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Fußball: Leverkusen zerlegt Stuttgart:Federleicht auf Höhenflug

Bayer Leverkusen zeigt mitreißenden Fußball und lässt beim 4:0 demoralisierte Stuttgarter zurück. VfB-Trainer Markus Babbel steht vor dem Aus.

Wer schönen, mitreißenden und intelligenten Fußball sehen will, der muss derzeit nach Leverkusen reisen. Das 4:0 (2:0) gegen den VfB Stuttgart am Sonntagnachmittag war eine Demonstration der Spielkunst, die Schwaben blieben demoralisiert, entnervt und fassungslos zurück. Während Bayer sich souverän an der Tabellenspitze platziert hat und wirkt wie ein Team, das dort lange bleiben kann, liegen in Stuttgart die Nerven blank. Nur die desolate Hertha aus Berlin steht schlechter da, und allmählich ahnt auch der Letzte beim VfB: Wenn nicht etwas Einschneidendes passiert, steigt diese Mannschaft ab.

Stefan Kießling (rechts) erzielte gegen Stuttgart drei Tore.

(Foto: Foto: dpa)

"Wir haben einfach nur Scheiß gespielt, von Anfang bis Ende", sagte Verteidiger Serdar Tasci, und es ist gut möglich, dass die Niederlage bedeutet, dass VfB-Trainer Markus Babbel seinen Job verliert. Bereits in der Halbzeitpause hatte sich Horst Heldt, Manager des VfB, stinksauer präsentiert. Deutlich sind ihm die zurückliegenden Wochen anzusehen. Normalerweise ist er freundlich, eloquent und gelassen, doch die Wochen des Drucks haben Spuren hinterlassen. Mit grauem Gesicht stand Heldt vor einem Mikrofon des Senders Sky und wetterte: "Wir stehen auf dem 17. Platz und spielen Hacke-Spitze-eins-zwei-drei. So etwas habe ich noch nie gesehen. Es ist unfassbar, was einige hier abliefern."

Heldt bebte vor Zorn, er sah aus wie ein Mann, der endgültig die Nase voll hat. Was Babbel nun in der Halbzeit tun könne? Heldt rief: "Am besten soll er alle elf auswechseln!" Dann stapfte er in die Katakomben des Stadions. Nach SZ-Informationen wird beim VfB derzeit über zwei mögliche Nachfolger für Babbel diskutiert, von denen einer der ehemalige Bundesliga-Profi Franco Foda sein soll. Der steht allerdings noch bis 2012 bei Sturm Graz unter Vertrag. Babbel selbst zeigte sich nach der Niederlage ratlos. "So eine Mannschaftleistung habe ich nicht erwartet", sagte er, "das ist absolut enttäuschend, vor allem die Art und Weise, wie wir das Spiel verloren haben."

Was Heldt so erbost und Babbel so enttäuscht hatte, war eine für neutrale Zuschauer überaus unterhaltsame Partie. Stuttgart kam gut ins Spiel, bereits in der zweiten Minute hatte Cacau nach Zuspiel von Aliaksandr Hleb eine Chance, er trat jedoch so fest in den Boden, dass das Gras büschelweise durch die Luft flog. Erst allmählich übernahm Leverkusen die Kontrolle über das Spiel, dann jedoch umso wirkungsvoller.

In der 19. Minute setzte sich Stefan Kießling auf der rechten Seite durch und passte auf Toni Kroos, der ruhig und präzise schoss - und den Pfosten traf. Drei Minuten später brachte Kroos einen Freistoß in den Stuttgarter Strafraum, den Sami Hyppiä per Kopf an den Fünfmeterraum beförderte, wo sich Kießling materialisierte und den Ball zum 1:0 unter die Latte jagte. Die Stuttgarter reagierten verwirrt, sie schienen nicht so recht zu wissen, was sie dem feinen Kombinations-Spiel der Leverkusener entgegensetzen sollten. Während bei Bayer ein klarer Spielplan zu erkennen war, strahlte der VfB Ratlosigkeit aus.

Besonders der vom FC Bayern ausgeliehene Leverkusener Toni Kroos prägte die Partie. In der 32. Minute traf er mit einem Schuss aus 18 Metern erneut den Pfosten, in der 38. Minute bereitete er das 2:0 mit einem Pass vor, geschlagen mit viel Gefühl: Eren Derdiyok fand sich am Ende der Flugbahn des Balles wieder und beförderte die Kugel per Kopf ins Netz. Es ist den Bayern in dieser seltsamen Saison viel vorgeworfen worden, aber dass sie Kroos nach Leverkusen ausgeliehen haben, war zweifelsohne ein kluger Schachzug: Dort reift er, dort lernt er von Jupp Heynckes, und die Münchner bekommen am Ende des Leihvertrags einen gestandenen Spieler zurück.

In dieser Mannschaft stimmt alles

Die Wut von Horst Heldt war einerseits verständlich, weil die Stuttgarter nicht viel zustande brachten (und Pavel Progrebnjak eine wirklich gute Chance in der 44. Minute aufs Kläglichste vergab). Andererseits sah sich der VfB mit der neben Werder Bremen derzeit aufregendsten und besten Elf der Bundesliga konfrontiert. Wie souverän Leverkusen die Ausfälle von Leistungsträgern wie Simon Rolfes oder Renato Augusto kompensiert, ist höchst beeindruckend.

In dieser Mannschaft stimmt fast alles, die Laufwege sind abgestimmt, die Standards sind einstudiert, die Raumaufteilung ist beispielhaft und vor allem ist das Team in der Lage, aus langen Phasen des Ballbesitzes - anders als zum Beispiel der FC Bayern - immer wieder gute Chancen zu erspielen. Zum Beispiel in der 59.Minute, als Kroos einen Doppelpass mit Stefan Reinartz ansetzte, dann zwei Stuttgarter abschüttelte und überlegt auf Kießling passte, der aus 14 Metern das 3:0 erzielte. Mühelos sah das alles aus, federleicht.

Bereits nach einer Stunde war der VfB eine geschlagene Mannschaft, und die Leverkusener ließen es im Gefühl des sicheren Sieges etwas ruhiger angehen. Die Chance, per Foul-Elfmeter das 4:0 und sein zwölftes Saisontor zu erzielen, ließ sich Stefan Kießling in der 87. Minute dann allerdings nicht entgehen. In Stuttgart, so viel ist sicher, tagt der Krisenstab. Dass es so weiterläuft wie bisher, gilt als unwahrscheinlich.

© SZ vom 30.11.2009

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