Fans von Oranje bei der EM:Die singenden Söhne von Rudi Carrell

Lesezeit: 1 min

„Singen ist wie Fahrrad fahren, das verlernt man nie“: Wer weiß das besser als die niederländischen Fans, hier in Hamburg beim 2:1-Auftaktsieg ihrer Nationalmannschaft über Polen. (Foto: Sina Schuldt/dpa)

Kom op, kom op: Dass die niederländischen Fans Meistersänger wären, behauptet keiner. Dafür setzen sie beim EM-Auftakt gegen Polen eine Tradition fort: Von Heintje bis Vader Abraham haben sie verkniffenen Deutschen immer schon die Welt erklärt.

Glosse von Holger Gertz, Hamburg

Diese Europameisterschaft ist ein Fußballturnier, aber wie jedes Fußballturnier ist sie zugleich auch ein Wettbewerb der Sänger. Die EM der zwei Bühnen. Schon immer haben Niederländer und Deutsche auf beiden Bühnen ihre Talente verglichen, fußballerisch und gesanglich. Das eher handfeste Repertoire deutscher Fans umfasst dabei verschiedene Anti-Holländer-Lieder, aus „Die Hände zum Himmel“ wird: „Der Gouda verschimmelt/Die Tulpen sind verblüht.“

Der „Anton aus Tirol“ verdichtet sich zu: „Ihr seid so lahm, wir sind so schnell/ Ihr seid die Söhne von Carrell.“ Wobei „Söhne von Carrell“ mehr wertschätzend als schmähend gemeint ist. Rudi Carrell war schließlich ein großer Entertainer und ein nicht ganz so großer Sänger. Aber bitte: „Singen ist wie Fahrrad fahren, das verlernt man nie“, hat Carrell gesagt und damit für sich gesprochen und für seine sympathischen Landsleute.

Dass jene Niederländer, die am Wochenende in den Straßen Hamburgs gegrölt, gekrächzt und tremoliert haben, Meistersänger wären, wird keiner behaupten: Die Wirkung ergibt sich hier eher aus der Masse und der Leidenschaft. Sie singen halt gerne. Der Mensch, zum Fußballfan geworden, tut schließlich nichts lieber. Zehntausende Sänger und Sängerinnen, komplett in Oranje – da muss auch derjenige lauschen, der lieber weghören will.

Die Masse interpretierte unter anderem einen Kracher der Partyband Snollebollekes, „Links – rechts“ heißt das Lied, in dem es ausnahmsweise nur um Spaß geht, ums Tanzen und ums Trinken und ums Weitertanzen und Weitertrinken: „Kom op, kom op, kom op, kom op!“ So sangen bei der EM Zehntausende Niederländer und Niederländerinnen, so singen sie auch jedes Jahr beim Koningsdag, dem Nationalfeiertag. Und bewegen sich dabei „allemaal van links naar rechts“. Das ist nicht mal politisch gemeint.

Die Söhne Carrells – und selbstverständlich auch dessen Töchter – haben gegen Deutschland noch nicht gespielt, aber singend schon gewonnen. Kom op, kom op! Sie setzen auch eine Tradition fort. Entspannte Niederländer haben, von Heintje bis Vader Abraham, den verkniffenen Deutschen immer schon die Welt erklärt, der Chansonier (und FC-Utrecht-Fan) Herman van Veen hat einmal gesungen: „Was mir fehlt, ist hin und wieder einmal Kind sein.“ Womit die EM, der EM-Gesang und alles andere bündig und grenzübergreifend auf den sogenannten Punkt gebracht wären.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

SZ PlusDeutscher Kader
:26 für ein Halleluja

Macht der "Connector" Thomas Müller endlich sein erstes EM-Tor? Wie fügen sich die Neulinge Aleksandar Pavlovic und Maximilian Beier ins Team ein? Wer wird Erstworker und wer Zweitworker? Und gelingt Toni Kroos ein Abschied als großer Dirigent? Der deutsche EM-Kader im Überblick.

Von Claudio Catuogno, Sebastian Fischer, Philipp Selldorf, Julian Sieler

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: