Süddeutsche Zeitung

Fußball in Italien:Das ruinierte Lieblingsspiel der Tifosi

Fußball? Ist in Italien ziemlich von gestern. Die Politik geht auf Distanz, und Mailands Klubs gehören chinesischen Investoren. Wie konnte es so weit kommen?

Von Birgit Schönau, Rom

Die vermutlich letzte von 29 Trophäen in der Ära des Presidentissimo gewann der AC Mailand fern der Heimat am Tag vor Heiligabend in Doha. Nicht zum ersten Mal war die Hauptstadt Katars als Austragungsort für den Ligapokal ausgesucht worden, denn außerhalb von Europa ist das Ansehen des italienischen Fußballs nur leicht verblasst; entsprechend fließen die Petrodollars. Am Persischen Golf schlug Milan im Elfmeterschießen Juventus Turin, es war ein melancholisches Match. Nicht nur, weil der eigene Anhang aus ersichtlichen Gründen zu Hause geblieben war. Nach Katar, kurz vor Weihnachten - wer soll das bezahlen?

"Wir widmen diesen Sieg dem Präsidenten Berlusconi", verkündete am Ende Vincenzo Montella, der Milan-Trainer. Sag' zum Abschied leise Doha. Denn spätestens im Frühjahr wird es so weit sein: Silvio Berlusconi, von dem der Spruch überliefert ist, nur Kommunisten spielten defensiv, übergibt seine Associazione Calcio Milan an neue Herren, die nicht aus den stramm feudalistischen Golfstaaten stammen, sondern aus China.

200 Millionen Euro haben die Anwärter aus dem größten sozialistischen Land der Erde bereits an den strammen Antikommunisten in Mailand überwiesen, der weitere Yuan-Fluss ins kapitalistische Ausland bedarf noch staatlicher Genehmigung. Spätestens im März sollte auch diese erfolgen, und dann wird man schon sehen, welche taktischen Anweisungen künftig an den einstigen National-Torjäger Montella ergehen werden.

Debatten um RB Leipzig sind dagegen nur Schrebergarten-Geschnatter

Schon jetzt, so ist aus Mailand zu vernehmen, mischen die Chinesen auf dem Transfermarkt mit. Während der dreimalige Regierungschef Berlusconi vor allem aus wirtschaftlichem, aber auch aus politischem Kalkül zuletzt auf junge Italiener setzte, suchen seine Nachfolger erfahrene, internationale Kräfte. Leute, die einen Namen haben, der möglichst auch in China bekannt ist. Die neuen Milan-Bosse seien "echte Fans", versichert der scheidende Patron Berlusconi. Das kann man ungefähr so ernst nehmen wie seine Behauptung, schon jetzt seien 243 Millionen Chinesen Tifosi des AC Mailand. Jeder fünfte Chinese Milan-Fan - ja, wo bleibt denn da der Lokalrivale Inter? Seit dem Sommer schon untersteht der FC Internazionale Zhang Jindong vom Elektronikkonzern Suning, als Vizepräsident fungiert in Mailand Zhangs 25-jähriger Sohn Steven.

Presidentino nennen sie ihn, denn Zhang tritt auf wie ein Student, mit Kapuzenpullover unter dem Jackett und schwarzer Nerd-Brille. Englisch spricht er schon, Italienisch lernt er gerade, auf jeden Fall ist der Suning-Junior ein präsenter Ansprechpartner. Bei Milan gibt es so jemanden noch nicht, und niemand weiß derzeit, wer es denn sein könnte. Von Berlusconis Verhandlungspartner ist nur bekannt, dass es sich um die Sino-Europe-Sports-Gruppe handelt. Namen kennt man nicht, nur das Gerücht, dass angeblich ein Staatsfonds dahinter steckt. Der Fußball ist in China neuerdings Staatsangelegenheit.

Was das betrifft, können die Chinesen von Berlusconi sehr viel lernen. Kein anderer Politiker weltweit hat den Fußball derart instrumentalisiert wie er.

Dass ausgerechnet Fußball-Mailand jetzt chinesisch wird, hat also durchaus seine groteske Logik. Die norditalienische Metropole war ja zuletzt in die Provinzliga abgestiegen, nun aber avanciert sie zum Versuchslabor für den ganzen Kontinent: Wie ernst meinen es die Chinesen mit ihren Investitionen? Werden sie in Europa weiter Personal für die aufstrebende heimatliche Liga akquirieren? Oder gleich noch einige europäische Traditionsklubs? Angesichts dessen, was in Mailand abgeht, sind deutsche Debatten um RB Leipzig nur Schrebergarten-Geschnatter.

Befreit der Niedergang des Berlusconismus Italiens Fußball?

