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Fußball in Ägypten:Ägypten will elf Fußballfans hinrichten

A man reacts at Ramsis metro station in Cairo after the arrival of people wounded in clashes in Port Said stadium

Entsetzen in Ägypten 2012, hier in einer Metrostation in Kairo, in der verwundete Fußballfans aus Port Said ankommen.

(Foto: REUTERS)

Nach der Katastrophe von Port Said sind nun elf ägyptische Ultras zum Tod verurteilt worden. Doch die Hintergründe des Massakers in einem Stadion sind fünf Jahre danach nicht ansatzweise geklärt.

Die Verlockung, Sport für politische Ziele zu nutzen, ist groß. Auch demokratisch Gewählte lassen sich mit verschwitzten Helden in Umkleidekabinen fotografieren, und noch stärker instrumentalisieren oft jene den Sport, deren Legitimität sich nicht wirklich aus dem Willen der Bürger speist. Damit der Glanz sportlicher Erfolge die Schattenseiten ihrer Herrschaft überstrahlt, betreiben sie Kaderschmieden und staatliche Dopingprogramme. Wenn Angela Merkel neben halbnackten Spielern steht, darf man das lächerlich finden. Wenn betrogen und die Gesundheit von Sportlern gefährdet wird, ist das weniger zum Lachen.

In Ägypten jedoch hat die Instrumentalisierung des Sports eine andere Dimension erreicht: Sie war tödlich, als am 1. Februar 2012 nach einem Fußballspiel zwischen den Erzrivalen al-Masry Port Said und al-Ahly Kairo 74 Menschen erschlagen, zertrampelt, erdrückt wurden. Und sie wird wieder tödlich sein; am Montag bestätigte ein Gericht in Kairo letztinstanzlich elf Todesurteile gegen Fans, die an dem Massaker beteiligt gewesen sein sollen.

Wer steckt hinter dem Massaker in Port Said? Das bleibt offen

Dass jene, die in Port Said randalierten, bestraft werden müssen, ist keine Frage (während das Prinzip der Todesstrafe ganz allgemein mit Vehemenz zu hinterfragen ist). Die aktuellen Urteile in Ägypten fühlen sich aber noch dazu willkürlich an, weil die Hintergründe der Katastrophe von Port Said auch an ihrem fünften Jahrestag nicht ansatzweise geklärt sind. Die Ultras von Port Said waren in der Lage, Waffen jeglicher Art in das Stadion mitzunehmen. Ihnen wurden die Tore geöffnet, die sie von den Fans aus Kairo trennen sollten, während deren Fluchtwege versperrt waren. Als die Lage eskalierte, verschwand die Polizei, Funktionäre reisten erst gar nicht an, angeblich, weil sie gewarnt wurden.

Im an Verschwörungstheorien nicht armen Ägypten keimte sofort der Verdacht auf, dass der Sicherheitsapparat hinter den Attacken steckte. Auch jene, die nicht zu konspirativen Erklärungen neigen, halten es für wahrscheinlich, dass sich alte Seilschaften des gestürzten Mubarak-Regimes an den Fans von al-Ahly Kairo rächen wollten: Sie waren es, die mit ihrer Kampferfahrung die Demonstranten am Tahrir-Platz gegen Polizei und vom Staat geschickte Schläger verteidigten. Ohne sie wäre der Aufstand wohl nie erfolgreich gewesen.

Das Massaker von Port Said könnte Rache an der Revolutionsgarde gewesen sein, andere vermuten ein Manöver des damals regierenden Militärrats, der die Bevölkerung durch selbstgeschürtes Chaos einschüchtern wollte. Zwar wurden in der Folge Polizei- und Verwaltungsbeamte entlassen, manche sogar zu Haftstrafen verurteilt. Dass sie aber die eigentlichen Verantwortlichen für das Unglück sind, ist genauso unwahrscheinlich wie die Alleinschuld der elf zum Tode verurteilten al-Masry-Fans. Sogar ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss kam zu dem Schluss, dass "Kräfte" gewaltbereite Fans ausgenutzt hätten, "um politische Interessen zu verfolgen". Wer diese Kräfte sein könnten, sagte der Ausschuss aber nicht.

Der Weltfußballverband Fifa droht Mitgliedern sonst schnell mit Ausschluss, wenn er politische Einflussnahme vermutet. Im Falle von Port Said protestierte er nur leise, als nach dem Massakers der gesamte Vorstand des ägyptischen Fußballverbandes gehen musste. Außerdem leistete die Fifa eine Spende: 250 000 Dollar zahlte der milliardenschwere Verband an einen Fonds, der knapp tausend Verletzten und den Hinterbliebenen von 74 Toten helfen sollte.

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Im Februar 2012 waren bei Krawallen im Fußballstadion von Port Said 74 Menschen gestorben. Die Angehörigen der Opfer feiern die Urteilsverkündung.