Fußball in Spanien:Spaniens Fußball: Warum Pérez Investitionen nicht rentabel sind

SZ: Pérez sagt, seine Investitionen seien rentabel und vernünftig.

Fußball in Spanien: Professor José María Gay war Berater von Espanyol Barcelona und untersucht seit Jahren die finanzielle Lage der spanischen Fußballklubs.

Professor José María Gay war Berater von Espanyol Barcelona und untersucht seit Jahren die finanzielle Lage der spanischen Fußballklubs.

(Foto: Foto: Rodolfo Molina)

Gay: Ich habe, bei allem Respekt für Florentino Pérez, meine Zweifel. Über Trikotverkäufe kann man den Kauf von Ronaldo, Kaká und wer da alles noch kommen mag, jedenfalls nicht wirtschaftlich gestalten. Real Madrid ist doch bereits jetzt, was die Einnahmen betrifft, die Nummer eins der Welt!

SZ: Für die gerade beendete Saison hat Real Einnahmen von 400 Millionen Euro veranschlagt.

Gay: Ja. Bei Ausgaben von bislang 375 Millionen Euro. Die neuen Einkäufe werden jetzt aber voll auf die Ausgabenstruktur durchschlagen. Wenn wir uns darauf beschränken, bloß die Bruttogehälter und die Abschreibungen der Transfersummen der Spieler einzurechnen, die bereits als sichere Zugänge gelten...

SZ: ... also Kaká und Ronaldo ...

Gay: ... kommen wir allein für die kommende Saison auf 50 Millionen Mehrausgaben. Nicht eingerechnet, wer noch geholt wird. Und nicht eingerechnet, was auf Real Madrid an Abfindungen zukommt. Denn: Real muss ja eine ganze Kabine leer fegen, Spieler abgeben, die zum Teil noch über Jahre laufende, millionenschwere Verträge haben. Da sind wir also, was Ausgaben betrifft, ganz schnell nahe bei oder jenseits der 500 Millionen Euro. Um das auszugleichen, müsste Real die Einnahmen von einem Geschäftsjahr zum nächsten um mehr als 20 Prozent steigern. Hat das je ein Klub geschafft? Nein! Hier und da wird gesagt, dass Real zurzeit 1,5 Millionen Euro pro Freundschaftsspiel kassiert, in Zukunft aber zehn Millionen bekommt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das jemand für 90 Minuten zahlt. Hinzu kommt die Konjunktur. Mag der Fußball auch noch so sehr die Nahrung der Massen sein - er wird auch von der Rezession erfasst. Wenn Menschen sparen müssen, sparen sie auch am Fußball.

SZ: Treibt Real dem Ruin entgegen?

Gay: Schon in der ersten Amtszeit von Pérez (Anm. d. Red: 2000 bis 2006) schrieb Real Verluste, ungefähr 600 Millionen Euro. So eine Zahl kompensiert man durch buchhalterische Wunder oder durch außerordentliche Einnahmen, zum Beispiel durch ein Immobiliengeschäft. So ist es ja auch gekommen.

SZ: Sie meinen den umstrittenen Verkauf von Reals "Sportstadt" im Norden Madrids, durch den sich der Klub dank der Hilfe der lokalen Politik gesundstoßen konnte. Das kann sich wiederholen?

Gay: Ein Freund machte mich vor ein paar Jahren darauf aufmerksam, dass Real vor den Toren Madrids für einen symbolischen Preis mehrere Hektar Land erworben hatte. In Las Tablas. Ich habe das Land seinerzeit in der Bilanz gefunden, dem damals aber keine größere Bedeutung beigemessen. Jetzt könnte das natürlich ein Schlüsselelement werden - vorausgesetzt, es wird von der Verwaltung in Bauland umgewidmet. Eine weitere mögliche Einnahmequelle ist die "Esquina del Bernabéu", eine Ladenzeile direkt am Stadion. Der aktuelle Nutzungsvertrag läuft 2011 aus. Und dann existiert weiterhin die Möglichkeit, das Stadion in Verhandlungsmasse zu verwandeln - sprich: das Estadio Santiago Bernabéu zu verkaufen und irgendwo anders ein neues Stadion zu bauen.

SZ: Die Schulden sind für Spaniens Fußball eine enorme Last. Spaniens oberster Sportpolitiker, Staatssekretär Jaime Lissavetzky, glaubt dennoch nicht, dass es zum Crash kommen könne.

Gay: Immerhin hat er "noch" gesagt.

SZ: Sonderlich unternehmungslustig scheint die Verwaltung nicht zu sein.

Gay: In dem Moment, wo einer ernst macht, sich die Bilanzen der Klubs genau ansieht, Maßnahmen ergreift, ist er einem enormen öffentlichen Druck ausgesetzt - seitens der Fans, seitens der Medien. Am Montag sind in Sevilla 60000 Menschen auf die Straße gegangen, um gegen den Präsidenten von Erstliga-Absteiger Betis zu protestieren. 60000! Aber es muss was passieren. Meinen Studien zufolge lagen die Schulden 2007 bei 2,7 Milliarden. Ein Jahr später beliefen sie sich auf 3,5 Milliarden. Mehr als 700 Millionen Zuwachs in einem Jahr.

SZ: Mit welchem Zuwachs rechnen Sie für 2009?

Gay: Das wird maßgeblich davon abhängen, welche Geschäfte Real bis zum 30. Juni bucht. Aber die Vier-Milliarden-Marke wird wohl übertroffen.

SZ: Bedarf es angesichts der Untätigkeit der spanischen Stellen externer Impulse? Seitens der europäischen Fußballunion Uefa, oder gar der EU?

Gay: Die Uefa hat mich schon angesprochen. Präsident Michel Platini setzt auf finanzielles Fairplay. Er will saubere Rechnungen. Wenn die Länder keine Maßnahmen ergreifen, wird die Uefa es tun - zum Beispiel über die Lizenz-Verweigerung für Europacup-Wettbewerbe.

SZ: Barcelona oder Real Madrid ausschließen? Das ist doch unvorstellbar?

Gay: Es sind auch eher andere Vereine betroffen. Barcelona und Real Madrid sind sehr mächtige Mannschaften, mit einem enormen Potential und vielen Einnahmequellen. Aber wenn sie aus der Reihe tanzen sollten, müssten sie natürlich auch gemaßregelt werden.

© SZ vom 19.06.2009/jüsc
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