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Fußball: Schiedsrichter:"Auf dem Altar der Öffentlichkeit geopfert"

Schon in den vergangenen Tagen waren Ausschnitte aus dem privaten Schriftverkehr publik geworden. Doch insgesamt ist Amerells umfangreiche E-Mail-Sammlung das erste öffentliche Zwangsouting im deutschen Fernsehen, seit Rosa von Praunheim 1991 in der RTL-Plus-Sendung Explosiv Hape Kerkeling und Alfred Biolek als schwul bezeichnet hatte.

Und es wirkt immer noch so unappetitlich wie damals, auch wenn Amerell am Ende der Sat1-Sendung erklärt: "Es tut mir leid, dass ich diesen ganzen Mist in der Öffentlichkeit darstellen muss." Doch schuld daran seien weder er noch Kempter, sondern eine dritte Person, "und die sitzt in Frankfurt" - DFB-Chef Theo Zwanziger.

Der Fußball-Vorsitzende habe sich in der Causa früh und ohne Anhörung beider Seiten positioniert, kritisiert Amerell. Schon in den vergangenen Tagen war vom "System DFB" und vom "System Zwanziger" die Rede gewesen. Amerells Meinung nach habe der DFB-Boss sofort nach dem Bekanntwerden der Vorwürfe sowohl ihn, als auch Kempter aus dem Verkehr ziehen und die Sache regeln müssen. Dass Zwanziger das nicht getan habe, zeige, wie unfähig er sei.

"Er ging mit uns um, wie mit zwei Holzstücken"

Stattdessen sei er im Februar erpresst worden, aus gesundheitlichen Gründen von seinem Amt zurückzutreten. "Zwanziger hat in blindwütiger Weise zwei Menschen kaputtgemacht, die Ehre von zwei Menschen auf dem Altar der Öffentlichkeit geopfert. Er ging mit uns um, wie mit zwei Holzstücken, wo man draufhauen kann."

Nebenbei ergibt sich aus den E-Mails, dass sich Kempter im Frühjahr 2007 offenbar über das Ausscheiden des FC Bayern München in der Champions League riesig freute. Dann werde er eine Flasche aufmachen, kündigte er vor dem Match gegen den AC Mailand an, das die Deutschen verloren. "Unparteiische" stellt man sich anders vor.

Die grundsätzliche Strategie hinter Amerells Auftritt ist klar. Indem er Kempter als homosexuell darstellt und eine intime, von beiden Seiten gewollte Beziehung dokumentiert, beeinträchtigt er die Glaubwürdigkeit des DFB-Hauptbelastungszeugen Michael Kempter enorm. Der Vorwurf der Belästigung wäre demnach abseitig.

Amerell gestand nur ein, dass ihm Kempter nach den drei "körperlichen Beziehungen" eine E-Mail mit dem Satz "Das können wir nicht machen" geschrieben habe. Von Belästigung oder Bedrängung, das wiederholt Amerell seit dem ersten Tag der Affäre, könne keine Rede sein, alles sei einvernehmlich passiert. Genauso wenig davon, dass er kraft seines Amtes als einflussreicher Schiedsrichtersprecher Kempter in irgendeiner Form begünstigt oder benachteiligt habe. Und genauso wenig davon, dass er mit einem anderen Schiedsrichter so engen Kontakt wie mit Kempter hatte.

Doch es gibt ja noch die drei anderen Schiedsrichter, die in eidesstattlichen Verfügungen Gegenteiliges behaupten. Seit Donnerstagmittag sind die Namen der Amerell-Seite bekannt - und seit Donnerstagabend wissen sie, dass die Affäre für sie weitergehen wird. Denn neben den Ausführungen über seine Beziehung zu Michael Kempter und den Angriffen gegen DFB-Chef Zwanziger kündigte Manfred Amerell im Fernsehen auch rechtliche Schritte gegen Kempter und die Unterzeichner der eidesstattlichen Verfügungen an: "Mit allen vier wird sich in kürzester Zeit der Staatsanwalt beschäftigen."

Es wird also wohl nicht die letzte Fernsehsendung oder das letzte Zeitungsinterview zu dem Fall gewesen sein. "Auf jeden Fall sind die Dinge eindeutig", sagte Amerell bei Kerner.

Diese Meinung dürfte er derzeit ziemlich alleine haben.

© sueddeutsche.de/jja/jobr
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