Premier League:Fußball zwischen den Fronten

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Premier League: Plakativer Protest: Ein Fan des FC Chelsea macht vor der Partie gegen Newcastle United seinem Ärger Luft. Der Klub steht unter Sanktionen ebenso wie sein ehemaliger Eigentümer Roman Abramowitsch wegen dessen angeblicher Unterstützung des russischen Angriffskriegs in der Ukraine.

Plakativer Protest: Ein Fan des FC Chelsea macht vor der Partie gegen Newcastle United seinem Ärger Luft. Der Klub steht unter Sanktionen ebenso wie sein ehemaliger Eigentümer Roman Abramowitsch wegen dessen angeblicher Unterstützung des russischen Angriffskriegs in der Ukraine.

(Foto: Charlotte Wilson/Offside Sports Photography/Imago)

Krieg hier, Hinrichtungen dort: Chelsea gegen Newcastle legt das Problem der Liga besonders offen - die außer Kontrolle geratenen Besitzverhältnisse bringen die Klubs zunehmend politisch in Bedrängnis.

Von Sven Haist, London

Im Stadion an der Stamford Bridge, dem Herzstück des Chelsea Football Club, über den Roman Abramowitsch knapp zwei Jahrzehnte gewacht hat, erinnert nur noch ein Banner mit Konterfei an den russischen Oligarchen. Die Aufschrift: "The Roman Empire". Doch dieses Fußballreich zerfällt nun gerade wegen Abramowitschs offenkundiger Klüngelei mit Russlands kriegsführendem Präsidenten Wladimir Putin - was Abramowitsch bestreitet - in seine Einzelteile. Fast so, wie einst die Sowjetunion nach dem Sturz des Sozialismus.

Um den Niedergang des 117 Jahre alten Traditionsbetriebs in London noch aufzuhalten, der nach der Beschlagnahmung der Vermögenswerte des Rohstoffmilliardärs handlungs- und zahlungsunfähig ist, muss Abramowitsch den Verein umgehend veräußern, wozu er dem Vernehmen nach bereit ist. Als sein Vermächtnis bei Chelsea würde dann nach dem Gewinn des letzten noch fehlenden Titels bei der Klub-WM 2022 eine lückenlose Trophäensammlung gelten. Der Premier League hinterlässt Abramowitsch hingegen die bittere Erkenntnis, dass sich sportlicher Erfolg und gesteigertes Ansehen finanziell erkaufen lassen, was zu reichlich Nachahmern geführt hat.

Als Abramowitsch einst im Vereinigten Königreich sein Revier absteckte, befand sich lediglich der FC Fulham in ausländischer Hand. Mittlerweile sind - bis auf Aufsteiger Norwich City - sagenhafte 19 der 20 Premier-League-Klubs im Besitz von Großinvestoren, nur fünf davon stehen unter britischer Eigentümerschaft. Wobei das vom Staatsfonds aus Saudi-Arabien alimentierte Newcastle United schon unter Obhut eines ganzen Staates steht, auch wenn die Premier League weiter beteuert, das autokratische Wüstenregime würde den Klub nicht kontrollieren.

Vor zwei Wochen versuchte Klubdirektorin Amanda Staveley bei einer Veranstaltung der Financial Times diese Darstellung zu bekräftigen, indem sie erklärte, der saudische Public Investment Fund (PIF) führe den Klub nur als eine "autonome Institution". Vielmehr sei Saudi-Arabien "ein unglaubliches Land", das sich "sehr verändert" habe. Dabei würde sie "nicht als Beauftragte für Newcastle" sprechen, sondern sogar "im eigenen Namen". Bezüglich Abramowitsch ließ Staveley wissen, dass es sie "traurig" mache, wie "jemandem ein Verein weggenommen" werden könne, bloß weil die Person "eine Verbindung zu jemand anderem (Putin)" pflege: Das sei "nicht besonders fair", fand sie.

Wieso darf Newcastle weiterspielen - obwohl in Saudi-Arabien am Wochenende 81 Menschen hingerichtet wurden?

Die außer Kontrolle geratenen Besitzverhältnisse fallen der Liga nun angesichts der Weltlage auf die Füße, weil sich über die Jahre allerhand Geldgeber in den Vereinen eingenistet haben, deren Integrität und Interessen moralisch fragwürdig anmuten. Die Stimmung auf der Insel lässt aktuell darauf schließen, dass England plötzlich einen nicht unerheblichen Teil der selbst angelockten Investoren loswerden möchte - weil der Kern des weltweiten Exportschlagers Premier League zunehmend in Gefahr zu geraten scheint: das Spiel selbst!

Premier League: Jubel, wo es zurzeit wenig zu jubeln gibt: Kai Havertz, Siegtorschütze für Chelsea gegen Newcastle.

