Fußball-Profi Andreas Ottl Liegt es an den Ansprüchen?

Darum geht es ihm auch jetzt: um andere, um neue Seiten. "Ich will mich auch persönlich weiterentwickeln."

Vereinslosen Fußballern wie Ottl bietet die Spielergewerkschaft, die Vereinigung der Vertragsfußballspieler (VdV), Unterstützung an; zu den Trainings-Camps kamen im vergangenen Sommer knapp 40 Fußballer. Die meisten waren zuvor in der zweiten oder dritten Liga, ein paar haben wegen einer schweren Verletzung keinen neuen Vertrag bekommen. Dass ein Spieler aus der Bundesliga keinen neuen Verein findet, sei "sehr selten", sagt Sprecher Ulf Baranowsky. "Meistens hatte er dann sehr hohe Ansprüche."

Ottl hatte mehrere Angebote, vor allem aus dem Ausland, als Meister, Außenseiter, Absteiger reizt ihn die Bundesliga nicht mehr. Sein Berater, der unter anderem auch Ottls guten Freund Philipp Lahm betreut, schaute und hörte sich also um, ein paar Mal wurde es konkreter. Immer sagte Ottl ab. Einem Verein aus Russland, 800 Kilometer von Moskau entfernt: nicht spannend genug, dazu die Sorge, sich nicht wohlzufühlen. Im Herbst einem Verein aus Italien, nicht aus der ersten Liga: nicht spannend, dazu die Hoffnung, dass im Winter ein besseres Angebot kommen könnte. "Vielleicht habe ich zu große Ansprüche", sagt Ottl, "aber die nehme ich mir eben auch. Ich habe eine Freundin, ich habe meine Familie - und das muss auch für die passen."

Früh, mit dem Veto seiner Mutter, hatte Ottl gelernt, wie richtig es sein kann, geduldig zu bleiben. Eineinhalb Jahre nach der Absage fragte der FC Bayern erneut an, Ottl wechselte. Er pendelte jahrelang, eine Stunde lang vom Münchner Norden bis an die Säbener Straße. Schaute zum U-Bahn-Fenster raus. Beobachtete die Leute. Dachte nach. Diese Geduld bewahrte er sich, als er 2005 vom damaligen Trainer Felix Magath zu den Profis befördert wurde.

Mehmet Scholl, damals in den letzten Jahren seiner Karriere, nannte Ottl bald: den Schwamm. Weil der sich umschaute. Beobachtete. Nachdachte. Weil er sich Eigenschaften abschaute, Zweikampfverhalten, Passspiel, Umgang in der Mannschaft. Und weil er sich so in den fünfeinhalb Spielzeiten für den FC Bayern den Ruf eines Musterprofis erwarb. Er trainierte fleißig. Er maulte nie. Und wenn ein Spieler verletzt war oder geschont wurde, spielte Ottl. Aufmerksam, solide, unaufgeregt. "Das ist schon auch ein Kampf, den man mit sich selbst austrägt", sagt Ottl, "man sagt sich: Man muss rational denken. Man muss die Unzufriedenheit runterschlucken und sie eben nicht preisgeben, nicht öffentlich für Unruhe sorgen." Es war kein leichtes Leben. Und doch fiel es Ottl nicht schwer. "Ich war kein Spieler, der extrem im Fokus sein musste. Viele Spieler wollen das. Ich war immer ganz froh, wenn ich nicht im Vordergrund war, sondern mich ein bisschen zurückziehen konnte."

Ottl wurde ein Fußballprofi, der nicht nur für den Fußball lebte. Er lebte professionell, das schon. Doch er interessierte sich immer auch für andere, für neue Seiten. Ein Interesse, das stärker wurde, je länger Ottl Fußballprofi war.