Dabei bildete diese Stadt noch vor wenigen Jahren das Herzstück des italienischen Fußball-Familienkapitalismus. Die Berlusconis (Milan) und die Morattis (Inter) hatten die Stadt säuberlich untereinander aufgeteilt und machten doch durchaus gemeinsame Sache. So war eine Schwägerin des ehemaligen Inter-Patrons Massimo Moratti Jahre lang Bürgermeisterin für Berlusconis Partei. Im Stadtrat saß derweil Morattis Ehefrau in den Reihen der linken Opposition.

Finito und vorbei. Moratti verkaufte als erster, angeblich auf Weisung seiner Erben. Berlusconi fügt sich wohl ebenso seinen Kindern, von denen nur die Drittgeborene Barbara im Milan-Management sitzt. Mit 80 Jahren hat der gesundheitlich angeschlagene Patriarch sich weitgehend zurückgezogen. Die Partei "Forza Italia", einst benannt nach dem Anfeuerungsruf der Tifosi für die Nationalelf (Vorwärts, Italien!), löst sich im nunmehr sechsten Jahr in der Opposition auf, seitdem ihr Gründer für ihre Adepten nicht mehr in die Privatschatulle greifen will oder darf. Sein Fernsehunternehmen Mediaset wird bedroht von der feindlichen Übernahme des französischen Konzerns Vivendi. Noch ist Berlusconi der größte Unterhaltungs- und Kultur-Unternehmer Italiens, unbestrittene Nummer 1 bei den Verlagen und im Filmgeschäft. Und doch wird sein Konzern zusehends einer von vielen. Er ist nicht mehr Instrument eines politischen Plans.

Berlusconis politisches Konzept war schlicht wie erfolgreich: Er behandelte seinen Wahlverein wie seinen Fußballklub und seine Wähler wie Tifosi. Zwar investierte er in "Forza Italia" nicht ganz so viele Millionen wie in den AC Mailand, dafür kaufte er bei Bedarf gegnerische Parlamentarier wie Fußballer von Konkurrenzvereinen. Und im Wahlkampf versprach er seinen Anhängern neue Fußballstars als Wahlgeschenk - übrigens die einzigen Versprechen, die er einzuhalten pflegte. Die Kontrolle über Fußball und Fernsehen machten den Multimilliardär Berlusconi zum mächtigsten Mann Italiens.

Italiens Fußball ist ziemlich von gestern

Heute ist das italienische Fernsehen ein Medium für die Alten. Auch der Fußball ist ziemlich von gestern: Unter Berlusconi verkam das Spektakel derart zum Fernsehsport, dass niemand mehr in die Stadien investierte. Denn egal, wie viele Zuschauer das Spiel live sehen wollten, es regnete ja weiter Fernsehmilliarden auf Italiens Liga, die von Berlusconis Männern gelenkt wurde. Der Tiefpunkt war erreicht, als vor ein paar Jahren in der dritten Liga ganze Stadionabschnitte gesperrt wurden. Während die echten Tifosi draußen blieben, stellte man dort Fans aus Pappe auf, die im Fernsehen täuschend echt aussahen.

Die Kurven wurden dirigiert von überwiegend rechtsextremen, selten linken Gruppen sogenannter Ultras. Auf die Radikalisierung des Stadion-Publikums reagierte der Staat mit Repressalien. Personalisierte Tickets, Reiseverbote für organisierte Fans, strikte Kontrollen - nie war es so kompliziert, ein italienisches Stadion zu betreten. Nie gab es so viele Zutrittsverbote, nie waren die Stadien so leer. Das römische Olympiastadion zum Beispiel hat in der laufenden Saison im Schnitt 23 000 Zuschauer auf 70 000 Plätzen. Italien hat die Gewalt weitgehend aus seinen Stadien vertrieben, aber die Fans gleich mit.

Der Niedergang des Berlusconismus könnte den italienischen Fußball befreien. Wie die Zukunft aussieht, kann man jetzt schon in Turin bei Juventus sehen. Das moderne und komfortable Stadion des Rekordmeisters ist bei jedem Heimspiel ausverkauft. Den Tifosi wird etwas geboten, gleichzeitig wird Randale konsequent bekämpft. Juventus gehört seit 1923 der Familie Agnelli, ein derart langer Familienbesitz ist weltweit einmalig für einen großen Sportverein. Im Unterschied zu Berlusconi sind die Agnellis Unternehmer geblieben. Ob sie der ungleich betuchteren ausländischen Konkurrenz weiterhin trotzen können, wird sich zeigen.

