bedeckt München

Fußball in Serbien und Kroatien:Befehl, nach der Hymne des Gegners zu klatschen

Auch an anderen Stellen des einstigen Jugoslawien wird Krawall beim Fußball inszeniert. In Bosniens Hauptstadt Sarajewo gingen vor einem Freundschaftsspiel die Fans von Zeljeznicar Sarajewo und Hajduk Split so brutal aufeinander los, dass gar nicht erst angepfiffen wurde. Splits Klubpräsident Hrvoje Males fiel zudem durch ein Foto auf, das ihn mit einer Kappe der Ustascha zeigt, der kroatischen Faschisten, die im Zweiten Weltkrieg als Helfer Hitlers Hunderttausende ermordeten. Die Zurschaustellung von Ustascha-Symbolen ist bei kroatischen Ultras so verbreitet, dass Kroatiens damaliger Premierminister Ivo Sanader Anfang 2008 flehte, die unzivilisierten Slogans sollten bitte verschwinden.

Uefa-Präsident Platini war bereits im Februar 2011 derart alarmiert, dass er sowohl Serbiens damaligem Präsidenten Boris Tadic als auch Kroatiens Präsident Ivo Josipovic persönlich verkündete, bei weiteren Ausschreitungen würden die jeweiligen Nationalteams für internationale Wettbewerbe gesperrt. Die Kroaten zeigten sich von solchen Drohungen wenig beeindruckt: Bei der EM 2012 lieferten Hooligans der polnischen Polizei in Posen vor einem Spiel gegen Irland eine Straßenschlacht.

Auch die Serben nahmen Drohungen der Uefa wie auch vom Weltfußballverband Fifa lange nicht ernst. Zwar versprach Serbien schon nach dem Sturz des Milosevic-Regimes, gegen Hooligans vorzugehen; das Land richtete gar eine Sonderstaatsanwaltschaft gegen Fangewalt ein. Etliche Kriminelle wurden vor Gericht und ins Gefängnis gebracht. Doch die Staatsanwälte hatten mächtige Gegner: Ihr Antrag, 14 Fanklubs als verfassungswidrig zu verbieten, ließ das Verfassungsgericht jahrelang unbehandelt. 2009 wurde die Sonderstaatsanwaltschaft wegen angeblich ausgebliebener Erfolge aufgelöst. Etliche Chefs der angeblichen Fanklubs verfügten über beste Beziehungen - zum Beispiel der als Messerstecher zu Gefängnis verurteilte Alexandar Vavic, Anführer des laut Staatsanwalt verfassungswidrigen Fanklubs "Alcatraz".

Obwohl vom Staatsanwalt erneut wegen Raubes, illegalen Waffenbesitzes und schwerer Körperverletzung angeklagt, war Vavic mit von der Partie, als Serbiens Sozialisten Anfang Mai 2012 ihren Wahlsieg feierten. Vavic stand direkt hinter Ivica Dacic - damals Innenminister, heute Regierungschef. Dessen Rechtfertigung: Die Wahlparty sei für alle offen gewesen, er habe nicht geahnt, wer da hinter ihm stand. Nach Platinis Ausschlussdrohung Ende Februar wurde Dacic aktiv: Am 7. März beschloss der Rat zur Verhinderung von Sportgewalt unter Dacics Vorsitz die Wiedereinführung der Sonderstaatsanwälte zur Hooligan-Verfolgung.

Serbiens Nationaltrainer Sinisa Mihajlovic steckt zunächst nicht nur als Dirigent einer jungen, schwankenden Mannschaft seine Ziele vor dem Duell mit Kroatien nicht sehr hoch. Für das Geschehen vor dem Anpfiff hat Mihajlovic seinen Spielern schriftlich befohlen, nicht nur die eigene Hymne mitzusingen, sondern auch nach der des Gegners zu applaudieren. Schließlich, erklärte der Nationaltrainer am 14. März, müsse Serbien alles tun, um sich zu ändern, um zu "zeigen, dass in Serbien zivilisierte Menschen leben, die den Fußball lieben und sich im Stadion zu benehmen wissen". Allerdings: Für die Geschehnisse auf der Tribüne "kann niemand garantieren - weder in Zagreb noch später beim Spiel in Belgrad".

© SZ vom 21.03.2013
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema