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Fußball-Historie:4. Juli 1954

Elf Fußballspieler haben diesen Tag zu einem unvergesslichen Datum der deutschen Nachkriegsgeschichte gemacht - zum wahren Gründungsdatum der Bundesrepublik, wichtiger als die Währungsreform, die Verabschiedung des Grundgesetzes oder das Einreißen der Berliner Mauer.

Von Hans Werner Kilz

"Tooooor!!! Tooor!! Tooor! Toor! Toor für Deutschland!" Die Schreie des Rundfunkreporters Herbert Zimmermann im Berner Wankdorf-Stadion, die Schreie nach Helmut Rahns Schuss zum 3:2 gegen die Ungarn, haben den 4. Juli 1954 zu einem unvergesslichen Tag der deutschen Nachkriegsgeschichte gemacht - zum wahren Gründungsdatum der Bundesrepublik, wichtiger als die Währungsreform, die Verabschiedung des Grundgesetzes oder das Einreißen der Berliner Mauer.

Das "Wunder von Bern", das sich am Sonntag zum 50. Mal jährt, steht gleichrangig neben John F. Kennnedys Liebeserklärung "Ich bin ein Berliner" oder Michael Gorbatschows Lehrsatz "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben".

Wie konnte es passieren, dass der Sieg einer Fußballmannschaft im Laufe der Jahrzehnte so verklärt wurde, dass er aufrückte in den Rang eines Mythos, zu einem Ereignis von staatstragender Bedeutung, das "Millionen Deutschen", wie es Franz Josef Strauß zu Sepp Herbergers 80. Geburtstag formulierte, "das Gefühl gegeben hat, im Kreis der Nationen wieder anerkannt zu sein"?

Endlich wieder der Rausch am Erfolg

Mit der Bonner Republik konnten sich die Deutschen am Anfang nicht so recht identifizieren. Sie wollten den Kaiser wieder haben, lehnten die Verfassung ab und misstrauten dem versprochenen wirtschaftlichen Aufschwung. Die Bundesrepublik kam ihnen wie ein Provisorium vor, eine Erfindung des Rheinländers Konrad Adenauer, der sich aus ihrer Sicht den westlichen Siegermächten unterworfen und damit die Wiedervereinigung Deutschlands aufgegeben hatte.

Mit dem Sieg von Bern wussten die Arbeiter des Wiederaufbaus mehr anzufangen. Alle, die Kriegsheimkehrer, die Flüchtlinge und Vertriebenen, auch die Deutschen im Osten, deren Volksaufstand gerade ein Jahr zurück lag, fühlten sich durch die Helden von Bern aufgewertet.

Die errungene Weltmeisterschaft gab ihnen das Wir-sind-wieder-wer-Gefühl, bot die Gelegenheit, sich erstmals seit Kriegsende an einem quasi gemeinsam erwirtschafteten Erfolg zu berauschen.

Herberger statt Hitler

Jubelfeiern gerieten zu patriotischen Kundgebungen, schon im Stadion sangen Zehntausende die Nationalhymne - selbstverständlich die erste Strophe ("Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt"), weil ihnen der Text der dritten Strophe, der offiziell verordneten, gar nicht geläufig war.

Sportlich gesehen war das gerechtfertigt. Aber Sportereignissen fehlt die historische Dimension. Schüler werden auch künftig das Datum der Schlachten von Issos und Austerlitz auswendig lernen müssen.

Der Sieg über die Ungarn wird in den Geschichtsbüchern nicht vorkommen. Und dennoch bleibt der 4. Juli 1954 für die Deutschen, das Volk, nicht für die Bundesrepublik Deutschland, den Staat, ein historischer Tag. An diesem Tag hat Deutschland zum ersten Mal nach dem Krieg wieder triumphiert. Sepp Herberger und Fritz Walter waren die ersten Deutschen nach Goebbels und Hitler, denen das Volk wieder zujubelte.

Der Fußballtaumel, die Überhöhung der siegreichen Elf, entsprach dem Bedürfnis vieler Menschen, zehn Jahre nach dem Krieg wieder Heldentaten rühmen zu können, ohne an das düsterste Kapitel deutscher Vergangenheit erinnert zu werden.

