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Fußball:Für nichts zu schade

FC Augsburg FC Liverpool Deutschland Augsburg 18 02 2016 Fussball Europa League Saison 2015 2; Tobias Werner

Der größte Erfolg – für Augsburg und Tobias Werner: 2016 erreicht der FCA die Europa-League-Zwischenrunde und spielt in Liverpool (0:1).

(Foto: Rudel/imago)

"Auf mich war so'n bisschen Verlass": Mit Tobias Werners Abschied aus Stuttgart endet die erstaunliche Karriere eines Linksaußen, der sich nie wichtig nahm.

Von Sebastian Fischer

Es sagt immer etwas über Fußballerkarrieren aus, wie sie enden. Meistens gibt es Blumen, seltener Zeremonien, manchmal ein erleichtertes Seufzen, wenn es Zeit wurde. Bei Tobias Werner lief es anders: Er trainierte ein letztes Mal, setzte sich in Stuttgart ins Auto auf den Heimweg, "dann hab' ich erst mal geheult". Als er in Augsburg, wo sie ihn "Fußballgott" nennen, wieder ausstieg, hat er sich gefreut, mehr Zeit für seine Familie zu haben. Er hat Staub gesaugt, mit seinen Kindern gespielt und Freunde getroffen. Erst rund drei Wochen später, am vergangenen Montag, hat der VfB Stuttgart die Meldung verschickt, dass Klub und Spieler sich auf eine Vertragsauflösung geeinigt haben. Die Nachricht vom Karriereende stand im fünften Satz.

Man könnten nun denken, dass die Karriere von Tobias Werner, 33, nicht so wichtig war. Richtig ist aber, dass es die erstaunliche Karriere eines Fußballers war, der sich selbst nie zu wichtig nahm.

"Grundsolide", das ist ein Wort, das er oft benutzt hat, um sich selbst zu beschreiben und ja, damit könne er sich immer noch identifizieren, sagt er am Dienstag ins Telefon. Er ruft zurück, eben musste er sich noch um seine Tochter kümmern. "Auf mich", sagt er, "war so'n bisschen Verlass." Wahrscheinlich weiß er selbst, dass das eine Untertreibung ist.

Wer sich in diesem Jahrzehnt für Fußball interessiert hat, kann ihn unmöglich übersehen haben: Werner, das war der 1,74 Meter kleine Mann mit der Glatze, der beim FC Augsburg die linke Außenbahn hinauf und hinunter lief, der in seiner besten Saison 2013/2014 neun Tore vorbereitete und neun erzielte, der im Jahr darauf mit dem FC Augsburg den größten Erfolg der Vereinsgeschichte feierte, die Qualifikation für die Europa League.

"Ich habe nicht die besten Voraussetzungen gehabt", sagt er. "Aber ich habe irgendwie immer an meine Chance geglaubt." Und er arbeitete. "Linksaußen sind oft Spieler, die auf sich ausgerichtet sind", sagt sein alter Trainer Jos Luhukay, der mit Werner 2011 in die erste Liga aufstieg. "Tobias war sich für nichts zu schade."

2008 kam er vom Zweitliga-Absteiger Carl-Zeiss Jena, 38 Tore schoss er in acht Jahren für den FCA, 39 bereitete er vor. Wer seine Bedeutung in Augsburg verstehen will, sollte sich das Video anschauen, in dem er seinen Abschied zum VfB erklärte. "Vorübergehend" werde er den Verein verlassen, sagte er in die Kamera, die ihn im Hotel im Trainingslager zeigte, keine Sponsorenwand im Hintergrund, sondern das Raumthermostat. "Bis bald im Stadion. Auf geht's Simon, kämpfen und siegen." Simon Schönle ist ein FCA-Fan, der seit einem Unfall im Rollstuhl sitzt.

Den Sport hat Werner nie als Unterhaltungsbranche interpretiert, für ihn war es eher eine Arbeit, in der er Verantwortung für Hoffnungen trug. Wenn man ihn fragt, ob ihn am Fußball etwas stört, dann spricht er über Leroy Sané, der in einem 25 000 Euro teuren Outfit zur Nationalelf reist. "Unabhängig von seinem Style", sagt Werner, "sehe ich das kritisch." Dafür müssten andere ein Jahr arbeiten, sagt er. Und hält dann einen kleinen Vortrag über falsche Prioritäten junger Fußballer.

Werner studiert Sportmanagement an der Fernuni, er hat demnächst seine Abschlussprüfung, bald will er wieder arbeiten, vielleicht beim FCA, der ihm "brutal am Herzen liegt", wie er sagt. Werner ist nie aus Augsburg weggezogen. Die Jahre, nach denen er den Klub verließ, waren schwer.

Nach seinem zweiten Tag in Stuttgart weckte ihn in der Nacht die Hotelrezeption. Das Krankenhaus in Augsburg, in dem seine schwangere Frau lag, hatte angerufen. Als er den Kreißsaal betrat, erzählt Werner, habe er das Bewusstsein verloren. Sein Sohn war tot zur Welt gekommen. Es sei seine Familie gewesen, die ihm danach half, seine inzwischen drei Kinder, aber auch der Fußball. Doch in Stuttgart hatte er keinen Erfolg mehr. Trainer Luhukay, sein Förderer, trat nach fünf Spielen zurück. 2017 wurde Werner nach Nürnberg verliehen, mit dem Club stieg er noch mal auf, er hätte gerne noch mal in der ersten Liga gespielt. Doch weder in Nürnberg noch in Stuttgart bekam er noch eine echte Chance. Und er weiß selbst, dass er sein bestes Niveau wohl nicht mehr erreicht hätte. Der VfB versetzte ihn im vergangenen Sommer in die zweite Mannschaft. "Hinten raus war's ein bisschen zäh", sagt Werner, Adduktoren und Rücken schmerzten. Ihm war längst klar, dass spätestens im Sommer Schluss ist.

In den vergangenen Tagen hat er oft zurückgedacht, manchmal hat er sich geärgert. 127 Bundesligaspiele hat er bestritten, "doch es hätten mehr sein können", sagt er, mit noch mehr Professionalität, mit 30 Freistößen mehr im Training, mit besserer Ernährung. Aber er klingt nicht verbittert, während er das sagt.

Tobias Werner, das stand immer in den Geschichten über ihn, fuhr als Profi einen Familienwagen und einen Golf. Zu den Heimspielen vom FC Augsburg, sagt er und lacht, komme er vielleicht demnächst mit dem Fahrrad.

© SZ vom 20.03.2019

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