Fußball: Manipulationsskandal Live-Wetten von der Trainerbank

Die Zockerbande hatte ein Gespür für die Verführbaren des globalen Fußballgeschäfts. Wenn die in Mitschriften abgehörter Telefonate dokumentierten Einschätzungen zutreffen, ist in einigen Ländern Südosteuropas die Korruption auf dem Platz gewissermaßen systemimmanent. Bei näherer Betrachtung sind etliche der rund 200 aufgelisteten Fälle allerdings kaum oder nur schwer beweisbar. Die Beweismittel der Bochumer sind bislang fast nur abgehörte Gespräche - und am Telefon wird viel schwadroniert. Immer wusste einer ganz genau, wie der nächste todsichere Tipp zustande kommen könnte. Man war schließlich Fußballexperte mit Verbindungen - und hatte selbst ein paar Probleme.

Marijo C. beispielsweise hatte bei Nurettin G. rund 290.000 Euro Schulden und machte diesem klar, dass was Großes anrolle. So geriet Sascha Kirschstein, Torwart des Zweitligisten RW Ahlen, in Verdacht. Der Nürnberger C. kannte Kirschstein aus dessen Zeit bei Greuther Fürth und er erklärte am Telefon, mit dem sei vielleicht was zu machen - ein Freund. Nur von Kirschstein selbst findet sich nichts in den Akten.

Dennoch läuft gegen ihn ein Verfahren, weil er angeblich mit der Wettmafia zusammenarbeiten wollte und Geld für schlechte Torwartleistungen verlangt haben soll. Dabei wissen die Fahnder nicht einmal, ob es zu Manipulationen kam. Bei den in Rede stehenden Spielen war Kirschstein bester Mann der Ahlener. Kirschstein, dessen Fall jetzt der Spiegel meldet, hat schon vor Wochen gegenüber Ermittlern alle Vorwürfe bestritten.

Nicht ganz klar ist, wer eigentlich geschädigt wurde: Die Betreiber chinesischer Wettbüros? Interessanterweise haben in London ansässige chinesische Wettvermittler, die pro Einsatz Prozente bekommen, der Zockerbande kräftig geholfen. "Wir haben Zugang zu beiden Seiten", teilte Sapina beispielsweise einem chinesischen Vermittler mit. Durch diese SMS sei für den Agenten klar gewesen, dass er für Sapina auf manipulierte Spiele wette, schrieb ein Kriminalhauptkommissar. Chinesische Wettagenten setzten selbst auf manipulierte Spiele. Kicker wiederum, die von den Manipulationen wussten, wetteten gegen die eigene Mannschaft und versauten so die Quoten, was vor allem Sapina ärgerte.

Marijo C. nahm bei der Schweiz-Tour auch schon mal auf der Trainerbank Platz, telefonierte dabei mit Sapina, der dann live wettete, wenn sein Freund die todsicher richtigen Kicker einwechseln ließ. Die Spieler von Travnik erhielten für ihren speziellen Einsatz zwischen 100 und 350 Euro pro Spiel. Der Trainer soll am meisten bekommen haben. Aber für alle gilt die Unschuldsvermutung. In der Akte "NK Travnik in der Schweiz" werden in langen Listen Zocker, Wettagenten, Spieler, der Trainer und Funktionäre als angeblich "Tatbeteiligte" aufgeführt, darunter auch Davor Suker.

"Offensichtlich" habe Marijo C. versucht, mit Hilfe des früheren kroatischen Nationalspielers Suker, der 1998 WM-Torschützenkönig war, "Wettanbieter in London zur Listung der NK Travnik-Spiele zu bringen", heißt es in einem Auswertungsbericht der Polizei. Diese These kann - wie manches andere auch in den Akten - völlig falsch sein. "Welche Rolle genau Suker spielt, kann zur Zeit nicht gesagt werden", räumt ein Beamter der Sonderkommission ein. Die trägt, untypisch für die realen Bochumer Fußball-Verhältnisse, den schönen Namen "Flankengott".