Fußball-Historie Jubel in Hörweite der Folterkammern

Die Fifa-Führung mit Gleichgesinnten wie dem Brasilianer Joao Havelange bekundete ihre Sympathie für Videla und seine Riege, DFB-Präsident Hermann Neuberger empfing fröhlich den vormaligen NS-Kampfpiloten Hans-Ulrich Rudel im abgesperrten Trainingslager. Einige deutsche Profis gaben ignorante bis dümmliche Kommentare ab. Berti Vogts schwärmte vom "Land, in dem Ordnung herrscht. Ich habe keinen einzigen politischen Gefangenen gesehen".

"Da wurde Druck ausgeübt"

Die argentinischen Helden wollten im Rausch des Erfolges auch lange nicht verstehen, was da mit ihnen geschah. "Einige von uns wussten es", sagt Verteidiger Alberto Tarantini nun in dem Film "Wahrheit oder Lüge" von Christian Rémoli. Man habe Videla sogar um die Freilassung von Häftlingen gebeten, ohne Erfolg, behauptet Tarantini. "Was willst du von einem Tyrannen erwarten?"

Trainer Menotti, früher Kommunist, weicht den Vorwürfen noch immer aus. Was sollte er tun gegen das Foto mit Videla, sagt er. "Es ist klar, dass ich benutzt wurde. Dass die Macht den Sport ausnutzt, das ist so alt wie die Menschheit." Menotti: "Niemand konnte sich vorstellen, dass in jenen Stunden Leichen ins Meer geworfen wurden." Auch das 6:0 gegen Peru ist ihm nicht verdächtig.

Das 6:0. Argentinien brauchte in Rosario vier Tore Differenz, um statt der punktgleichen Brasilianer ins Endspiel zu kommen. In Rémolis Dokumentation und dem Buch "Wir waren Weltmeister" von Ricardo Gotta berichten peruanische Spieler von Anrufen ihres Staatschefs, von Besuchen von Videla und US-Außenminister Henry Kissinger ("dieses Land hat in allen Belangen eine große Zukunft") in ihrer Kabine. Dem Verteidiger José Velazquez kam das "ziemlich komisch vor, da wurde Druck ausgeübt".

Spitzname El Vendido

Besonders dem Kollegen Rudolfo Manso wird vorgeworfen, er habe sich bezahlen lassen - nach der WM wechselte er nach Argentinien und bekam den Spitznamen El Vendido, der Verkaufte. "Rudolfo Mansa hat sich nicht verkauft, er hat kein Geld bekommen", verteidigt er sich. Für Torwart Ramón Quiroga ist es "sicher, dass mancher etwas genommen hat. Wir haben seltsame Dinge gesehen". Jedenfalls bekam Peru kurz darauf per Dekret 4000 Tonnen Weizen aus Argentinien. "Bei allen Weltmeisterschaften gibt es Geld und Drogen", sagt der argentinische Mittelfeldmann Oscar Ortiz. "Also gibt es bei allen Weltmeisterschaften Doping und Bestechung. Habe ich die Frage beantwortet?"

Am Sonntag sehen sich einige Sieger wieder. Im Monumental bestreiten nachdenklichere Spieler von einst und Vertreter von Opfern "Das andere Finale". Vorher findet ein Marsch von der Folterschule bis zum Stadion statt, und man wird merken, wie nah es ist.