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Fußball:Italien ist nur noch ein unattraktiver Testgegner

Marco Verratti: Von Meister Pirlo ist er Lichtjahre entfernt

(Foto: AFP)
  • Erstmals seit 60 Jahren ist Italien nicht bei einer WM-Endrunde dabei, nun will sich der Verband neu strukturieren.
  • Viele Spieler haben ihren Zenit bereits überschritten, doch der Nachwuchs ist Lichtjahre entfernt von Spielern wie Andrea Pirlo.
  • Im aktuellen Kader finden sich mehr Individualisten als Spieler mit taktischem Talent.

Von Birgit Schönau

Es hätte schlimmer kommen können. Schließlich ist ein 0:2 gegen Argentinien keine Schande, auch wenn sieben Stammspieler nicht mit von der Partie waren, inklusive eines gewissen Lionel Messi, der sich angesichts dieses unbedeutenden Gegners lieber für den nächsten Test gegen Spanien schonte. Es hätte schlimmer kommen können, das wird wohl für eine ganze Weile das Mantra für Italien bleiben. Rezitiert wird es von Gigi Di Biagio, dem Übergangscoach, der von der Jugendmannschaft in die Squadra Azzurra befördert wurde und angesichts der Leistung seines Teams am Freitag im Stadion von Manchester sagte: "Mit der zweiten Halbzeit war ich ganz zufrieden." Also mit jenen 45 Minuten, in denen Argentinien die beiden Treffer produzierte (76. Ever Banega, 85. Manuel Lanzini), während für Italien Lorenzo Insigne frei vorm gegnerischen Tor patzte und Gianluigi Buffon einen schlimmeren Endstand verhinderte.

Dasselbe Mantra ist auch von Billy Costacurta zu vernehmen, dem fürs Nationalteam zuständigen Verbands-Kommissar: "Mit Guardiola oder Mourinho auf der Bank wäre es nicht anders gelaufen", glaubt Costacurta, vermutlich hat er recht. Denn in jener Squadra, die gegen Argentinien durchaus sehenswerte Kombinationen zeigte, aber zu keinem Zeitpunkt ernsthaft mithalten konnte, liefen immerhin acht Spieler auf, die im November schon dabei waren. Damals verpatzte Italien gegen Schweden die WM-Qualifikation. Erstmals seit 60 Jahren sind die Azzurri nicht dabei, wenn der Rest der Welt das wichtigste Fußballturnier austrägt. Und nach dem Auftritt gegen Argentiniens Zweitbesetzung muss man sagen: Diese italienische Mannschaft wäre bei der WM wie schon 2010 und 2014 wohl wieder nicht über die Vorrunde hinausgekommen.

"Unsere WM sind jetzt die Testspiele", hat Interimscoach Di Biagio erklärt. Vor allem ist es ein Test für den 46-Jährigen, der beweisen will, dass er zum Nationaltrainer taugt, obwohl er nie für einen Klub gearbeitet hat. Es ist kein leichtes Unterfangen. Di Biagio muss sich gegen England und Frankreich behaupten, in Begegnungen, die als Luxus-Tests auf einem Roten Teppich geplant waren, der direkt nach Russland führen sollte. Stattdessen finden sich die Azzurri in der undankbaren Rolle eines nicht allzu ernst zu nehmenden Trainingspartners wieder. Immerhin steht im Terminplan auch ein Match gegen die Leidensgefährten aus den Niederlanden, die auch nicht zur WM dürfen.

Doch erst mal wartet am Dienstag in London England. Und da kann es schon mal schlimmer kommen als gegen Argentinien, denn die Engländer spielen vor heimischem Publikum und würden einen haushohen Sieg gegen die Italiener wohl nicht allzu unverhohlen genießen. "Wir leiden vor allem in der Offensive", sagt Costacurta, der selbst bei Milan und in der Nationalmannschaft ein sehr guter Verteidiger war. "Unsere Angreifer bekommen zu wenig Bälle, um zuzuschlagen." Das ist sicher ein Problem, auch wenn sich Marco Verratti und Jorginho im Mittelfeld nach Kräften mühen. Aber Verratti, 25, der seit Jahren als Riesentalent gilt, ohne in der Nationalmannschaft jemals die hohen Erwartungen erfüllt zu haben, war auch gegen Argentinien wieder nur besseres Mittelmaß. Einige Pässe sitzen, andere sind ohne Sinn und Ziel, nie hat man das Gefühl, dieser Spieler könne wirklich als Regisseur wirken. Von Meister Pirlo ist er Lichtjahre entfernt.

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