotografisches Gedächtnis gehabt.

Diese Gabe dürfte ihm sehr geholfen haben, seine komplexen Geschäfte mit Niederlassungen in Brasilien, Japan und Spanien zu überschauen und seine vielfältigen Beziehungen zu pflegen. Sein Englisch war nicht berühmt, aber er sprach Spanisch, Portugiesisch und auch Deutsch, was der Bekanntschaft mit Calmund zugute kam. Diesem hatte der brasilianische Bayer-Spieler Tita einst den Titel "kleines, dickes Bandito" verliehen, aber Calmund findet, dass diese liebenswürdige Widmung auch seinem alten Freund Juan Figer gut gestanden hätte.

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