Fußball in Italien:Befreit der Niedergang des Berlusconismus Italiens Fußball?

Dabei bildete diese Stadt noch vor wenigen Jahren das Herzstück des italienischen Fußball-Familienkapitalismus. Die Berlusconis (Milan) und die Morattis (Inter) hatten die Stadt säuberlich untereinander aufgeteilt und machten doch durchaus gemeinsame Sache. So war eine Schwägerin des ehemaligen Inter-Patrons Massimo Moratti Jahre lang Bürgermeisterin für Berlusconis Partei. Im Stadtrat saß derweil Morattis Ehefrau in den Reihen der linken Opposition.

Finito und vorbei. Moratti verkaufte als erster, angeblich auf Weisung seiner Erben. Berlusconi fügt sich wohl ebenso seinen Kindern, von denen nur die Drittgeborene Barbara im Milan-Management sitzt. Mit 80 Jahren hat der gesundheitlich angeschlagene Patriarch sich weitgehend zurückgezogen. Die Partei "Forza Italia", einst benannt nach dem Anfeuerungsruf der Tifosi für die Nationalelf (Vorwärts, Italien!), löst sich im nunmehr sechsten Jahr in der Opposition auf, seitdem ihr Gründer für ihre Adepten nicht mehr in die Privatschatulle greifen will oder darf. Sein Fernsehunternehmen Mediaset wird bedroht von der feindlichen Übernahme des französischen Konzerns Vivendi. Noch ist Berlusconi der größte Unterhaltungs- und Kultur-Unternehmer Italiens, unbestrittene Nummer 1 bei den Verlagen und im Filmgeschäft. Und doch wird sein Konzern zusehends einer von vielen. Er ist nicht mehr Instrument eines politischen Plans.

Berlusconis politisches Konzept war schlicht wie erfolgreich: Er behandelte seinen Wahlverein wie seinen Fußballklub und seine Wähler wie Tifosi. Zwar investierte er in "Forza Italia" nicht ganz so viele Millionen wie in den AC Mailand, dafür kaufte er bei Bedarf gegnerische Parlamentarier wie Fußballer von Konkurrenzvereinen. Und im Wahlkampf versprach er seinen Anhängern neue Fußballstars als Wahlgeschenk - übrigens die einzigen Versprechen, die er einzuhalten pflegte. Die Kontrolle über Fußball und Fernsehen machten den Multimilliardär Berlusconi zum mächtigsten Mann Italiens.

Italiens Fußball ist ziemlich von gestern

Heute ist das italienische Fernsehen ein Medium für die Alten. Auch der Fußball ist ziemlich von gestern: Unter Berlusconi verkam das Spektakel derart zum Fernsehsport, dass niemand mehr in die Stadien investierte. Denn egal, wie viele Zuschauer das Spiel live sehen wollten, es regnete ja weiter Fernsehmilliarden auf Italiens Liga, die von Berlusconis Männern gelenkt wurde. Der Tiefpunkt war erreicht, als vor ein paar Jahren in der dritten Liga ganze Stadionabschnitte gesperrt wurden. Während die echten Tifosi draußen blieben, stellte man dort Fans aus Pappe auf, die im Fernsehen täuschend echt aussahen.

Die Kurven wurden dirigiert von überwiegend rechtsextremen, selten linken Gruppen sogenannter Ultras. Auf die Radikalisierung des Stadion-Publikums reagierte der Staat mit Repressalien. Personalisierte Tickets, Reiseverbote für organisierte Fans, strikte Kontrollen - nie war es so kompliziert, ein italienisches Stadion zu betreten. Nie gab es so viele Zutrittsverbote, nie waren die Stadien so leer. Das römische Olympiastadion zum Beispiel hat in der laufenden Saison im Schnitt 23 000 Zuschauer auf 70 000 Plätzen. Italien hat die Gewalt weitgehend aus seinen Stadien vertrieben, aber die Fans gleich mit.

Der Niedergang des Berlusconismus könnte den italienischen Fußball befreien. Wie die Zukunft aussieht, kann man jetzt schon in Turin bei Juventus sehen. Das moderne und komfortable Stadion des Rekordmeisters ist bei jedem Heimspiel ausverkauft. Den Tifosi wird etwas geboten, gleichzeitig wird Randale konsequent bekämpft. Juventus gehört seit 1923 der Familie Agnelli, ein derart langer Familienbesitz ist weltweit einmalig für einen großen Sportverein. Im Unterschied zu Berlusconi sind die Agnellis Unternehmer geblieben. Ob sie der ungleich betuchteren ausländischen Konkurrenz weiterhin trotzen können, wird sich zeigen.

Wie aber steht Italiens Politik zum Fußball? Im Parlament existieren weiterhin partei-übergreifende Fangruppen der großen Vereine. Von Ex-Premier Matteo Renzi weiß man, dass er selbst gern kickt und Tifoso des AC Florenz ist. Aber allgemein ist die Politik weitgehend auf Distanz zum Fußball gegangen, genau wie die Bürger. Die Italiener sind zu desillusioniert, um weiter vom Fußball zu träumen. Im Übrigen haben allzu viele schon ihren Lieblingsklub verschwinden sehen: Die Pleiten in der Provinz sind Legion.

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