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Fußball-Idol Sócrates:Brasiliens Problem mit dem schleichenden Gift

Eines seiner sechs Kinder heißt Fidel, wegen Kubas Castro, einem seiner Helden. Er ging nach Florenz, kurz zu Flamengo Rio de Janeiro, Santos und 1994 mit 40 zum englischen Neuntligisten Garforth Town. Ein Spaß, warum nicht. Er lästerte über die brasilianische Nationalelf, die mit schlichtem Stil die WM in den USA gewann, statt wie seine Generation in Schönheit zu sterben. Kapitän war sein jüngerer Bruder Raí.

Socrates

In Zukunft totale Abstinenz: Sócrates will sich ändern. Er ist 57 Jahre alt.

(Foto: AP)

Der Romantiker Sócrates fand den Fußball der Neuzeit zu athletisch und fantasielos, forderte Torkameras und mehr Schiedsrichter. Er analysierte das Spiel so poetisch wie der Argentinier Jorge Valdano. Er machte flüchtige Versuche als Trainer und eröffnete ein Krankenhaus in Riberao Preto, im Hinterland von São Paulo, wo die Zuckerrohrfelder liegen und der Schnaps Cachaca entsteht. Er hatte seinen Platz in der Chopería Pinguím und seinen eigenen Tisch in der Bar Brasília.

Ein Fernsehmann erinnert sich, dass der tendenziell schüchterne Sócrates in den Fernsehprogrammen immer besser in Form war, wenn er einige Gläser getrunken hatte. Nie schien ihm Alkohol etwas auszumachen. Er stand im Ruf, viel zu vertragen, ohne unangenehm aufzufallen. Jetzt gilt er als Beispiel für eine Volkskrankheit im Land des Karnevals. "Der Doktor und der Alkohol", setzte das Magazin Época auf den Titel. Die Causa enthülle "eine unterirdische Epidemie", die Jahr für Jahr 30 000 Brasilianer umbringe.

Laut einer Studie habe jeder zehnte der 192 Millionen Einwohner Probleme mit dem schleichenden Gift, Alkoholeinfluss sei verantwortlich für 60 Prozent der Verkehrstoten und 72 Prozent der Morde. Der weltgrößte Brauereikonzern ist brasilianisch - Bier und Wein und Caipirinha sind Teil der Kultur, aber für manchen zu viel. Der geniale Garrincha soff sich zu Tode, wie anderswo George Best, Stan Libuda oder fast Diego Maradona. Bei Sócrates liegt der Fall anders, er hat erhöhte intellektuelle Voraussetzungen. Aber "das Drama einer öffentlichen, beliebten Person beweist, dass auch intelligente und starke Menschen abhängig werden können", sagt der Psychiater Ronaldo Laranjeiras.

Aus dem Hospital wird nun vorsichtig Entwarnung gegeben. Er atme wieder alleine, heißt es, und Raí twitterte: "Er ist sehr gerührt von der Zuneigung und der Hilfe aller." Die Ärzte empfehlen ihm mit oder ohne Lebertransplantation das, was sich der Doktor Sócrates vor kurzem vornahm: "Von jetzt an gibt es nur totale Abstinenz für mich."

© SZ vom 22.09.2011/thob

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