Jubel, wo es zurzeit wenig zu jubeln gibt: Kai Havertz, Siegtorschütze für Chelsea gegen Newcastle.

(Foto: Justin Setterfield/Getty)

In bisher unbekanntem Ausmaß rückte am Sonntag die Partie zwischen dem FC Chelsea und Newcastle United (1:0/Torschütze: Kai Havertz, 89.) in den Hintergrund. Dem zugrunde lag weniger die Aufruhr um Abramowitsch als der Dominoeffekt, den sein erzwungener Abschied auslöst, weil er die bis dato gewissenlos agierende Premier League in Bedrängnis bringt: Denn wie lässt sich erklären, dass Abramowitsch aufgrund des Vorwurfs der Beihilfe zur Kriegstreiberei in der Ukraine zur Rechenschaft gezogen wird, während Newcastle uneingeschränkt weiterspielen darf - obwohl das Königshaus um Kronprinz Mohammed bin Salman in Saudi-Arabien ständig mit menschenverachtenden Verfehlungen aufwartet, darunter die Hinrichtung von 81 Menschen an diesem Wochenende?

Der Guardian kommentierte, dass die Partie zwischen beiden Klubs ein "dunkler Tag" für alle gewesen sei, denen "die Seele des Fußballs" wirklich am Herzen liegen würde, weil das Spiel "strukturell und moralisch" verrottet sei. Erst vor wenigen Tagen teilte das Beschlussgremium der Premier League mit, Abramowitsch den Status als Chelsea-Direktor zu entziehen, aber zur Handhabung der Situation um die Besitzverhältnisse in Newcastle wurde bislang kein Wort verloren. Genauso stillschweigend verhielt sich die Regierung um Premier Boris Johnson - und Newcastle selbst. Auf der Klubseite war dagegen nachzulesen, dass sich United über einen verweigerten Elfmeterpfiff im Duell mit Chelsea beklagt.

In absehbarer Zeit will sich die Regierung zu Vorschlägen zur Neuausrichtung des englischen Fußballs erklären

Besonders zu leiden hatte unter einem fehlenden Statement des Vereins zu den neuesten Anschuldigungen gegen Saudi-Arabien Newcastles Trainer Eddie Howe. Auf der Pressekonferenz nach dem Chelsea-Spiel fand er sich schnell in einer vergleichbar unangenehmen Position wie sein Kollege Thomas Tuchel. Bei jeder Gelegenheit musste sich Tuchel zuletzt zu den Vorgängen rund um Abramowitsch äußern, was er erstaunlich offen und mit viel Weitblick meisterte - nun wurde Howe zu einer Reaktion auf die Massenexekutionen in Saudi-Arabien gedrängt.

Premier League: Trainer in der Defensive: Newcastles Eddie Howe (li.) sieht sich derzeit vor allem mit Fragen konfrontiert, die nicht den Sport betreffen.

Trainer in der Defensive: Newcastles Eddie Howe (li.) sieht sich derzeit vor allem mit Fragen konfrontiert, die nicht den Sport betreffen.

(Foto: David Klein/Reuters)

Obwohl Howe, für den die Anstellung in Newcastle wohl die berufliche Chance seines Lebens bedeutet, sofort zu verstehen gab, "nur über das Spiel und den Fußball" sprechen zu wollen, nahmen die Nachfragen kein Ende. Er wisse "sehr wohl", was in der Welt passiere, rechtfertigte sich Howe schließlich, aber er "konzentriere" sich darauf, genug Punkte für den Ligaverbleib zu holen. Später sprang ihm Tuchel indirekt zur Seite, indem er klarmachte, dass die Trainer zwar "berühmte Angestellte" seien, aber letztlich "eben nur Angestellte". Sie müssten wie alle anderen auch auf den "Prozess der Liga" vertrauen, wer die Anteile an einem Verein halten dürfe.

In absehbarer Zeit will sich die Regierung zu den von Sportministerin Tracey Crouch ausgearbeiteten Vorschlägen zur Neuausrichtung des englischen Fußballs erklären. Zur Debatte steht eine "neue unabhängige Aufsichtsbehörde" zur Überprüfung der Profiklubs, deren "Ermittlungs- und Durchsetzungsbefugnisse" die derzeitigen Liga-Dachorganisationen quasi entmachten würden. Angesichts der wie ein Gordischer Knoten festgezogenen Klubstrukturen wäre es für den englischen Fußball allerdings wohl am gesündesten, wenn er noch einmal ganz von vorn beginnen könnte.

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Der FC Chelsea bangt nach den Sanktionen gegen Klubeigner Abramowitsch um sein Fortbestehen. Auch die anderen Klubs müssen sich fragen, wie es mit dem ungezügelten Kapitalismus in Englands Fußball weitergehen soll.

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