Frauenfußball:In der Schwebe

Deutschland Frauen - Training / 15.09.2021 Dresden, 15.09.2021, Sportpark Ostra, Platz 11, Fussball, Training , Deutsch

Jetzt wird's ernst: Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg bei einer Trainingseinheit in Dresden vor dem Auftakt der WM-Qualifikation.

(Foto: Sven Sonntag /Picture Point LE/imago)

Für die DFB-Frauen beginnt mit der WM-Qualifikation gleichzeitig die Vorbereitung auf die Europameisterschaft. Dabei hat Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg ein Luxusproblem.

Von Anna Dreher

Rückblickend dürfte diesen Tagen noch eine tragende Rolle zukommen. Das deutsche Fußballnationalteam der Frauen steht jedenfalls unter besonderer Beobachtung. Es wird eine Dokumentation geben, seit April begleitet ein Kamerateam die Zusammenkünfte. Sechs jeweils einstündige Folgen sind geplant, in denen es nicht allein um Fußball, sondern auch um die Geschichten und Wege der einzelnen Spielerinnen sowie die Vielfalt der Mannschaft gehen soll. Und es verrät doch auch etwas über die aktuelle Lage dieses Teams, dass noch nicht festgelegt wurde, wann das dramaturgische Ende der Erzählung erreicht ist. Die Mannschaft hängt irgendwie in der Schwebe.

Wird die Doku 2022 auf Streaming-Plattformen und im Fernsehen zu sehen sein, bevor von 6. bis 31. Juli 2022 in England mit der Europameisterschaft der nächste Höhepunkt stattfindet? Oder doch erst danach, wenn das Nationalteam womöglich mit dem Titelgewinn selbst das große Staffelfinale gestaltet hat? Vielleicht auch ein Jahr später, wenn es 2023 Richtung Weltmeisterschaft in Australien und Neuseeland geht? Wann die Geschichten für die Serie vorerst auserzählt sind, hängt schließlich auch davon ab, was erzählt werden kann. Und da ist sportlich tatsächlich noch alles denkbar - auch wenn die Zielvorgabe des achtmaligen Europa- und zweimaligen Weltmeisters das maximal Mögliche vorsieht.

"Warum sind andere erfolgreich? Weil sie hohe Qualität von außen reinbringen können", sagt Bundestrainerin Voss-Tecklenburg

"Es liegt an uns, im Turnier Top-Leistungen zu bringen. Dann ergibt sich die Sichtbarkeit von ganz alleine", sagte Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg in dieser Woche. Die ersten WM-Qualifikationsspiele gegen Bulgarien am Samstag (16 Uhr, ARD) in Cottbus und am Dienstag gegen Serbien (16 Uhr, ZDF) in Chemnitz markieren den Auftakt in eine ernste Phase. Siege sind Pflicht, gegen die beiden aktuellen Gegner ebenso wie später gegen Portugal, Israel und die Türkei. Nur der Gruppensieger löst das direkte WM-Ticket.

Aber es geht eben nicht allein darum. Diese Partien bilden zugleich die Vorbereitungsphase auf die EM unter Wettkampfbedingungen. "Es ist eine besondere Herausforderung und Konstellation, die wir so noch nicht hatten", sagte Voss-Tecklenburg. "Wir wollen hochprofessionell agieren und tollen Fußball spielen und in bestimmte Mechanismen reinkommen." Dazu gehört das Herausarbeiten von Stammpersonal, auch wenn die 53-Jährige hier Zurückhaltung übt: "Ich halte vom Begriff der ersten Elf nicht viel. Wir werden nicht mit einer ersten Elf ein Turnier gewinnen", sagte Voss-Tecklenburg. "Wir wollen sieben bis acht Spielerinnen haben, die Taktgeberinnen sein sollen und Leaderinnen sein müssen. Aber warum sind andere erfolgreich? Weil sie hohe Qualität von außen reinbringen können."

