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Fußball-Politik:Infantinos Fifa-Thron wackelt

Fifa-Präsident Gianni Infantino.

(Foto: ZUMA Press/dpa)

Ein Sonderermittler prüft das Geheimtreffen mit dem Berner Bundesanwalt. Ein juristischer Schritt trennt Infantino nun davon, sein Amt als Fifa-Präsident zu verlieren.

Von Thomas Kistner

Es könnte ein heißer Sommer werden für Gianni Infantino. Und ein kurzer. Vier Strafanzeigen zu den mysteriösen Geheimtreffen des Fifa-Bosses mit dem Schweizer Bundesanwalt Michael Lauber liegen der eidgenössischen Justiz vor, jetzt hat die Aufsichtsbehörde AB-BA einen außerordentlichen Staatsanwalt eingesetzt. Stefan Keller soll anhand der von den Ratspräsidenten der Berner Bundesversammlung eingereichten Anzeigen prüfen, ob eine Strafermittlung gegen Lauber und vier weitere beschuldigte Personen einzuleiten ist - auch gegen den Boss des Fußball-Weltverbandes.

Nur ein juristischer Schritt trennt Infantino noch vom Thronsturz: Wird ein Strafverfahren eröffnet, muss ihn das Fifa-Ethikkomitee suspendieren. So erging es Amtsvorgänger Sepp Blatter und auch seinem früheren Chef bei der Europa-Union Uefa, Michel Platini. 90 Tage Sperre, die sich über den Fifa-Kongress im September erstrecken und um ein weiteres Ethikverfahren ergänzt werden könnten, zu einer nach Aktenlage mit einer Lüge rechtfertigten Dienstreise per Privatjet: Der Schweizer würde kaum zurückkehren.

Sonderermittler Keller muss über eine Verdachtslage auf schwere Amtsgeheimnisverletzungen (bzw. der Anstiftung dazu) befinden. Massiv belegt ist, dass Infantino bei den geheimen, nie protokollierten Treffen mit Lauber auch in eigener Sache Druck machen wollte: In Hinblick auf ein Verfahren, das Laubers Bundesanwaltschaft (BA) im April 2016 nach einer Durchsuchung an Infantinos früherem Uefa-Arbeitsplatz in Nyon eröffnet hatte. Es ging um einen TV-Vertrag mit korrupten argentinischen Rechtehändlern, die in den Fifa-Prozessen der US-Justiz angeklagt sind. Dieser dubiose Kontrakt trug die Unterschrift des damaligen Uefa-Direktors Infantino. Aber die BA ermittelte nur "gegen Unbekannt".

Belegt ist zudem, dass Infantino über seinen privaten Ratgeber Rinaldo Arnold, der ebenfalls zu den Beschuldigten zählt, wiederholt auf Treffen mit Lauber gedrängt hatte. Im April 2016, kurz vor dem zweiten Meeting, schrieb er Arnold: "Ich werde versuchen, es der Bundesanwaltschaft zu erklären, da es ja auch in meinem Interesse ist, dass alles so schnell wie möglich geklärt wird, dass klar gesagt wird, dass ich damit nichts zu tun habe." Wie groß die Sorge war, in den Fokus der BA-Ermittlung zu geraten, bezeugt eine Mail Arnolds an Infantino: "Wichtig ist nun die Sitzung in zwei Wochen. Wenn du willst, kann ich dich wiederum begleiten." Der Austausch zeigt, was alle Beteiligten bisher abstreiten: Dass Infantino Treffen mit der BA einfädeln ließ, bei denen es (auch) um persönliche Interessen gehen sollte. Wie das damalige Uefa-Verfahren, das Laubers Behörde 2017 einstellte.

Infantino, Lauber und andere Beteiligte stellen ihre mindestens drei Dates als banale Arbeitsabklärungen dar. Was im Falle des zweiten Treffs besonders grotesk wirkt: Um dieses, bei dem er laut Mail der BA seine Interessenslage in der Uefa-Ermittlung darlegen wollte, zu erreichen, hatte sich Infantino sogar den Privatjet des Emirs von Katar geliehen. Spannend wird auch, wie Fifa-Boss, Bundesanwalt, Arnold und Laubers Sprecher ihr Treffen im Juni 2017 in einem Berner Hotel erklären wollen. Dieses wollen sie vergessen haben, alle vier, auf einen Schlag - so trugen sie es der intern ermittelnden AB-BA vor.

Ob Fachärzte heranzuziehen sind, weil ein seltener Fall kollektiver Partialamnesie vorliegen könnte - all das hat Keller nun zu prüfen. Der Präsident des Verwaltungsgerichts im Kanton Obwalden beginnt damit "unverzüglich", teilte die AB-BA am Freitag mit. Insider beschreiben Keller als "stark und entschlossen". Nicht zugerechnet wird er Lauber-nahen Justizkreisen wie der Staatsanwälte-Konferenz.

Auch der Chefankläger kämpft um sein Amt. Seine Treffen mit Infantino lösten eine Justizkrise aus, erstmals läuft ein Amtsenthebungsverfahren gegen einen Schweizer Bundesanwalt. Von einigen Fußballprozessen seiner Behörde wurde Lauber suspendiert.

© SZ vom 04.07.2020
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