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Fußball: Hannover 96:Meister des inneren Lächelns

Dezent ruft Hannover 96 den Konkurrenzkampf mit dem FC Bayern aus. Das ist nicht dreist, sondern logisch - nur mit Einnahmen aus der Champions-League kann sich der Verein langfristig an der Bundesliga-Spitze halten.

Jörg Marwedel

Manager, die es sich im Fußballgeschäft nehmen lassen, öffentlich genussvoll die erstaunlichen Auftritte des eigenen Teams zu kommentieren, sind in etwa so selten wie Politiker, die nicht reden mögen. Den inzwischen vom Manager zum Geschäftsführer Sport bei Hannover 96 aufgestiegenen Jörg Schmadtke, 47, haben die meisten Journalisten nach dem passablen 0:0 beim Hamburger SV am Samstag kaum finden können in der Arena. Schmadtke, der frühere Bundesliga-Torwart, zieht es vor, "nicht so auf dem Präsentierteller zu stehen". Er möge es nicht, wie sich viele im Fußball selbst "überhöhen". Den Part des Aushängeschilds überlässt er lieber dem Trainer Mirko Slomka. Der Mann lächelt gern in die Kameras, während Schmadtke behauptet, er selbst sei "ein Meister des inneren Lächelns".

Jörg Schmadtke wird Sportdirektor bei Hannover 96

"Ich bin, wie ich bin": Jörg Schmadtke, Geschäftsführer Sport bei Hannover 96.

(Foto: dpa)

Er wird in dieser Saison ziemlich viel nach innen gelächelt haben. Doch vor dem Auswärtsspiel am Donnerstagabend beim SC Freiburg hat auch er seine Zurückhaltung zumindest ein wenig abgelegt. Den 5:1-Triumph des neuen Tabellendritten FC Bayern gegen Leverkusen hat er etwas kleiner gekocht: "Das war nur ein gutes Spiel." Zudem freue er sich, dass 96 mit der vorgezogenen Partie "Druck" auf die Münchner aufbauen könnte, die ja nur einen Punkt Vorsprung haben. Denn auch die Hannoveraner würden in der kommenden Saison "lieber am Mittwoch als am Donnerstag spielen". Nämlich in der Champions League statt in der weniger attraktiven Europa League.

Zum ersten Mal versucht der Tabellenvierte aus Hannover dezent, den Konkurrenzkampf mit dem deutschen Rekordmeister auszurufen. Klar, denn ohne die Teilnahme an der geldbringenden Königsklasse könnte Hannover 96 nicht jenen Sprung machen, der es ermöglicht, mehr als nur eine Spielzeit oben in der Bundesliga mitzumischen. Natürlich fände es auch Schmadtke gut, wenn man beim Mitbieten um interessante Profis mal "richtige Transfersummen" zahlen könnte. Noch im vergangenen Sommer hat er den Trainer Slomka zurückgepfiffen, als der Transfergespräche mit dem einstigen Nationalspieler Piotr Trochowski einforderte. Slomka sagte damals, der Klub dürfe sich "nicht so klein machen". Andererseits: Vermutlich sind die derzeitigen 96-Mittelfeldspieler nicht nur günstiger, sondern inzwischen auch deutlich besser als Trochowski.

Ohne das Champions-League-Geld (die Europa League bringt nur etwa ein Viertel davon) aber hat Hannover 96 trotz des größten Erfolges seit dem letzten deutschen Meistertitel 1954 wirtschaftlich noch keinen entscheidenden Schritt gemacht. Die positive Entwicklung bringt zwar in dieser Saison einen siebenstelligen Gewinn, die Verluste der vergangenen Jahre werden dadurch aber nicht ausgeglichen. Trotzdem melden sich jetzt häufiger Berater bei dem attraktiver gewordenen Klub, um Profis aus einem höheren Preissegment anzubieten. Doch Schmadtke, der Mann mit dem immer noch schlanken Portemonnaie, sagt dann weiterhin: "Vielen Dank, auf Wiedersehen!" Jedenfalls, so lange die Champions League noch nicht erreicht ist.

Auch für den Entdecker der Stürmer Didier Ya Konan und Mohammed Abdellaoue sowie des Abwehrcracks Emanuel Pogatetz wird die Aufgabe mit den gehobenen Ansprüchen schwieriger. Spieler mit Perspektive für wenig Geld zu erwerben, ist noch immer so, als wolle jemand für einen Taler ein ganzes Pferd kaufen: "Der Markt ist mehr denn je umkämpft", sagt Schmadtke. Doch zwei, drei außergewöhnliche Spieler für die derzeit sehr homogene Mannschaft zu verpflichten, traut sich der 96-Geschäftsführer dann doch zu.

Die Begründung des Abwehrspielers Christian Schulz, der ein Millionen-Angebot des VfL Wolfsburg ablehnte, weil er Hannover zutraue, ein zweites Werder Bremen (wo er bis 2007 spielte) zu werden, findet Schmadtke "eine schöne Zielvorstellung". Auch Präsident Martin Kind nennt gern den SV Werder als Vorbild. Und das ist nicht die einzige Übereinstimmung zwischen Kind und dem - so der Boss - "gewöhnungsbedürftigen Typen" Schmadtke, mit dem er sich vor seiner Verpflichtung 2009 schnell auf ein Konzept einigte, das so billig wie gut war: Spieler holen, die wenig kosten, aber gut zur Mannschaft passen.

Endlich scheint Kind jenen Manager gefunden zu haben, von dem er immer träumte. Jemanden, der "realitätsbezogen" und "klar im Denken" ist. Jemanden mit "natürlichen Führungsqualitäten". Einen Sportchef, der "weiß, mit welchen Spielern eine Mannschaft funktioniert", wie Schmadtke ungewohnt unbescheiden über sich selber sagt. Auch deshalb hat Kind ihm kürzlich einen quasi lebenslänglichen Vertrag angeboten - ziemlich einmalig in der Bundesliga, ebenso wie sein Start ins Managerwesen, der 2001 zustande kam, weil Alemannia Aachen eine Stellenanzeige im Kicker aufgegeben hatte.

Manchmal grantig

Und da auch Schmadtke den Präsidenten schätzt, weil der ihm nicht nur "viele Freiheiten" gebe, sondern auch ein "sehr verlässlicher Partner" sei, kann man vielleicht sogar sagen, dass die momentanen Erfolge von 96 mindestens so viel mit dem Präsidenten-Sportchef-Duo zu tun haben wie mit dem Trainer-Sportchef-Gespann. Wobei Kind bestimmt mehr an das Duo Schmadtke und Slomka geglaubt hat als Schmadtke und Slomka selbst. "Vielleicht", sagt jetzt Schmadtke, "sind wir ja gerade deshalb so erfolgreich, weil wir so verschieden sind."

Noch wichtiger aber ist wohl, dass Jörg Schmadtke, der manchmal etwas grantige und skeptische Mann, keine Rolle spielt. "Ich bin, wie ich bin", sagt der Rheinländer. Und das ist nicht nur für ihn selber gut, sondern auch für Hannover 96.

© SZ vom 20.04.2011/tabs

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