Fußball-Nationalteam:Bierhoff und DFB lösen Vertrag auf

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FIFA World Cup Qatar 2022 - Germany Training and Press Conference

Da schien die DFB-Welt noch in Ordnung zu sein: Oliver Bierhoff (links) hört zu, was DFB-Präsident Bernd Neuendorf auf einer Pressekonferenz kurz vor der WM in Katar zu sagen hat.

(Foto: Annegret Hilse/REUTERS)

Am Mittwoch erst sollte es bei der Nationalelf ums große Ganze gehen - doch schon am Montagabend kommt es zur überraschenden Zuspitzung: Oliver Bierhoff, der Geschäftsführer verlässt nach 18 Jahren den DFB.

Es wäre eine spannende Frage gewesen am Montag: Würde der DFB einen Spieler abstellen für die Pressekonferenz vor dem Achtelfinale gegen Marokko? Oder würde wieder nur der Bundestrainer Flick einen Shuttle besteigen, um die Höllentour vom DFB-Quartier im Norden Katars ins 76,1 Kilometer entfernte Medienzentrum in Doha zu unternehmen? Zu vermuten ist: Die Deutschen hätten einen Spieler geschickt. Sicher ist dagegen: Es ist jetzt auch egal. Die Deutschen sind längst daheim - und dass sie in diesen Stunden gar niemanden vor die Presse schicken, kann man sogar verstehen. Nicht mal der in Doha zur weiteren Turnierbeobachtung verbliebene DFB-Analysestab soll sich äußern, auch nicht zur künftigen Ausbildung von Rechtsverteidigern. Jedes Wort konnte in diesen Tagen eines zu viel sein.

Mindestens bis Mittwoch sollte das allgemeine Schweigegelübde gelten, an diesem Tag sollte es dann in Frankfurt zu einem politisch kuriosen Treffen kommen. Es war, als würden Angehörige derselben Fraktion Koalitionsverhandlungen führen. DFB-Präsident Bernd Neuendorf und DFB-Vizepräsident Hans-Joachim Watzke hatten sich mit Bundestrainer Flick und dem DFB-Geschäftsführer Oliver Bierhoff zur WM-Analyse verabredet, was ein wenig nach Powerpoint klingt. Es sollte allerdings weniger um das Pressing der Japaner und die künftige Position von Leon Goretzka gehen, sondern ums große Ganze: Würden diese vier Männer weiter zusammenarbeiten, und wenn ja, in welcher Konstellation?

Doch ehe diese Frage diskutiert werden konnte, kam die Antwort - ungewöhnlicherweise kurz nach 22 Uhr, wenn Nachfragen nicht möglich sind: Oliver Bierhoff verlässt den DFB.

So gab es nur die Mitteilungen der Beteiligten: "Ich mache damit den Weg frei für neue Weichenstellungen", ließ Bierhoff in einer Erklärung am Montagabend ausrichten: "Einige Entscheidungen, von denen wir überzeugt waren, haben sich nicht als die richtigen erwiesen. Das bedauert niemand mehr als ich. Dafür übernehme ich die Verantwortung." Bierhoffs Äußerungen kamen doppelt überraschend, da auch er beharrlich geschwiegen hatte in den vergangenen Tagen.

Der Funktionär revidierte damit zudem seine unmittelbar nach dem WM-Aus am Donnerstag geäußerte Haltung, dass er die Heim-EM 2024 als nächstes großes Ziel ansteuern wolle. Stattdessen ließ er sich nun wie folgt zitieren: "Ich wünsche dem DFB, seinen vielen engagierten Mitarbeitern, allen unter seinem Dach versammelten Verbänden und Clubs, Einrichtungen und Initiativen sowie unseren Nationalteams viel Erfolg bei ihren wichtigen Aufgaben."

Welche Konsequenzen der Rücktritt für die weitere Zukunft von Hansi Flick als Bundestrainer hat, war zunächst unklar.

Bierhoff kam 2004 zum DFB, in einer Funktion, die es so beim Verband noch nie gab. Als Teammanager war er an der Seite von Bundestrainer Jürgen Klinsmann maßgeblich am sogenannten Sommermärchen bei der Heim-WM zwei Jahre später beteiligt. Mit großem Erfolg schaffte er um die DFB-Elf eine Aufbruchstimmung, die letztlich im WM-Triumph 2014 in Brasilien mit Joachim Löw als Bundestrainer gipfelte.

Für Bierhoff folgte parallel zum sportlichen Niedergang spätestens nach dem EM-Aus 2016 ein kontinuierlicher Akzeptanzverlust bei den Fans. Seine Marketingkonzepte wurden ihm negativ ausgelegt. Der von ihm eingeführte Begriff "Die Mannschaft" als Markenbotschaft für die Nationalmannschaft verfing überhaupt nicht. Die Fertigstellung der DFB-Akademie in Frankfurt als neue Verbandszentrale war ein Kontrapunkt zur kritischen Stimmung und eine Herzensangelegenheit für den Europameister von 1996.

Auch bei den Turnierplanungen lief es nicht mehr rund. Sein hymnisch gefeiertes Hüttendorf Campo Bahia in Brasilien war der letzte Glücksgriff als Teamquartier. Für das Hotel in Watutinki nahe Moskau gab es 2018 viel Kritik - besonders nach dem WM-Aus. Das Zulal Wellnes Resort in Al-Ruwais im Norden Katars wurde auch zum Symbol eines zu sehr behüteten und abgeschotteten Nationalteams. Seit Mittwoch steht fest: Der Aufenthalt im WM-Quartier von Katar war zumindest das Ende der Ära von Oliver Bierhoff.

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