Als der Abflug von Frankfurt am Main nach Middlesbrough noch einige Tage entfernt war, hatte Martina Voss-Tecklenburg bereits die ersten schlechten Nachrichten erhalten. Offensivspielerin Alexandra Popp musste nach mehrmonatiger Pause erneut am Knie operiert werden. Sie wird bei den ersten Länderspielen dieses Jahres also fehlen, das stand Ende Januar fest. Dass noch dazu in Marina Hegering, Sydney Lohmann und Torhüterin Laura Benkarth wichtige Spielerinnen des FC Bayern passen mussten, war ebenfalls früh klar. Auf sie alle verzichtete die Bundestrainerin ungerne, aber gut, in einem 25 Spielerinnen umfassenden Kader ist immer irgendwer im Aufbautraining oder hat sich verletzt. Das würde schon zu kompensieren sein.
Nur ist die Liste der Abmeldungen immer länger und länger geworden. "Dass uns das in der massiven Form zu diesem Zeitpunkt trifft, ist total unglücklich", sagt Voss-Tecklenburg. Als das deutsche Fußballnationalteam der Frauen nun am Dienstag in den Flieger nach England stieg, war das Register der Absenzen auf 14 Namen angewachsen. Ausgerechnet vor dem Arnold Clark Cup. Ein Vorbereitungsturnier nur, dem jedoch in diesem Jahr aus deutscher Sicht viel Bedeutung zukommt.

PSG in der Champions League:Königlicher Mbappé
Beim 1:0 von Paris Saint-Germain gelingt Kylian Mbappé das entscheidende Tor in der Nachspielzeit - gegen seinen womöglich künftigen Klub Real Madrid. Interviews nach dem Spiel gibt er bereits auf Spanisch, doch seine Zukunft lässt er offen.
Denn wo die Mannschaft gerade wirklich einzuordnen ist, konnte nach 2021 - mit den WM-Qualifikationsspielen gegen Bulgarien, Serbien, Israel, Portugal und die Türkei - nicht wirklich ausgemacht werden. Die eindrückliche Torbilanz von 31:2 war gut fürs Selbstbewusstsein, aber letztlich wenig aussagekräftig, wenn es um den Vergleich mit den weltbesten Nationen geht. Bei der EM 2017 und bei der WM 2019 war für Deutschland jeweils im Viertelfinale Schluss, für Olympia 2021 wurde die Qualifikation verpasst. Nach wie vor lautet eine der drängendsten Fragen der Bundestrainerin: Wo stehen wir eigentlich?
"Nun werden andere Spielerinnen mehr Spielzeit bekommen, was sonst nicht der Fall gewesen wäre gegen hochkarätige Gegner", sagt Voss-Tecklenburg
Viereinhalb Monate vor der Europameisterschaft in England (6. bis 31. Juli) soll der Cup mit Partien gegen Spanien um Weltfußballerin Alexia Putellas, gegen Olympiasieger Kanada und WM-Halbfinalist England mehr Klarheit schaffen. Danach stehen zwar noch weitere Länderspiele an, aber dieses Turnier ist gewissermaßen die Generalprobe. Die Defensive soll mehr in den Fokus rücken, und es soll darum gehen, wie das Team mit herausfordernden Situationen umgeht - von denen es viele geben dürfte in den kommenden Tagen.
Der Bundestrainerin kommt es bei diesem Turnier im Land des EM-Gastgebers mehr auf die Leistung, weniger auf die Ergebnisse an. Doch statt mit der bestmöglichen Besetzung den Ernstfall zu proben, muss vor allem improvisiert werden. Das hat die ganze Planung durcheinandergeworfen. "Aber das kann uns bei der EM auch passieren, daher müssen wir eine Chance daraus machen und Back-up-Lösungen finden", sagt die 54-Jährige: "Wir werden nach dem Turnier deutlich schlauer sein."

Spielmacherin Dzsenifer Marozsán (Olympique Lyon) fehlt mit einer Oberschenkelverletzung ebenso wie Melanie Leupolz (FC Chelsea), die mit den Nachwirkungen einer Corona-Infektion zu kämpfen hat, eine "sensible Geschichte", hieß es. Die Pandemie ist auch dafür verantwortlich, dass bis zuletzt immer mehr Abmeldungen eintrudelten - und dass Bundestrainer Hansi Flick bei seiner Visite mit DFB-Direktor Oliver Bierhoff im Frankfurter Mannschaftshotel der Frauen auffiel, "wie viele junge Menschen in unserer Mannschaft sind", wie Voss-Tecklenburg danach erzählte.
Sjoeke Nüsken (Eintracht Frankfurt), die Wolfsburgerinnen Svenja Huth, Kathrin Hendrich und Tabea Waßmuth sowie Torhüterin Almuth Schult (in Quarantäne) kamen mit Covid-19 in Berührung. Für die zuletzt ausfallenden Spielerinnen wurden Chantal Hagel, Martina Tufekovic, Sarai Linder (alle TSG Hoffenheim), Hasret Kayikci (SC Freiburg), Ramona Petzelberger (Aston Villa) und Leonie Maier (FC Arsenal) nachnominiert. "Nun werden andere Spielerinnen mehr Spielzeit bekommen, was sonst nicht der Fall gewesen wäre gegen hochkarätige Gegner", sagt Voss-Tecklenburg. "Für uns ist das kein Grund zu jammern." Selina Cerci (Turbine Potsdam) könnte eine davon sein. Die aktuell beste Torschützin der Bundesliga wurde von den Trainern und Spielführerinnen der Liga zur Aufsteigerin der Hinrunde gewählt, sie ist erstmals berufen worden.
Noch ist das Casting zur EM-Tournee ja nicht beendet, auch hier sollen die nächsten Tage Aufschluss geben. Wer sich zum Auftakt am Donnerstag (15.30 Uhr, sportschau.de) im Riverside Stadium in Middlesbrough gegen Spanien beweist, hat schon mal gute Chancen. Das für Voss-Tecklenburg "kompletteste Team der Welt" ist bei der EM neben Finnland und Dänemark Gegner in einer starken deutschen Gruppe - und definitiv ein Gradmesser. Am Sonntag (21.15 Uhr, sportschau.de) in Wolverhampton gegen Kanada und am Mittwoch (20.30 Uhr, zdf.de) in Norwich gegen England finden die anderen beiden Cup-Partien statt. Turniersieger ist, wer nach drei Spielen an der Tabellenspitze steht - und wer am besten seine Ausfälle kompensieren konnte.

