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Englands Nationalelf:Notwehr auf dem Platz

England - Sancho und Kane

Jadon Sancho (links) und Harry Kane beim EM-Qualifikationsspiel gegen Kosovo

(Foto: dpa)
  • Englands Nationalteam befürchtet erneute rassistische Zwischenfälle bei den EM-Qualifikationsspielen am Freitag und am Montag.
  • Sollten Spieler erneut wie schon in Montenegro beschimpft werden, will das Team geschlossen den Platz verlassen.

Tammy Abraham ist ein Fußballer, den man spätestens seit dieser Saison in England kennen sollte. Acht Spiele hat der junge FC-Chelsea-Mittelstürmer in der Premier League bestritten, acht Mal traf er dabei ins Tor. Abraham hat eine steile Karriere hingelegt, seit er von der Reserve Chelseas über die Station Aston Villa zur Profiabteilung des Londoner Europa-League-Siegers gestoßen ist. Es kann ja manchmal sehr schnell gehen im Profifußball, und so darf der 22-Jährige dieser Tage auch wieder auf Länderspieleinsätze für England hoffen.

In den EM-Qualifikationsspielen gegen Tschechien an diesem Freitag und gegen Bulgarien (Montag) könnte Abraham seine ersten Pflichtspielminuten für England absolvieren, weshalb er nun auf einer Pressekonferenz vorsprechen durfte. Dort machte der Mann mit nigerianischen Wurzeln mächtig auf sich aufmerksam. Abraham referierte offen über Rassismus und kündigte Maßnahmen an, die im Fußball bisher einzigartig wären. Englands Nationalteam bekam es auswärts in Osteuropa zuletzt mehrmals mit fremdenfeindlichen Schreihälsen zu tun - in den nicht gerade als schreihalsfrei bekannten Arenen von Prag und Sofia sind nun erneute Zwischenfälle zu befürchten.

Sollte das passieren, wollen die Engländer ein Zeichen setzen, wie Abraham nun in London berichtete. Die Spieler haben vereinbart, in diesem Fall Widerstand zu leisten und das Spielfeld zu verlassen - und zwar geschlossen als Mannschaft: "Wenn das einem von uns passiert, passiert es allen", sagte Abraham und verwies auf den Vorschlag des Kapitäns: "Harry Kane hat gesagt, wenn wir unglücklich sind, wenn ein Spieler unglücklich ist, dann verlassen wir alle den Platz." Eine bemerkenswerte Haltung.

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Englands Nationalspieler Danny Rose wird während des Länderspiels in Montenegro rassistisch beleidigt - seine Mitspieler fordern die Uefa zum Handeln auf.

Dabei ist Kane bisher nicht als großer Gesellschaftspolitiker aufgefallen. 2016 sagte der Tottenham-Torjäger, dass er zum Thema Brexit nichts zu sagen habe, er wisse nichts darüber. Ein klares Statement gegen Rassismus scheint ihm nun aber ein Anliegen zu sein - dafür nähmen die Engländer offenbar sogar eine Bestrafung in Kauf. Wenn ein Team ein Spiel eigenmächtig beendet, kann die Uefa Punktabzüge aussprechen, selbst wenn Affenrufe oder Beschimpfungen ein triftiger Grund zum Abmarsch wären. Möglich ist aber auch, dass der Schiedsrichter die Partie abbricht.

"Wenn so etwas passiert und wir uns entscheiden, vom Platz zu gehen, ist es schon etwas Ernstes", betonte Abraham, "wir wollen, dass die Welt sieht, dass wir solche Beleidigungen nicht hinnehmen."

Auch wenn dieser Alarm und angedrohte Weiterspiel-Boykott Rassisten unter den generischen Fans erst recht auf den Plan rufen könnte, haben die Engländer gute Gründe, so vehement zu agieren: Schlimme Pöbeleien auf dem Platz gab es auch dieses Jahr mehrere.

ManCity-Stürmer Raheem Sterling beantwortete im März beim Spiel in Montenegro minutenlanges Schmähgegröle auf seine Art: mit dem Tor zum 5:1- Endstand und einer Geste in Richtung Ohren, um zu signalisieren: Na, was sagt ihr jetzt? Das Geplärr bezog sich damals auch auf Verteidiger Danny Rose und den lange vom FC Bayern umworbenen Debütanten Callum Hudson-Odoi. Nationaltrainer Gareth Southgate nannte die Vorfälle in einer emotionalen Ansprache "völlig inakzeptabel" und verwies auf ein Bildungsproblem in manchen Fankurven: "Strafen sind nichts wert, wenn wir nicht anfangen, Menschen zu erziehen." Niemand werde als Rassist geboren, urteilte er sehr humanistisch.

Die Uefa sanktionierte Montenegro mit einer Geldstrafe und einem Heimspiel vor leeren Rängen - ein viel zu mildes Urteil, klagte Spurs-Profi Rose: "Da fehlen mir die Worte." Bei der Montagspartie in Sofia werden auf Uefa-Geheiß 5000 der 46 340 Plätze des bulgarischen Nationalstadions leer bleiben. Auch bulgarische Zuschauer waren im Juni gegen Tschechien und Kosovo mit homophoben Ausbrüchen auffällig geworden.

Abraham, der auch rassistische Kommentare im Netz aushalten musste, gab seinem Nationaltrainer Denkanstöße: "Ich bin dafür zuständig, meine Spieler zu schützen und zu unterstützen", sagt Southgate, und ja: "Vielleicht ist es in solchen Fällen ein Weg, das Team vom Platz zu beordern."

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