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Fußball in Italien:Über seine Familie weiß man einiges, aber wenig Gutes

Politiker und Medien in Italien zeigten sich empört. Cassano, den Straßenköter, kratzte es nicht. Er hatte nicht wie auf der Straße Fußball gespielt, sondern in einer der höchstdotierten Nationalmannschaften der Welt. Und schwieg. Jeder bellt halt, wie er's gelernt hat, und manche müssen lauter bellen, weil sie keinen Biss haben. Der Fußballer Cassano hat nie ernsthaft zugefasst, kein Knurren und kein Zähnefletschen. Er wollte eigentlich immer nur spielen, auf eine tatsächlich welpenhaft-tapsige, aber auch strahlend leichtfüßige Art den Ball bewegen. Dauernd schlug er über die Stränge, die Regeln waren ihm ebenso schnuppe wie Verträge und Gehalt. Letzteres war ja sowieso immer unvorstellbar viel. "Nie hätte ich gedacht, mal so viel Geld auf einem Haufen zu sehen", sagte Cassano am ersten Zahltag als Profifußballer. In der Serie A debütierte er mit 17.

"Wenn ich nicht Fußballer geworden wäre, hätte ich wohl eine kriminelle Laufbahn eingeschlagen", hat Cassano mal gestanden, mit dieser schönen, für ihn typischen Ehrlichkeit, die im Mittelklasse-Fußball unserer Zeit auf der roten Liste steht. Er stammt, was ja mittlerweile eine echte Rarität für einen europäischen Fußballer ist, aus jenem Subproletariat, das es ja angeblich in Europa schon nicht mehr gibt. Über seine Familie weiß man einiges, aber wenig Gutes. Zum Beispiel, dass ein älterer Halbbruder in Bari als Anführer der "Porsche-Cayenne-Bande" bekannt war. Benannt nach jenem Gefährt, mit dem Bruder Cassano und seine Ganoven geklaute Geldautomaten abtransportierten.

Zu Trainer Fabio Capello sagte er, dieser sei "falscher als das Geld bei Monopoli".

In seinen Memoiren behauptete Antonio unter anderem, 600 Frauen beglückt zu haben (er selbst drückte sich anders aus): "Ich habe das gleiche Laster wie Michael Douglas. Nur, dass der dafür ins Krankenhaus musste und ich nicht." Als das Buch herauskam, war er 26 und ziemlich stolz darauf, als größte Knalltüte des Calcio zu gelten. Viel gewonnen hat er nicht, obwohl er sich bei so starken Klubs wie AS Rom, Real Madrid und dem AC Mailand verdingte. Seine Laufbahn bei den Königlichen war nach nur einer Saison (2006/07) vorbei, als er seinem Trainer Fabio Capello vor versammelter Mannschaft ins Gesicht schrie: "Du bist ein Sch ... kerl. Falscher als das Geld bei Monopoly!"

Vielleicht ist der Trainer von Verona doch ganz froh, dass dieser Kelch an ihm vorübergeht. Nach mehr als 500 Pflichtspielen und 139 Toren hat Antonio Cassano die Nase voll vom Fußball. Mit ihm geht ein großer Unvollendeter, der in einem ganz normalen Familienleben mit Frau und zwei Kindern seine Erfüllung sucht. Der unwiderstehliche Straßenköter Cassano flüchtet tatsächlich in ein kleinbürgerliches Leben, aber die Gefahr, als Fernsehexperte zu enden, ist doch relativ gering. "Es ist doch so", hat Cassano erkannt: "Ich habe mindestens so viel Talent wie Roger Federer. Aber seine Disziplin und seinen Ehrgeiz habe ich nicht."

© SZ vom 26.07.2017/ska

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