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US-Fußball:Entlarvend sexistisch

USA x Holland LYON, LY - 07.07.2019: USA X HOLLAND - Megan Rapinoe of the United States with president of the United St

US-Kapitänin Megan Rapinoe (li.) kann sich nach dem WM-Gewinn im vorigen Sommer der Glückwünsche ihres damaligen Verbandschefs Carlos Cordeiro kaum erwehren.

(Foto: Richard Callis/Imago)
  • Die frühere Nationalspielerin und bisherige Vizepräsidentin Cindy Parlow Cone ist nun die erste Frau an der Spitze in der 107-jährigen Geschichte des US-Fußballverbandes.
  • Der bisherige Präsident Carlos Cordeiro tritt zurück, nachdem er unter anderem die Äußerung getroffen hatte, die Frauen seien körperlich zu weniger in der Lage als ihre männlichen Kollegen, beispielsweise bezogen auf Geschwindigkeit und Kraft.
  • Am Weltfrauentag hatten die Nationalspielerinnen Sammelklage gegen den Verband eingereicht: Die Fußballerinnen fordern eine Rückvergütung in Höhe von fast 67 Millionen US-Dollar wegen Verstößen gegen Gleichstellungsgesetze.

Von Anna Dreher

Dass das Thema noch nicht durch ist, war klar. Aber dann gleich so eine Wendung? Seit Jahren streiten sich der US-Fußballverband und seine prominentesten Vertreter, die Nationalspielerinnen, seit dem 8. März 2019 auch gerichtlich. Die Positionen scheinen dabei so verhärtet zu sein, die Beziehung so zerrüttet, dass eine einfache Lösung ohnehin nicht zu erwarten gewesen war - bei den Ereignissen zu Beginn der vergangenen Woche erst recht nicht. Und nun aber vielleicht wieder doch. Denn zumindest vorübergehend wird der Verband von einer Person geführt, die für den Kampf der Fußballerinnen mehr Verständnis aufbringen dürfte, als es der bisherige Präsident Carlos Cordeiro tat: Die frühere Nationalspielerin und bisherige Vizepräsidentin Cindy Parlow Cone ist nun die erste Frau an der Spitze in der 107-jährigen Geschichte des Verbandes.

Der öffentliche und interne Druck auf Cordeiro war nach Bekanntwerden eines Gerichtsschreibens so groß geworden, dass er nicht länger im Amt bleiben konnte. Das sah nach ereignisreichen Tagen auch der 64-Jährige ein. "Mir ist bewusst geworden, dass das Beste jetzt eine neue Richtung ist", schrieb er in einem öffentlichen Brief in der Nacht auf Freitag. "Die Argumente und die Sprache, die in der rechtlichen Einreichung enthalten sind, haben große Beleidigung und Schmerzen verursacht, insbesondere unseren außergewöhnlichen Spielerinnen der Frauen-Nationalmannschaft, die es besser verdienen. Es war inakzeptabel und unentschuldbar." Er habe nicht die Gelegenheit gehabt, das Schreiben vorab in Gänze zu prüfen, dafür übernehme er die Verantwortung - so versuchte Cordeiro nun einen glimpflichen Ausweg aus der Situation zu finden, wo es keinen mehr gab.

Die schmerzverursachende Sprache, von der Cordeiro schrieb, war im Rahmen der jüngsten Entwicklung des Streits geäußert worden. Am 8. März 2019, dem Weltfrauentag, hatten alle 28 Nationalspielerinnen eine Sammelklage gegen den Verband eingereicht. Dieser, so der Vorwurf, käme der Förderung einer Gleichstellung der Geschlechter nicht nach. Die finanzielle und infrastrukturelle Benachteiligung im Vergleich zu den Männern sei enorm. Vorangegangene Gespräche seien folgenlos geblieben. Und so sahen die Spielerinnen keinen anderen Weg als den juristischen.

Die Gerichtsverhandlung zwischen Mannschaft und Verband ist für den 5. Mai in Kalifornien angesetzt. Am 30. März ist eine Anhörung angekündigt, bei der ein Richter entscheiden soll, ob der Fall fortgesetzt wird, weil beide Seiten um eine schnellere Lösung gebeten hatten. Die Fußballerinnen fordern eine Rückvergütung in Höhe von fast 67 Millionen US-Dollar wegen Verstößen gegen Gleichstellungsgesetze. Ihrer Argumentation nach entspräche das der Summe, die den Frauen angesichts ihrer Erfolge nach dem Tarifvertrag der Männer bezahlt worden wäre. Der Verband wiederum will, dass das Verfahren komplett gestoppt wird, weil er keine Grundlage für die Forderung der Fußballerinnen sieht.

Die hierfür verfasste Erklärung zu Gleichstellungsfragen ist hoch umstritten. Sie hat Cordeiro um seinen Posten und, wesentlich gravierender, den gesamten Verband um viel Ansehen gebracht. Die Nationalspielerinnen, so argumentierte die Verbandsseite zusammengefasst, seien körperlich zu weniger in der Lage als ihre männlichen Kollegen, beispielsweise bezogen auf Geschwindigkeit und Kraft. Sie würden zudem weniger Verantwortung tragen als die Nationalspieler, wenn es um die Reputation des Verbands gehe.

Die Frauen haben im Sommer 2019 ihren Titel verteidigt, als sie zum vierten Mal Weltmeister wurden. Die Männer sind bei ihrem besten Abschneiden bei einer WM ein Mal Dritter geworden - 1930.

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