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Debatte um Geisterspiele:Der Fußball muss helfen, die Testkapazitäten zu erhöhen

Klare DFL-Ansage: Bundesliga-Geisterspiele nicht im Free-TV

Gibt es in der Bundesliga bald Geisterspiele im großen Stil?

(Foto: dpa)

... bevor er darüber nachdenkt, Geisterspiele abzuhalten. Sonst steht er im Verdacht, sich selbst wichtiger zu nehmen als das Gesundheitssystem.

Kommentar von Claudio Catuogno

Um die skeptische Fanbasis davon zu überzeugen, dass der Fußball erst mal ohne sie weiterrollen muss, hatte zuletzt auch DFB-Präsident Fritz Keller ein düsteres Bild gemalt. Geisterspiele ablehnen? Schön und gut, die Konsequenz wäre aber, schrieb Keller im Kicker, "dass einige Fans vielleicht nie wieder ein Spiel ihres Klubs besuchen können, weil es ihn schon bald nicht mehr geben könnte". Es ist der gleiche Grundton, den auch Liga-Chef Christian Seifert anschlägt: Wer Spiele ohne Publikum ausschließe, "der muss sich keine Gedanken mehr machen, ob wir bald mit 18 oder 20 Profiklubs spielen. Denn dann wird es keine 18 Profiklubs mehr geben."

Das kann ja kein Fußballfan wollen! Und damit kein Politiker verantworten? So sehen es offenbar auch die Ministerpräsidenten, in deren Bundesländern die wichtigsten Klubs beheimatet sind: Markus Söder (Bayern) und Armin Laschet (NRW). Die beiden waren zuletzt in vielen Fragen der gesellschaftlichen Wiederbelebung uneins - beim Fußball spielen sie im gleichen Team: Ja zu Geisterspielen, vielleicht schon ab dem 9. Mai!

Nicht jeder in der Politik geht da bisher mit. Und die nächste Frage wäre: Kriegt man auch die Geisterspiel-kritischen Stimmen eingefangen, die vor allem aus den Ultra-Gruppen tönen? "Der Profifußball ist längst krank genug und gehört weiterhin in Quarantäne", hat der Zusammenschluss "Fanszenen Deutschland" gerade befunden. Dass es diesmal nicht die übliche Selbstüberschätzung ist, die viele Klubvertreter auf die Fortsetzung des Betriebs hoffen lässt, sondern dass es ohne die nächsten Fernsehgeld-Tranchen oft wirklich um den Fortbestand geht - dieses Szenario hatten die Fanvertreter da offenbar eingepreist. Die Ultras treffen einen Nerv mit der Forderung, der Fußball möge sich einfach mal zurücknehmen. Und nicht, anstelle von Stadionwürsten, jetzt Extrawürste zu braten.

Von 20 000 Tests ist die Rede, um die Profisaison zu Ende zu bringen

Andererseits würden sich die Klubchefs an ihren Unternehmen versündigen, würden sie jetzt nicht ausloten, wie sich das wirtschaftliche Überleben sichern lässt. Und Fußball, egal ob in der Kreis- oder Bundesliga, kann nur stattfinden, wenn der heiße Atem der Spieler virenfrei ist. Also braucht es Tests - von ungefähr 20 000 ist die Rede, um die Profisaison zu Ende zu bringen. Bei kräftigen jungen Männern ohne Symptome. Wie dieses Spiel ausgeht, das längst kein Spiel mehr ist? Am Ende werden das weder die Fußball-Sachwalter noch die Ultras entscheiden. Und auch nur mittelbar die Politiker.

Der Fußball wird so lange keine gesellschaftliche Mehrheit finden für seine Pläne, wie er Überschriften wie jene des Spiegel vom Montag fürchten muss: "Bundesliga oder Altenheime - gibt es wirklich genug Tests für alle?"

Wenn man zehn Experten fragt, ob 20 000 Tests für die Fußballer anderswo fehlen würden, erhält man elf unterschiedliche Antworten. Das gehört leider zu einer Pandemie dazu: Irgendwo fehlt es immer an irgendwas. Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach mag geglaubt haben, dass er bei seiner Zielgruppe einen einfachen Treffer landet, als er am Montag twitterte: "Es ist falsch, Zehntausende Tests für Geisterspiele zu verbrauchen, während in den Pflegeheimen und bei Lehrern noch nicht ausreichend getestet werden kann." Aber wer mag ihm widersprechen?

Insofern kann die Lösung für den Fußball nur heißen, weit über den Fußball hinauszudenken. Zu betonen, wie Keller es tut, dass man "nicht zulasten des Gesundheitssystems" weiterspielt, wird nicht reichen. Bisher ist das Konzept der Deutschen Fußball Liga, das die ersten Politiker offenbar überzeugt hat, nicht öffentlich. Aber der Fußball wird wohl nicht umhinkommen, selbst Geld in die Hand zu nehmen und dazu beizutragen, Testkapazitäten zu erhöhen - und zwar nicht nur für sich selbst. Die Idee des Schalker Patrons Clemens Tönnies, in den Laboren seiner Fleischfabriken Corona-Tests durchzuführen, mag ein Anfang sein. Es müsste aber auch das Gesundheitssystem in so relevantem Umfang profitieren, dass sich der Vorwurf entkräften ließe, doch bloß das Feigenblatt zur Legitimierung des Geisterbetriebs zu sein.

© SZ vom 21.04.2020
08.02.2020, Fussball 3. Bundesliga 2019/2020, 23.Spieltag, TSV 1860 München - SV Waldhof Mannheim, im Grünwalderstadion; 1860 Mannheim

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