Wie aber steht Italiens Politik zum Fußball? Im Parlament existieren weiterhin partei-übergreifende Fangruppen der großen Vereine. Von Ex-Premier Matteo Renzi weiß man, dass er selbst gern kickt und Tifoso des AC Florenz ist. Aber allgemein ist die Politik weitgehend auf Distanz zum Fußball gegangen, genau wie die Bürger. Die Italiener sind zu desillusioniert, um weiter vom Fußball zu träumen. Im Übrigen haben allzu viele schon ihren Lieblingsklub verschwinden sehen: Die Pleiten in der Provinz sind Legion.

Grillo wird den Fußballer sicher nicht wieder aufbauen

Die neuen Populisten im Land setzen nicht auf das Rasenspektakel. Die Fünf-Sterne-Bewegung des ehemaligen Komikers Beppe Grillo ist nach Umfragen derzeit die stärkste Kraft. Fußball ist für sie kein Thema. Was sicher auch daran liegt, dass Grillo keinen Verein besitzt. Aber immerhin hält er die Markenrechte an den "Fünf Sternen". Der Wahlverein liegt also in seiner Hand, ähnlich wie "Forza Italia" in der von Berlusconi. Beiden gemeinsam ist zudem das Spiel mit den Emotionen der Anhänger, denen Berlusconi Brot und Spiele bot. Grillo verspricht ein allgemeines Grundeinkommen und den spektakulären Sturz der Gegner.

Aus seiner rosa Villa über dem Meer von Genua, umsorgt von seinen Hausangestellten, wütet Grillo gegen die poteri forti (herrschenden Mächte), gegen die politische Kaste und deren "Lügenpresse". Rechts oder links, alle sind in seinen Augen gleich korrupt und gleich verdammenswert. Grillos Taktik ist die Dauer-Attacke, nur das Ancien Regime spielt in seinen Augen defensiv. Sein Fußvolk betreibt einen entfesselten digitalen Angriff gegen alle da oben, gleichgültig, ob es sich um Politiker, Filmregisseure, Schriftsteller handelt. Als Sammelbecken des Sozialneids und Trostverein der Talentlosen wird die Fünfstern-Bewegung zwangsläufig bald auch den Fußballmillionären das Wasser abgraben wollen.

Berlusconi hat den Fußball als Lieblingssport der Italiener kaputt gemacht, Grillo wird ihn sicher nicht wieder aufbauen. Denn bei ihm macht nur einer die Show: Grillo selbst. Nie hat man ihn im Stadion gesehen. Anderen applaudieren, so weit kommt's noch. Mit seinen Monologen tourt der 67-Jährige durch die Theater und über die Plätze, und einmal durchschwamm er bei seinem Dauer-Wahlkampf die Meerenge von Messina. Das erinnerte natürlich frappierend an den alten Mao, der 1966 mit 72 den Jangtse durchquert hatte und gab eine Menge Klicks für Grillos Blog, der sich durch Werbung finanziert. Mit Fußball aber holt ein Grillo weder Geld noch Stimmen.

Beim Stadion gaben Grillos Emissäre klein bei

Fußballer werden ebenso zu Feinden wie Intellektuelle, wenn sie es wagen, für die Anderen Partei zu ergreifen oder gar Grillo zu kritisieren. Das gilt für Nationalmannschafts-Kapitän Gianluigi Buffon, der in einem Zeitungs-Interview den ehemaligen Premier Matteo Renzi lobte, ebenso wie für Roms Fußball-Idol Francesco Totti, der sich vergebens für die Olympia-Kandidatur seiner Heimatstadt einsetzte. Die römische Bürgermeisterin, eine Politikerin der Fünf Sterne, lehnte die Bewerbung ab. Olympia, so ihr Argument, sei nur eine Einladung zur Korruption. Das Projekt eines neuen Stadions für den AS Rom hätte sie auch gerne versanden lassen, Fußball habe für sie "keine Priorität". Inzwischen müssen Grillos Emissäre beim Stadion klein beigeben. Der Fußball ist stärker, wenigstens in Rom.

"Wir brauchen keine Schnellzüge, nur Datenautobahnen", hat Grillo mal gesagt, in seiner rosa Villa überm Meer. Mit so einem Programm ist Fußball nicht kompatibel. Ein Spiel dauert immer noch 90 Minuten, eine Ewigkeit, in der Grillos Netzgemeinde ein paar hundert Tweets absetzen kann oder ein Dutzend aufmüpfige Parlamentarier aus dem Amt kegeln.

90 Minuten nichts weiter zu tun, als zu hoch bezahlten Profis beim Kicken zuzusehen, das ist nun mal aus der Zeit gefallen. Außer vielleicht für Investoren aus China.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.3322933
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 07.01.2017/chge
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.