Süddeutsche Zeitung

Fußball in Serbien und Kroatien:Angst vor aggressiven Allianzen

Radikaler Beschluss: Weil bei den Länderspielen Serbien gegen Kroatien niemand für Frieden auf dem Fußballplatz und vor dem Stadion garantieren kann, finden sie ohne Gästefans statt. Das Problem reicht tief. Viele angebliche Fanklubs sind getarnte Verbrechervereinigungen - mit besten Verbindungen in die Politik.

Von Florian Hassel

Es war ein Krisengespräch, bei dem die Spitzen des serbischen und des kroatischen Fußball-Verbandes nichts dem Zufall überlassen wollten. Schon Ende Januar zerbrachen sich die Funktionäre aus dem ehemaligen Jugoslawien den Kopf, wie sie sicherstellen könnten, dass es in den Fußballstadien von Zagreb und Belgrad friedlich bleibt. An diesem Freitag und am 6. September spielen beide Teams gegeneinander in der Gruppe A (mit Belgien, Mazedonien, Wales, Schottland) ums Weiterkommen in der Qualifikation für die WM 2014 in Brasilien. Zuerst muss das junge serbische Team bei den erfahrenen, favorisierten Kroaten antreten.

Doch so sehr die Funktionäre, deren Länder Anfang der Neunzigerjahre gegeneinander Krieg geführt hatten und seitdem einen kalten Frieden wahren, auch grübelten: Am Ende blieb nur die Erkenntnis, dass sie den Frieden auf dem Fußballplatz, erst recht aber außerhalb der Stadien, nicht garantieren können. Es wurde beschlossen, dass beide Spiele ohne Gästefans stattfinden sollen. Die Kroaten stellten den Serben keine Karten zur Verfügung, der serbische Verband verzichtete auf jeden Transport nach Zagreb.

Der Grund für den radikalen Beschluss: Sorgen die Fans in Zagreb oder später in Belgrad durch Krawalle für Schlagzeilen, müssen Serben und Kroaten fürchten, nicht nur die WM zu verpassen, sondern von allen internationalen Wettbewerben ausgeschlossen zu werden. Eine entsprechende Warnung schickte Michel Platini, der Präsident des europäischen Fußball-Verbandes Uefa, Ende Februar an Serbiens Premierminister Ivica Dacic und Kroatiens Regierungschef Zoran Milanovic.

Die Kriege auf dem Balkan sind zwar beendet. Doch auf und außerhalb des Fußballfeldes gehen die Scharmützel weiter: in einer unheiligen Allianz aus radikalen Fans, Kriminellen, Nationalisten und Politikern - manchmal bis hinauf in die Regierungsspitze. Berüchtigt und traditionell ist diese Allianz in Serbien. Anfang der Neunziger ließ der Autokrat Slobodan Milosevic den Mafiaboss Zeljko Raznatovic, besser bekannt als "Arkan", aus Kriminellen und Fans von Roter Stern Belgrad die "Tiger"- Miliz rekrutieren. Beim Krieg in Kroatien und Bosnien standen die Tiger bei Morden, Vergewaltigungen und Plünderungen oft in der ersten Reihe. Auch lange nach dem Ende des Krieges und dem gewaltsamen Tod von Arkan im Jahr 2000 sind der Belgrader Polizei zufolge viele angebliche Fanklubs getarnte Verbrechervereinigungen, oft mit Verbindung zur extremen Rechten.

Kein Wunder also, dass die sogenannten Fans oft durch Gewalt auffallen. Eine keineswegs vollständige Auswahl: Im Februar 2008 zündeten angebliche Fußballfans nach der von den USA unterstützten Unabhängigkeitserklärung des Kosovo die US-Botschaft in Belgrad an. Im September 2009 ermordeten Belgrader Hooligans vor dem Spiel von Partizan Belgrad gegen den FC Toulouse den französischen Fan Brice Taton. 2010 warfen serbische Fans bei einem EM-Qualifikationsspiel in Genua Feuerwerkskörper aufs Spielfeld - das Spiel wurde abgebrochen, 138 Personen wurden festgenommen. Für den vorerst letzten Eklat sorgten die Serben beim EM-Qualifikationsspiel ihrer U21-Auswahl gegen England im November. Es gab rassistische Ausfälle gegen dunkelhäutige englische Spieler; auch serbische Spieler sowie Assistenztrainer gingen auf die Engländer los.