Nach den fünfeinhalb Jahren für den FC Bayern - unterbrochen von einer Rückrunde auf Leihbasis in Nürnberg - trennten sich Verein und Spieler im Sommer 2011; der damalige Trainer Jupp Heynckes zählte nicht auf Ottl, der Spieler spürte es. Er wechselte nach Berlin, in eine aufregende Stadt, spielte unter den Trainern Babbel, Skibbe, Rehhagel. Stieg ab. Und nahm sofort das Angebot des FC Augsburg an, Trainer Markus Weinzierl bezeichnete ihn als "Wunschspieler". Es war einer der wenigen Momente in Ottls Karriere, in denen er nicht geduldig war. "Rückblickend hätte ich da vielleicht warten sollen."

In den ersten 14 Spieltagen sammelte Augsburg sieben Punkte, Ottl spielte meistens, er war: das Gesicht des Misserfolgs. Im Winter verletzte er sich, ein Anriss im Außenband, nichts Schlimmes. Ohne ihn fing Augsburg an zu gewinnen, andere wurden die Gesichter des Erfolgs, Ottl blieb: das Gesicht des Misserfolgs. In der Rückrunde spielte er dreimal. In der zweiten Saison in Augsburg überhaupt nicht mehr.

In den letzten Monaten in Augsburg wurde Andreas Ottl daher wieder zu einem Schwamm. Allerdings außerhalb des Fußballplatzes. Seine Freundin eröffnete einen Online-Handel für Wohneinrichtung, Ottl ist Gesellschafter. Und er arbeitet mit, seit dem Sommer auch im Alltagsgeschäft, bis zu sechs Stunden täglich. Wieder lernt er von anderen. E-Commerce, Suchmaschinenoptimierung, Marketingstrategien. Er startete eine zweite Karriere, ehe er die erste beendet hatte. Und muss nun zwei Karrieren gleichzeitig planen. "Vielleicht ist es ein großer Luxus, das zu machen. Vielleicht ist es auch schlecht für mich. Aber ich treffe eine Entscheidung nur, wenn es auch passt. Wenn das nicht der Fall ist, habe ich keine Scheu abzusagen", sagt Ottl, "Fußball ist mit das Wichtigste in meinem Leben. Aber ich kann mich auch auf andere Weise gut beschäftigen. Ich habe nicht die Angst, dass ich irgendwann dastehe und nicht mehr weiß, was ich machen muss."

Ein, zwei Jahre in den USA würden ihn reizen

Seit dem Vertragsende in Augsburg hält sich Ottl selbständig fit, mit sechs Einheiten in der Woche. Morgens Stabilisation, Kräftigung, danach geht er laufen. Dreimal in der Woche trainiert er mit dem Ball, meistens mit seinem älteren Bruder Christoph. Passübungen, Technikübungen, einfach das Ballgefühl behalten. Ottl sagt: "Ich brauche vielleicht ein, zwei Wochen, um wieder in diesen Fußball-Rhythmus zu kommen." Und um aus dem neuen Rhythmus seines Lebens herauszukommen.

Wenn ihn seine Eltern zum Mittagessen am Sonntag einladen, sagt er zu, ohne sich nach dem Spielplan zu richten. Er geht zu den 30. Geburtstagen seiner Freunde. Mit seiner Freundin war er vor wenigen Wochen für ein Wochenende in Stockholm. Die Bundesliga verfolgt er weiter, aber nicht sklavisch. Samstag, 15.30 Uhr, es ist kein Pflichttermin mehr für ihn. Im Stadion war er in dieser Saison einmal, ein Fernsehsender hatte ihn eingeladen.

Seit Neujahr verfolgt Ottl die Fußballnachrichten wieder aufmerksamer, gerade die aus dem Ausland. Ein, zwei Jahre in den USA würden ihn reizen, vielleicht auch in Spanien oder Italien. Auch Athen, vor allem als Stadt. Oder China. Und wenn weiter nicht das Angebot kommt, das ihn reizt? "Irgendwann kommt sicher der Punkt: Jetzt ist das Kapitel zu Ende. Machen wir ein anderes."

Dann öffnet Ottl schwungvoll die Tür, er will noch ins Büro, zum Sport, mit seiner Freundin ins Restaurant. Es ist ein ganz normaler Tag in seinem Leben, und Andreas Ottl möchte nichts davon verpassen.