Fußball-Regionalliga Bayern:Tausch mit Sinn

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Muss künftig weniger im Auto sitzen: Andreas Pummer, noch beim FC Pipinsried. (Foto: Sven Leifer/Foto2press/Imago)

Andreas Pummer wechselt vom FC Pipinsried zum Bayernligisten FC Deisenhofen - im Gegenzug könnte dessen Trainer Hannes Sigurdsson beim FCP landen.

Von Christoph Leischwitz

Wahrscheinlich ist das Verkehrsaufkommen, speziell in Ballungsräumen, immer noch ein arg unterschätzter Faktor, wenn es um die Zukunft von Spieler- und Trainerkarrieren geht. Andreas Pummer zum Beispiel wohnt in Taufkirchen und hat erst nach ein paar Monaten registriert, wieviel Sitzfleisch es eigentlich benötigt, um den FC Pipinsried zu trainieren - vor allem, was das Training unter der Woche angeht. 71 Kilometer einfach fährt er, "58 Minuten, wenn ich freie Fahrt habe". Das mit der freien Fahrt ist, wenn man zu Stoßzeiten durch München durch muss, bekanntlich eher selten der Fall. Natürlich war die Fahrerei nicht der einzige Grund, warum Pummer in der kommenden Saison den FC Deisenhofen trainieren wird, aber für einen Familienvater durchaus ein bedeutsamer. Zum Bayernligisten fährt er künftig keine zehn Minuten.

Bis dahin hat der 39-Jährige aber noch eine wichtige Aufgabe zu erledigen: den Dorfklub in der vierten Liga halten. Das scheint ganz gut zu gelingen, gegen andere Abstiegskandidaten feierte Pipinsried zwei Siege hintereinander, und am vergangenen Samstag stellte sich die Mannschaft auch gar nicht so schlecht an bei der 1:2-Heimniederlage gegen die SpVgg Unterhaching - vor allem, wenn man bedenkt, dass auf der Ersatzbank gerade mal zwei Feldspieler saßen. "Es war unter der Woche nicht einfach, wir haben aus dem Schalding-Spiel (1:0-Sieg, d. Red.) zwei Verletzte, die nicht zwei Wochen ausfallen, sondern eher sechs Monate", sinnierte Pummer. Hinzu kamen weitere Verletzte und noch einige Coronafälle. Wichtige Akteure, Benny Kaufmann und Atdhedon Lushi, fehlen wegen Kreuzbandrissen. Letzterer beendete nach dieser Verletzung sogar seine Karriere, wie nun bekannt wurde. Lushi ist erst 29 Jahre alt, war zuletzt vor allem beim Liga-Konkurrenten VfB Eichstätt sehr erfolgreich und genießt seit 2017 in Pipinsried Aufstiegshelden-Status. Damals zog der Verein zum ersten Mal in die vierte Liga ein.

Besitzt die für die Regionalliga benötigte A-Lizenz: Trainer Hannes Sigurdsson, noch beim FC Deisenhofen. (Foto: Sven Leifer/Foto2press/Imago)

Die einem Dorfverein oft typische Beständigkeit ist in Pipinsried schon lange nicht mehr gegeben, der halbprofessionelle Regionalliga-Alltag schafft auch hier eine höhere Fluktuation in Sachen Transfers. Vieles wirkt dadurch improvisiert und mithin nicht langfristig geplant, wie zum Beispiel bei der Verpflichtung des weit entfernt wohnenden Pummer. Das war auch schon vor der Pandemie, die allerorten Improvisation erforderte, oft nicht anders gewesen. Offenkundig hat man es jetzt bei der Verpflichtung eines neuen Trainers auch wieder ziemlich eilig, so eilig, dass es am vergangenen Samstag in Pipinsried zu einer kuriosen Situation kam. Als sich das Vereinsheim nach dem Spiel gerade füllte - die Pressekonferenz mit dem prominenten Haching-Coach Sandro Wagner stand an -, unterhielt sich Pipinsrieds Geschäftsführer Tarik Sarisakal inmitten all des Treibens mit: Hannes Sigurdsson, dem Trainer des FC Deisenhofen. Der hatte eigentlich gerade mit dem FCD 0:2 beim FC Ismaning verloren, war aber offenkundig gleich danach weitergefahren - dem Vernehmen nach, um sich in Pipinsried mal die Räumlichkeiten anzusehen. Dass sein Besuch Spekulationen auslösen könnte, schien keinen der Beteiligten zu stören.

Der ehemalige isländische Nationalspieler Sigurdsson will den nächsten Schritt machen

Die offizielle Bestätigung steht noch aus, doch es bahnt sich tatsächlich ein Trainertausch an, der auch insofern sinnvoll klingt, als der ehemalige isländische Nationalspieler die für die Regionalliga benötigte A-Lizenz besitzt, auf die sich Pummer zuletzt erfolglos beworben hatte (das Einreichen einer Bewerbung reicht allerdings schon aus, um Regionalliga-Trainer bleiben zu dürfen). Sigurdsson hatte zuvor schon angekündigt, in Sachen Karriere den nächsten Schritt machen zu wollen. Deisenhofen ist seit Jahren eine Spitzenmannschaft in der Bayernliga, das Thema Aufstieg hat sich heuer allerdings erledigt, das Team steht aktuell auf Rang acht.

Ein Trainertausch hat einen großen Vorteil: Keiner der beiden wird zu einer so genannten lame duck, beide haben ein Interesse daran, dem jeweils anderen eine intakte Mannschaft zu hinterlassen und am Ende nicht noch in den Abstiegskampf zu rutschen, sodass eine langfristige Kaderplanung möglich ist. Nur eines scheint Sigurdsson nicht bedacht zu haben: Er wohnt im Süden Münchens, rund 60 Kilometer einfach wird auch er zurücklegen müssen, um an Werktagen zum Training nach Pipinsried anzureisen.

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