Befehl, nach der Hymne des Gegners zu klatschen

Auch an anderen Stellen des einstigen Jugoslawien wird Krawall beim Fußball inszeniert. In Bosniens Hauptstadt Sarajewo gingen vor einem Freundschaftsspiel die Fans von Zeljeznicar Sarajewo und Hajduk Split so brutal aufeinander los, dass gar nicht erst angepfiffen wurde. Splits Klubpräsident Hrvoje Males fiel zudem durch ein Foto auf, das ihn mit einer Kappe der Ustascha zeigt, der kroatischen Faschisten, die im Zweiten Weltkrieg als Helfer Hitlers Hunderttausende ermordeten. Die Zurschaustellung von Ustascha-Symbolen ist bei kroatischen Ultras so verbreitet, dass Kroatiens damaliger Premierminister Ivo Sanader Anfang 2008 flehte, die unzivilisierten Slogans sollten bitte verschwinden.

Uefa-Präsident Platini war bereits im Februar 2011 derart alarmiert, dass er sowohl Serbiens damaligem Präsidenten Boris Tadic als auch Kroatiens Präsident Ivo Josipovic persönlich verkündete, bei weiteren Ausschreitungen würden die jeweiligen Nationalteams für internationale Wettbewerbe gesperrt. Die Kroaten zeigten sich von solchen Drohungen wenig beeindruckt: Bei der EM 2012 lieferten Hooligans der polnischen Polizei in Posen vor einem Spiel gegen Irland eine Straßenschlacht.

Auch die Serben nahmen Drohungen der Uefa wie auch vom Weltfußballverband Fifa lange nicht ernst. Zwar versprach Serbien schon nach dem Sturz des Milosevic-Regimes, gegen Hooligans vorzugehen; das Land richtete gar eine Sonderstaatsanwaltschaft gegen Fangewalt ein. Etliche Kriminelle wurden vor Gericht und ins Gefängnis gebracht. Doch die Staatsanwälte hatten mächtige Gegner: Ihr Antrag, 14 Fanklubs als verfassungswidrig zu verbieten, ließ das Verfassungsgericht jahrelang unbehandelt. 2009 wurde die Sonderstaatsanwaltschaft wegen angeblich ausgebliebener Erfolge aufgelöst. Etliche Chefs der angeblichen Fanklubs verfügten über beste Beziehungen - zum Beispiel der als Messerstecher zu Gefängnis verurteilte Alexandar Vavic, Anführer des laut Staatsanwalt verfassungswidrigen Fanklubs "Alcatraz".

Obwohl vom Staatsanwalt erneut wegen Raubes, illegalen Waffenbesitzes und schwerer Körperverletzung angeklagt, war Vavic mit von der Partie, als Serbiens Sozialisten Anfang Mai 2012 ihren Wahlsieg feierten. Vavic stand direkt hinter Ivica Dacic - damals Innenminister, heute Regierungschef. Dessen Rechtfertigung: Die Wahlparty sei für alle offen gewesen, er habe nicht geahnt, wer da hinter ihm stand. Nach Platinis Ausschlussdrohung Ende Februar wurde Dacic aktiv: Am 7. März beschloss der Rat zur Verhinderung von Sportgewalt unter Dacics Vorsitz die Wiedereinführung der Sonderstaatsanwälte zur Hooligan-Verfolgung.

Serbiens Nationaltrainer Sinisa Mihajlovic steckt zunächst nicht nur als Dirigent einer jungen, schwankenden Mannschaft seine Ziele vor dem Duell mit Kroatien nicht sehr hoch. Für das Geschehen vor dem Anpfiff hat Mihajlovic seinen Spielern schriftlich befohlen, nicht nur die eigene Hymne mitzusingen, sondern auch nach der des Gegners zu applaudieren. Schließlich, erklärte der Nationaltrainer am 14. März, müsse Serbien alles tun, um sich zu ändern, um zu "zeigen, dass in Serbien zivilisierte Menschen leben, die den Fußball lieben und sich im Stadion zu benehmen wissen". Allerdings: Für die Geschehnisse auf der Tribüne "kann niemand garantieren - weder in Zagreb noch später beim Spiel in Belgrad".

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SZ vom 21.03.2013
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