Germany v Nigeria: Round Of 16  - 2019 FIFA Women's World Cup France

Eine der deutschen Führungsspielerinnen: Mittelfeldakteurin Sara Däbritz, 26, wechselte nach der WM 2019 vom FC Bayern zu Paris Saint-Germain.

(Foto: Elsa/Getty Images)

Sie will flache Hierarchien herausbilden, "weil wir alle brauchen, wenn wir etwas erreichen wollen". Der harte Konkurrenzkampf ist in jedem Fall spätestens seit dieser Woche eröffnet, größere Rotationen soll es nicht mehr geben. Dass im Angriff Alexandra Popp vom VfL Wolfsburg wegen einer Knieverletzung länger ausfällt, schmerzt umso mehr. Wer so lange ihren Platz einnimmt, ist offen. Die 30-Jährige gilt mit ihrer Ausstrahlung, Erfahrung und kämpferischen Spielweise sonst als gesetzt, wie auch Torhüterin Merle Frohms (Eintracht Frankfurt) und Offensivallrounderin Svenja Huth (Wolfsburg). In der Abwehr kristallisiert sich mit Lena Oberdorf (Wolfsburg) und Marina Hegering (FC Bayern) immer stärker das Duo für die Innenverteidigung heraus. Im Mittelfeld ist das Team mit Lina Magull (Bayern), Sara Däbritz (Paris Saint-Germain), Dzsenifer Maroszan (Olympique Lyon) sowie Melanie Leupolz (Chelsea) hochkarätig besetzt.

Zu den Schlüsselspielerinnen kommt dann noch eine Auswahl an Talenten, von denen sich in der Zeit seit dem Viertelfinal-Aus bei der WM 2019 beispielsweise Jule Brand (TSG Hoffenheim) und Laura Freigang für die Offensive und Sjoeke Nüsken (beide Frankfurt) für die Defensive in den Vordergrund gespielt und bereits verlässlich Verantwortung übernommen haben. "Ich bin froh, dass wir wirklich diese Herausforderung haben, dass es uns unglaublich schwergemacht wird, einige nicht aufzustellen - obwohl sie es leistungsmäßig verdient hätten", sagte Voss-Tecklenburg begeistert. "Das ist ein Luxusproblem."

Der Kreis ernstzunehmender Titelkandidaten ist in den vergangenen Jahren stetig gewachsen

Um ihren Kader muss sich die Bundestrainerin keine Sorgen machen - nur garantiert das vor allem bei der EM mit starken Teams wie der Niederlande und England noch lange keinen Triumph. Den braucht es aber dringend. 2016 wurde die Auswahl unter Silvia Neid Olympiasieger, bei der EM 2017 und der WM 2019 war im Viertelfinale Schluss, Olympia 2021 fand ohne das deutsche Nationalteam statt. Und der Kreis ernstzunehmender Titelkandidaten ist in den vergangenen Jahren stetig gewachsen.

In den jüngsten Länderspielen gegen Chile (0:0), Frankreich (0:1), Norwegen (3:1) und Australien (5:2) wurde einiges ausprobiert. Die nächsten Gegner können auch keine wirkliche Klarheit liefern, wo das deutsche Nationalteam international derzeit einzuordnen ist. Die soll es im Februar bei einem Einladungsturnier in England gegen die Gastgeberinnen, Spanien sowie eine weitere Nation geben. "Aber Spiele gegen Underdogs ermöglichen es uns, an Schwächen zu arbeiten und unser Spiel zu präzisieren. Ich sehe das eher als Vorteil, das ist ja Auslegungssache", sagte Magull. "Wir wissen, dass der letzte Titel schon etwas her ist. Aber ich spüre noch nicht so einen großen Erwartungsdruck." Ob am Ende der bevorstehenden Phase dann Enttäuschung oder Euphorie stehen wird, hängt auch davon ab, was in den nächsten Tagen passiert.

© SZ/sjo
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