Fußball-Politik Frau Yandong im Geißbockheim

Pardon, liebe Premierministerin Liu Yandong, diesen Pokal wird sogar der FC Bayern nie gewinnen: DFL-Präsident Reinhard Rauball (rechts) zeigt dem hochrangigen Gast aus China beim Termin in Köln deutsche Fußball-Trophäen - darunter auch den WM-Pokal der Nationalmannschaft.

(Foto: Henning Kaiser/dpa)

Der deutsche Fußball feiert in Köln seine Kooperation mit China: Für die Bundesliga sind die Vermarktungschancen in Asien attraktiv - im Gegenzug verspricht der DFB Hilfe bei der WM-Bewerbung.

Von Philipp Selldorf, Köln

Angela Merkels Nähe zur Nationalmannschaft, zu Jogi Löw, Bastian Schweinsteiger und ehedem sogar Tim Wiese ist längst bekannt. Weniger bekannt ist die Kenntnis der Kanzlerin vom chinesischen Fußball. Von dieser Neuigkeit wusste am Samstagvormittag im Kölner Geißbockheim, dem Hauptquartier des 1. FC, die stellvertretende chinesische Ministerpräsidentin Liu Yandong zu erzählen: "Frau Merkel", berichtete sie von ihrer Visite im Kanzleramt, "kennt sich aus im Fußball, auch im chinesischen Fußball."

Die Aufmerksamkeit der deutschen Regierungschefin für die Entwicklung des Fußballs im Reich der Mitte hat allerdings weniger mit privater Freude am Spiel als mit politischen und wirtschaftlichen Interessen zu tun. Der Fußball ist ins Blickfeld der deutsch-chinesischen Beziehungen gerückt und nimmt dabei keinen nebensächlichen Rang ein. Zweimal hat die Kanzlerin in diesem Jahr China besucht, im Juni gehörte außer Vertretern der Großindustrie auch der Geschäftsführer der Deutschen Fußball Liga (DFL), Christian Seifert, zu ihrer Delegation. Er diente als Ratgeber bei den Unterredungen mit dem Staatspräsidenten Xi Jinping, der erstens ein großer Fußballfan ist - und zweitens weitreichende Pläne zur Entwicklung des Fußballs in China gefasst hat.

"Wir wollen für China nicht Lehrer, sondern Partner sein", sagt DFL-Chef Seifert

Die hat ebenfalls auch mit politischen Zielen, wirtschaftlichen Interessen und mit der Sorge um die Volksgesundheit zu tun. Ideologie, so hat das Politbüro erkannt, genügt nicht mehr als Leitbild für den gesellschaftlichen Zusammenhalt in China. Künftig muss auch der Fußball die Vaterlandsliebe fördern und Einheit im Riesenreich schaffen. Das Land der Weltmeister soll dabei helfen. Den guten Ton gab am Samstag Christian Seifert vor: "Wir wollen nicht Lehrer, sondern Partner sein."

So stattete nun im Namen der Staatsführung die Spitzenpolitikerin Liu Yandong den Gegenbesuch ab, am Freitag unterzeichnete sie in Berlin die Verträge zu einer zwischenstaatlichen Fußball-Kooperation, und am Samstagmorgen fand sie sich mit ihrer nicht eben kleinen Gefolgschaft zu einem Forum mit Fußballfunktionären und Vereinsvertretern im Kölner Grüngürtel ein. Im ehrwürdigen Geißbockheim war der DFB durch Generalsekretär Friedrich Curtius, die DFL durch Seifert und Liga-Präsident Reinhard Rauball vertreten; auch der FC Bayern, Borussia Dortmund und Schalke 04 schickten Repräsentanten, der 1. FC Köln mit Präsident Werner Spinner fungierte als Gastgeber. Spaziergänger staunten über den hochoffiziellen Auflauf und die vielen Männer in Anzügen, Polizisten sicherten diskret das Gelände.

Als Einführung in den bilateralen Austausch diente ein Video über den FC, in dem Anthony Modeste seinen Brillenjubel vorführte und Kapitän Matthias Lehmann eine Kabinenansprache an die Mitspieler hielt. Frau Liu lächelte dazu wohlwollend ein feines Lächeln, darin Angela Merkel nicht unähnlich. Anschließend hoben die Redner beider Seiten in einem anderthalbstündigen Austausch die Chancen der Zusammenarbeit zwischen Vereinen und Verbänden hervor: "Gerade in diesen Tagen", so Spinner, sei es wichtig, "Gräben zu überwinden und Verständnis zu schaffen"

Überraschenderweise trägt zu dieser Harmonisierung auch Felix Magath bei, "der große Coach", wie ein chinesischer Fußballfunktionär betonte. Magath betreut seit Juni den Erstligaklub Shandong Luneng, sein Wirken dort stärkt offenbar das deutsche Ansehen: "Seine Professionalität, Genauigkeit und strenge Arbeitsweise kommen sehr gut an bei uns." Ohnehin steht der deutsche Fußball, so teilte Liu Yandong mit, in China in einem Ansehen, das eher konträr zu den sportlichen Idealen des Bundestrainers steht: Deutsche Fußballer, so schmeichelte sie, "werden bei uns deutsche Panzer genannt".

Im Rahmen ihrer dezidiert liebenswürdigen Rede ließ die 71-jährige Regierungsvertreterin aber auch die zentralen handfesten Aspekte nicht aus. Die Bundesligaklubs könnten durch ihre Entwicklungshilfe "auch Anteil an den chinesischen Marktdividenden nehmen", lockte sie, "es gibt 300 bis 400 Millionen Fußballfans in China - und sie alle lieben deutsche Fußballfans". Tatsächlich ist China beim Aufbruch auf den sagenhaften asiatischen Markt längst eines der führenden Ziele der Finanz- und Marketingabteilungen in den Profiklubs. Bayern München unterhält bereits eine Niederlassung in Schanghai, Dortmund und Schalke unternahmen im Sommer Reisen in die Volksrepublik, und auch der 1. FC Köln hat an Ort und Stelle Erfahrungen gesammelt und jetzt mit dem FC Liaoning ein vielfältiges Abkommen zur Zusammenarbeit geschlossen.

Dass die Premier League einen neuen TV-Vertrag mit China geschlossen hat, der ihr ab 2019 rund 650 Millionen Euro einträgt, steigert die Motivation auf deutscher Seite. DFB-Generalsekretär Curtius tat am Samstag zu den zielbewussten Freundlichkeiten das Seine dazu, als er versprach, der Verband werde eine chinesische WM-Bewerbung unterstützen.