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Fußball: Korruption bei der Uefa?:Das Verhalten? Rätselhaft!

Die Uefa um Präsident Michel Platini fordert in der Korruptionsaffäre weiterhin Beweise - doch Ex-Funktionär Spyros Marangos will lieber mit den Justizbehörden kooperieren. Sicher ist nur eines: Die Angelegenheit ist hochbrisant.

Thomas Kistner

Am Mittwoch lief ein 48-Stunden-Ultimatum ab, das die Europäische Fußball-Union (Uefa) dem langjährigen zyprischen Verbandsfunktionär Spyros Marangos gesetzt hat zur Vorlage angeblicher Korruptionsbeweise bei der EM-Vergabe 2012 an Ukraine/Polen. Doch der Zyprer hat der Uefa bereits mitgeteilt, dass ihm die kurze Zeitspanne nicht mal zur Anreise von Zypern in die Schweiz reiche. Und seine vertraulichen Dokumente will er nur persönlich übergeben: An Justizbehörden oder - wie er der Uefa mitteilte - an einen ihrer für derlei Fälle vorgesehenen Disziplinar-Inspektoren, nicht aber an eine Anwaltskanzlei in der Schweiz, die von der Uefa nun zur Übermittlung des Ultimatums genutzt worden ist.

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Der Verband macht "keine gute Figur". Das gilt folglich auch für seinen Präsidenten Michel Platini.

(Foto: AFP)

Damit spitzt sich die Causa zu, die sich bisher nur um die zögerliche Verfahrensweise der Uefa dreht. Ob Marangos Vorwürfe, die sich gegen fünf Uefa-Vorständler richten sollen, stichhaltig oder nur heiße Luft sind, ist ungeprüft und unbewiesen. Gesichert ist aber, dass er seit mindestens Mai 2009 Kontakt mit der Uefa in diesem Fall suchte und nach langwierigem Papierkrieg im August 2010 endlich einen Termin mit dem damaligen Disziplinarchef Peter Limacher in Genf bekam. Dieser wurde jedoch kurzfristig, laut Mailverkehr von Limachers Vorgesetzten, abgesagt - obwohl Marangos sogar nach Genf kommen wollte.

Zur jähen Absage dieses Termins, bei dem Marangos angeblich Belege liefern wollte, hat sich die Uefa trotz zahlreicher Anfragen bisher nicht geäußert. Die Neue Zürcher Zeitung registrierte verdutzt: "Die Uefa wollte auf Anfrage nicht Stellung (...) zum stornierten Termin zwischen Marangos und Limacher nehmen. Er könne dazu nichts sagen, erklärte ein Mitarbeiter der Medienstelle. Auf die Frage, wie sein Name sei, antwortete er: 'Kimmo'. Seinen Nachnamen wollte er nicht preisgeben. Das lässt erahnen, wie brisant die Angelegenheit ist."

Dazu gehört nun auch, dass Zweifel an Marangos' Person auftauchen sollen. Der sei nach Verlust des Schatzmeisteramts in Zypern 2007 nicht mehr Mitglied der europäischen Fußball-Familie, heißt es, zudem müsse er sich laut Uefa bei seinem Landesverband wegen Betrugsvorwürfen bezüglich der dortigen Wahlen 2007 verantworten. Marangos sagt, diese Vorwürfe seien wie üblich sportintern abgehandelt und gewisse Beweisstücke wie ein Tonbandmitschnitt nicht gewürdigt worden, die Sache laufe noch.

Indes dürften diese Hintergründe auch für die Uefa neu sein. In dem zähen Austausch mit Marangos seit 2009 wurden etwaige Vorbehalte gegen den Zeugen ebenso wenig thematisiert wie bei Presseanfragen, warum dieser nicht angehört wurde. Auch dürfte ein Sportverfahren in Zypern kein Präjudiz für die Stichhaltigkeit von Marangos Vorwürfen sein. Insbesondere nicht, falls diese Vorwürfe auch Vertreter des zyprischen Verbandes mit einschließen sollten. Überdies hat die Uefa die Möglichkeit, Marangos zu verklagen, sollten sich seine Vorwürfe als haltlos erweisen. Dies hat sie sich auch vorbehalten.

"Das muss geprüft werden"

Deshalb lässt das bisherige Prozedere der Uefa nun auch fachkundige Beobachter rätseln. Der Verband mache "keine gute Figur", lässt sich Sylvia Schenk zitieren, die Deutschland-Chefin der Antikorruptionsorganisation Transparency International: "Marangos kann ein Spinner sein, aber das muss geprüft werden. Wenn jemand behauptet, dass bei der EM-Vergabe 2012 Stimmen gekauft wurden, kann man ihm nicht einfach ein Ultimatum von 48 Stunden stellen, in denen er öffentlich seine Beweise vorlegen muss." Wer solche Vorwürfe erhebe, begebe sich in Gefahr: "Das sind ja nicht lauter nette, liebe Leute, die in solche Vorgänge verstrickt sind. Das Mindeste wäre, ihm einen Ombudsmann zu benennen, dem er sich anvertrauen kann."

So sehen es auch Marangos Anwälte. Sie wollen sich eng an die - von der Uefa bei Aussendung des Ultimatums angeblich nicht mal angeführten - Disziplinarregeln des Verbandes halten. Etwa an Artikel 32, der die drei Organe der Rechtspflege und die Gewaltenteilung benennt, sowie weitere Regeln, welche die Unabhängigkeit der Disziplinarorgane betonen. Nur auf dieser Basis, hieß es, wolle der Mann aus Zypern der zuständigen Disziplinarstelle seine Dokumente zugänglich machen.

© SZ vom 28.10.2010/ebc
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