Fußball: Real Madrid Der Herr Ingenieur lässt Real träumen

Der Chilene Manuel Pellegrini, neuer Trainer in Madrid, soll aus einer Ansammlung egozentrischer Weltstars eine richtige Mannschaft machen.

Von Javier Càceres

Die blauen Augen des Manuel Pellegrini verheißen ewige Melancholie und Sehnsucht, doch das täuscht. "Ich bin nie ein Träumer gewesen, denn der Träumer bleibt seinen Träumen verhaftet, lebt in ihnen, kehrt nie zur Erde zurück. Ich hingegen habe meine Träume mit den Händen berührt", hat Pellegrini einmal gesagt. Das war lange bevor er Anfang Juni in das Amt eingeführt wurde, das ihm jetzt wohl die meisten Trainerkollegen auf der Welt neiden dürfte: das Amt des Chefcoachs bei Real Madrid.

"Wenn es nur darum geht, Spieler in ein taktisches Konzept zu pressen, könnte das jeder Depp": Real-Coach Manuel Pellegrini hält viel von Psychologie.

(Foto: Foto: Reuters)

Knapp 250 Millionen Euro hat Vereinspräsident Florentino Pérez zum Start der spanischen Liga an diesem Wochenende in neues Personal investiert - und seinem Coach damit einen Kader zur Verfügung gestellt, der höchste Ansprüche weckt. Cristiano Ronaldo, Kakà, Xabi Alonso, Benzema, Albiol, Granero und Arbeloa heißen die Zugänge, sie verstärken eine Belegschaft, in der bereits Stars wie Casillas, Sergio Ramos, Metzelder, Diarra, Lass, Guti, Robben Raúl oder van Nistelrooy für eine gewisse Brillanz bürgten.

"Kauf ihm einen Helm"

Gemeinschaftlich sollen sie nun den Affront des Vorjahres vergessen machen. Der Erzrivale FC Barcelona holte nicht bloß drei Titel - Pokal, Meisterschaft und Champions League -, sondern verzauberte die Welt mit seinem Spiel. Nun soll Pellegrini dies wettmachen, für kühle Resultate und herzerwärmende Ästhetik bürgen - in einem Verein, der in den vergangenen fünf Jahren acht Trainer verschlissen hat, darunter Bernd Schuster. Pellegrini schreckt das nicht. "Kein Zeitpunkt hätte geeigneter sein können, um bei Real zu unterschreiben, ich bin bestens vorbereitet", sagte er in dem sachten Ton, der ihn charakterisiert. Und der sich so abhebt von den schrillen Klängen im stets aufgekratzten Profi-Universum.

Überhaupt ist Manuel Pellegrini, 56, eine einzigartige Figur in der Fußballwelt, allein schon der Herkunft wegen. Er wurde in Chile geboren, "in einem sehr kleinen Land, das fern der Orte liegt, wo die Dinge passieren", wie er selbst einmal sagte. Er stammt aus begüterten Verhältnissen, besuchte elitäre Schulen wie das St.George College, dessen Lehrpläne Leichtathletik oder Rugby einen weit höheren Rang einräumten als dem Proletensport Fußball. Bei Universidad de Chile, der "U", Profi zu werden, erlaubten ihm die Eltern nur, weil er Schule und Studium als Bauingenieur mit Bestnoten abschloss. Sein Profidebüt feierte Pellegrini 1973 im Estadio Santa Laura, weil das Nationalstadion, eigentliche Heimstatt der "U", nach dem Putsch vom 11. September 1973 als Folter- und Gefangenenlager missbraucht wurde.

Spitzname "Peligrosini"

Bei seinem Debüt saß sein Vater auf der Tribüne, das erste und lange Zeit einzige Mal, dass er zu einem Spiel kam. Seiner Frau, Mutter von insgesamt acht Kindern, raunte er dabei der Tribüne zu, man müsse dem Jungen einen Helm kaufen: "Bei den ganzen Stirnschlägen wird der noch blöd." Auch die chilenische Presse beäugte Pellegrinis Karriere kritisch. Er galt als technisch limitiert, als "Peligrosini", wegen des naheliegenden Wortspiels aus peligro, Gefahr, und dem Nachnamen des Verteidigers."Meine Arbeit ist immer sehr reserviert betrachtet worden, vielleicht, weil meine Herkunft Fußball-atypisch war", sagt er. Erst in Argentinien sollte er hochachtungsvoll "El Ingeniero", der Ingenieur, genannt werden. Doch das war viele Jahre später.

Früh, vielleicht zu früh, ist Pellegrini Trainer geworden. 1987 übernahm er die kriselnde "U" und stieg ab. Er hatte daran seinen Anteil: Um sich fortzubilden, flog er einen Monat lang nach Europa, während seiner Abwesenheit leitete sein Assistent das Team - und verlor alle Spiele. Erst im Ausland hatte er Erfolg, wurde in Ecuador mit LDU Quito Meister, zog 2001 weiter nach Argentinien, erst zu San Lorenzo, dann zu River Plate - und wurde schließlich, bereits als "Ingeniero" geadelt, 2004 vom FC Villarreal verpflichtet.

Neben dem Fußball entwickelte er außergewöhnliche Hobbys wie das Studium der deutschen Sprache. "Um das Hirn zu schulen", wie er sagte, "um deutsche Zeitungen entziffern zu können, meine Herausforderung besteht darin, zu kämpfen." Villarreal, einen weitgehend traditionslosen Klub, etablierte er nicht bloß in Spanien, sondern gleich in Europa - mit überaus feinem Spiel.

Spaniens Wenger

Den "Arsène Wenger Spaniens" nennt ihn nun Reals Generaldirektor Jorge Valdano, was wohl auch damit zu tun hat, dass Pellegrini für offensives Spiel bürgt . Er bevorzugt ein 4-4-2-System mit zwei defensiven Mittelfeldspielern vor, doch für weit wichtiger hält er die Moderation der Gruppe - was im Fall der egolastigen Real-Mannschaft eine enorme Rolle spielen dürfte.

Früher, so sagt er, habe er alle gleich behandelt, seit er sich ausgiebig mit Werken über emotionale Intelligenz auseinander gesetzt hat, hält er genau das für einen Fehler. Viele Trainer hätten bei der einen Mannschaft Erfolg, bei der nächsten nicht. "Die fußballerischen Kenntnisse sind dieselben. Was verloren geht, ist der Zugang zu einer Gruppe. Wenn es nur darum ginge, Spieler in ein taktisches System zu pressen, könnte das jeder Depp tun."

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