Fußball: Gewalt in Argentinien Unter Schutzschilden zum Eckball

Der 19. Tote in zwei Jahren: Argentiniens Fußball steckt fest im Griff bewaffneter Schlägertrupps, deren Anführer werden gefürchtet wie Mafiabosse. Doch die Polizei findet kein Konzept.

Von Peter Burghardt, Buenos Aires

Der letzte Tag im Leben von Ramón Aramayo war strahlend und warm, Buenos Aires verabschiedete einen langen Sommer. Familienvater Aramayo, 36 Jahre alt und Mitglied Nummer 30.525 des Erstligisten San Lorenzo de Almagro, wollte sich an diesem 20. März ein Fußballspiel seiner Lieblingsmannschaft ansehen, obwohl er wusste, dass solche Ausflüge in Argentinien lebensgefährlich sein können.

Eskalation der Gewalt: Wasserwerfereinsatz beim Spiel zwischen San Lorenzo und  Vélez Sarsfield.

(Foto: REUTERS)

Vor allem, wenn Vélez Sarsfield und San Lorenzo aufeinander treffen, zwei der besten und am meisten verfeindeten Klubs des Landes. Immer wieder gab es Ausschreitungen und Verletzte bei dem Duell im Westen der Hauptstadt. 2008 erschossen Hooligans von San Lorenzo den 21 Jahre alten Vélez-Fan Emmanuel Álvarez. Danach fand das Derby der Nachbarn bis zuletzt ohne Gästeblock statt, ehe man es am Sonntag wieder wagte. Es wurde ein tödliches Desaster, die nächste Tragödie in einer der gewalttätigsten Meisterschaften der Welt.

Die Schlacht begann, als die ersten Anhänger von San Lorenzo eintrafen. Es flogen Steine und Flaschen. Berittene Polizisten gingen brutal dazwischen, auch mehrere Beamte und ein Pferd wurden verwundet. Drinnen liefen die Teams dann jeweils mit Fahnen des Gegners ins Estadio José Amalfitani - "eine Botschaft des Friedens", verkündete der Sprecher. Frieden? Es war Krieg. Draußen wurde offenbar so lange auf Ramón Aramayo eingeprügelt, bis sein Herz versagte. "Die Polizei hat ihn umgebracht", glaubt seine Witwe. Es heißt, die zuständige Einheit habe die Vélez-Gangs unterstützt, Details sind unklar.

Auf den Rängen sprach sich die Schreckensnachricht herum, San Lorenzos Anhang riss daraufhin Zäune nieder. San Lorenzos Torwart Pablo Migliore streckte ein Wurfgeschoss zu Boden. Nach sieben Minuten brach der Schiedsrichter das Fiasko ab, während vor den Toren Aramayos Leiche abtransportiert wurde.

Es war der 256. Tote nach Berechnungen der Organisation Salvemos al fútbol (Retten wir den Fußball), die den Wahnsinn an Argentiniens Arenen dokumentiert. Zuvor reichte die Statistik von Pedro Demby, 26, der 1924 beim Match zwischen Argentinien und Uruguay starb, bis zu Diego Malcovic, 29, der am 24. Februar nach Grabenkämpfen zwischen Sympathisanten von Newell's Old Boys in Rosario vor einer Bar einem Kopfschuss erlag. Allein seit 2009 wurden im Dunstkreis der Strafräume 19 Morde gezählt.

Die meisten Opfer gehörten zu sogenannten Barrabravas, so heißen die Vandalen auf den Tribünen. Manchmal werden fremde Widersacher niedergemetzelt, oft bringen sich Mitglieder rivalisierender Klub-Fraktionen auch gegenseitig um. Es geht um den Verkauf von Trikots, Tickets, Drogen, um Macht und Geld. Der Übergang zur organisierten Kriminalität ist fließend, die Anführer der meist bewaffneten Schlägertrupps werden gefürchtet wie Mafiabosse.

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