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Fußball:Badstuber trainiert für ein Ende der Leiden

Training FC Bayern München

Holger Badstuber, r., tauscht sich mit Trainer Carlo Ancelotti aus.

(Foto: dpa)

964 Tage war Holger Badstuber in den vergangenen dreieinhalb Jahren verletzt. Bei der Rückkehr möchte sich der Verteidiger diesmal viel Zeit lassen.

Von Benedikt Warmbrunn

Holger Badstuber rutschte über den Rasen, mit letzter Entschlossenheit, aber auch mit erster Verzweiflung, er kam ja deutlich zu spät dahergerutscht. Er lag also auf dem Rasen, sah, dass Niang auf das Tor des FC Bayern zurannte, ganz alleine. Und er sah, dass Niang ein Tor erzielte, ganz lässig, denn er, Badstuber, lag ja immer noch auf dem Rasen. Dann stand Badstuber auf, es ging weiter, natürlich ging es weiter, das war ja die wichtigste Botschaft dieser Szene: Badstuber war gefallen, aber er war wieder aufgestanden. Er ging weiter.

In der Nacht auf den Donnerstag absolvierte der FC Bayern das erste von drei Testspielen auf seiner zehntägigen USA-Reise, das Team verlor in Chicago 3:5 im Elfmeterschießen gegen den AC Mailand. Franck Ribéry hatte mit zwei Toren seine beachtliche Frühform bestätigt, David Alaba hatte seine Qualitäten als Distanzschütze nachgewiesen - doch die eigentliche Geschichte dieses Spiels, in dem es nach 90 Minuten 3:3 stand, lieferte Holger Badstuber.

31 Minuten lang spielte der Innenverteidiger gegen Mailand, dann wurde er für Nicolas Feldhahn ausgewechselt. In diesen 31 Minuten hatte Badstuber einen unglücklichen Moment, als ihm in der 23. Minute der Ball unter der Sohle hindurch gerutscht war, er grätschte dem Ball hinterher, doch Sekunden später traf Niang. Aber deswegen wurde Badstuber nicht ausgewechselt. Er wurde ausgewechselt, weil das schon vor dem Anpfiff der Plan von Trainer Carlo Ancelotti gewesen war. Die 31 Minuten von Chicago waren ja 31 Minuten Spielzeit mehr als in Badstubers vergangenen fünfeinhalb Monaten.

Mit dem Testspiel in Chicago endete eine Verletzungspause von Badstuber, nicht zum ersten Mal. Der 27-Jährige ist fünfmal deutscher Meister geworden, viermal DFB-Pokalsieger, einmal Champions-League-Sieger, er wurde Dritter bei der WM 2010, zumindest steht das so in den Fußballdatenbanken. Doch nicht alle Titel konnte Badstuber auf dem Rasen mitfeiern, weswegen sich seine Karriere auch nicht in Titeln zusammenfassen lässt. Sondern in einer anderen Aufzählung. Kreuzbandriss, Sehnenriss, Muskelriss, Knöchelbruch, das sind die Eckdaten seiner Karriere. Seit Dezember 2012, Badstuber war damals ein Innenverteidiger mit der Aussicht auf eine Weltkarriere, war er an 964 Tagen verletzt gemeldet.

Badstubers Karriere ist nun versehen mit so manchem hätte und könnte, hätte er sich zum Beispiel nicht im Februar den Knöchel gebrochen, könnte er sich einen Stammplatz in der Innenverteidigung des FC Bayern erspielt haben; damals waren ja alle anderen Innenverteidiger des Klubs auch ausgefallen. Stattdessen erfand Ancelottis Vorgänger Pep Guardiola den Innenverteidiger Joshua Kimmich, und während dieser bei der EM in Frankreich im deutschen Trikot mitspielte, machte Badstuber Stabilisationsübungen an der Säbener Straße.

Einen Willen, gefürchteter als scharf geschlagene Diagonalpässe

Hätte, könnte - derjenige, der sich gegen diese Karriere im Konjunktiv am entschiedensten wehrt, ist Badstuber selbst. Er weiß, was er verloren hat, was er alles nie wird aufholen können. Er weiß aber auch, was er in diesen 964 Tagen gewonnen hat. In diesen Jahren hat er einen Willen entwickelt, der bereits berühmter ist als der ebenfalls weltweit gefürchtete scharf geschlagene Diagonalpass aus den Anfangsjahren von Badstubers Karriere.

Fast jeder Spieler des FC Bayern, der in den vergangenen Jahren verletzt war, hat irgendwann erwähnt, was für ein Vorbild Badstuber sei. Es folgten meist Berichte, die fast schon den Hauch einer Erzählung aus der griechischen Mythologie hatten. Alle hat Badstuber inspiriert, indem er nach jedem Rückschlag sofort das Positive gesucht und irgendwann auch gefunden hat. Sobald er konnte, hat er wieder diszipliniert an seinem Körper gearbeitet, hatte ihn wieder aufgebaut. Und wenn dieser erneuerte Körper dann doch wieder in sich zusammengefallen war, dann hat Badstuber eben wieder von vorne angefangen. Eine "unglaubliche Leidenszeit" habe Badstuber hinter sich, hat Kapitän Philipp Lahm vor ein paar Tagen gesagt. "Ich freue mich, wenn er nun wieder irgendwo neben mir auf dem Platz steht." Vermutlich schon am Samstag, im nächsten Testspiel gegen Inter Mailand.

Auch dann wird Ancelotti den Rückkehrer kaum länger als eine Halbzeit einsetzen, dies wäre ganz im Sinne von Badstuber. Mit all der Routine, die er im Umgang mit Rückschlägen erworben hat, sagte er vor Kurzem: "Es ist wichtig, dass man sich nach so einer Verletzung etwas Zeit lässt." Es sei normal, "dass es noch nicht ganz rund läuft. Man muss die Bewegung automatisieren, es wäre ein Wunder, wenn ich direkt von Null auf 100 gehen würde." Und auf Wunder verlässt sich Badstuber, der Mann der endlosen Willenskraft, schon lange nicht mehr.

© SZ vom 29.07.2016/jage
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