Von Wunder war erst nicht die Rede

In den ersten Jahren nach dem Triumph war von Wunder gar nicht die Rede, obwohl die Deutschen mit dem Begriff - Wirtschaftswunder, Fräuleinwunder, das Wunder von Lengede - sehr großzügig umgingen.

Es hat andere Ursachen, wenn das Faszinosum Bern in einer Art populären Geschichtsschreibung zu jedem passenden Gedenktag wachgerufen wird. Fußball ist populär und in Deutschland, anders als etwa in England, auch in der oberen Schicht der Gesellschaft akzeptiert.

Deshalb sonnen sich Politiker gern im Glanz siegreicher Fußballer. Unvergessen, wie Kanzler Helmut Kohl im Londoner Wembley-Stadion seinen voluminösen Leib über den schmächtigen Körper des Bundestrainers und Europameisters Berti Vogts wölbte.

Nationaler Mythos

Reporter von Zeitungen und Zeitschriften, von denen viele lieber im Stadion als im Bundestag sitzen, leisten gern Beiträge zur symbolischen Aufladung von Fußball-Ereignissen. Der ballverliebte Soziologe und Kulturautor Norbert Seitz sucht in witzigen Essays immer wieder nach Analogien zwischen der politischen und der fußballerischen Entwicklungsgeschichte der Bundesrepublik.

Ein Triumph wie der von 1954 muss erst die sportliche Sphäre verlassen, um als nationaler Mythos am Leben zu bleiben. Siege werden in ihrer Bedeutung überbewertet, als genüge oft schon ein Tor, um gesellschaftlichen Wandel auszulösen.

Der Spielstil der deutschen Fußball-Nationalmannschaft wird mit dem Politikstil der regierenden Parteien verglichen, als hätten die Nationalspieler zu Brandts Zeiten zwangsläufig genial gekickt, um dann unter Helmut Schmidt - Deutschland im Herbst - nur noch effizient, aber nicht mehr mitreißend zu spielen.

Einer rackerte für den anderen

Das sind unterhaltsame Interpretationen und bei nüchterner Betrachtung doch nur Projektionen. Die Deutschen spielten 1972, als sie Europameister wurden, nicht deshalb den besten, riskantesten Angriffsfußball, weil Willy Brandt gerade dazu ermuntert hatte, mehr Demokratie zu wagen. Sie hatten mit Beckenbauer, Netzer, Heynckes und einigen anderen zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Spieler.

So erklärt sich auch das Wunder von Bern. Elf Männer, von denen einer für den anderen rackerte, schafften die Sensation. Das gibt es im Fußball immer wieder, zuletzt am Donnerstagabend, als die Griechen über die favorisierten Tschechen triumphierten. Die Deutschen sind im Fußball nicht mehr Weltspitze.

Das hat der Fußball mit der Wirtschaftskraft des Landes gemein. Nur hat beides nichts miteinander zu tun. Der Fußball, der Sport allgemein, hat in der Gesellschaft einen viel höheren Stellenwert als früher. Sieger, seien es Fußballer, Radfahrer oder Formel-1-Piloten, werden zu Vorbildern, zu Idolen einer auf Gelderwerb fixierten Gesellschaft.

Maggi-Würfel und Waschmaschinen zur Belohnung

Die Spieler von 1954, Repräsentanten einer Zeit, in der nicht Geld, sondern gute Worte und Kameradschaft den Fußball prägten, wurden nach ihrer Heimkehr mit Maggi-Würfeln, Waschmaschinen und Toto-Lotto-Annahmestellen entlohnt. Lockangebote aus dem Ausland lehnten sie ab.

Portugal und Griechenland, zwei Geldempfänger der EU, bestreiten am Sonntag das Endspiel um die Europa-Meisterschaft. Und Deutschland wie auch Frankreich, die früh ausgeschieden sind, müssen weiter für sie zahlen.

Für all jene, die das Selbstwertgefühl der Nation schwinden sehen, gibt es Zeichen der Hoffnung: Griechenlands Trainer Otto Rehhagel ist ein Deutscher, Schiedsrichter Markus Merk ist sogar ein promovierter Deutscher, und der Ball, mit dem gekickt wird, darauf hat der neue Bundespräsident Horst Köhler in seiner Antrittsrede hingewiesen, entstammt deutscher Wertarbeit und sichert Arbeitsplätze. Fußball bleibt unser Leben.

© SZ vom 3./4.7.2004
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