Am Ende dieser Europameisterschaft passt eine Geschichte ganz gut, um eine Antwort auf die Frage zu geben, was das Turnier ausgemacht hat. Die Schweizer Nationalspielerinnen selbst hatten sich ein persönliches Willkommensgeschenk für jedes der 16 teilnehmenden Teams ausgedacht: eine Box gefüllt mit landestypischen Spezialitäten, dazu ein beliebtes Gesellschaftsspiel, ein Mannschaftsfoto und eine handgeschriebene Karte von Lia Wälti. Die Kapitänin veröffentlichte vor ein paar Tagen ein Video, in dem die deutschen, spanischen, italienischen und niederländischen Fußballerinnen beim Auspacken zu sehen sind: große Freude über die kleine, charmante Geste. „Ihre Reaktionen haben uns daran erinnert, warum wir tun, was wir tun“, schrieb Wälti dazu.
Und darum ging es schließlich auch ganz grundsätzlich. Diese EM war nicht überlagert von Diskussionen um ein immer aufgeblähteres Format eines nimmersatten Apparats, weil es mit vier Gruppen und acht Spielorten so schön übersichtlich war. Auch Themen wie Nachhaltigkeit oder Menschenrechte mussten in dieser Konstellation gar nicht erst debattiert werden. Rassistische Kommentare gegen die Engländerin Jess Carter bildeten die Ausnahme.
Der Kampf um Anerkennung und Akzeptanz sowie bessere Bedingungen ist im Fußball der Frauen noch lange nicht gewonnen. Das zeigte bei der EM auch das Beispiel der Italienerinnen, die ins Halbfinale einziehen mussten, um in ihrer Heimat von Medien und Zuschauern die verdiente Aufmerksamkeit zu bekommen. Aber im Vordergrund konnte bei diesem herzlich-familiär ausgerichteten und professionell organisierten Turnier der Spaß am Fußball stehen. Auch dank Spielerinnen, die wollen, dass ihr Sport wächst, dabei aber nahbar bleibt – und die sich entsprechend verhalten.
Die Uefa erhöhte die Prämien – und sorgte damit für ein Minus beim Turnier
Die Schweiz mag einem nicht als Erstes in den Sinn gekommen sein, wenn es um große Begeisterung für Frauenfußball geht. Aber allein der Fanmarsch vor ihrem Viertelfinale gegen Spanien hat gezeigt, wie groß der Zuspruch war: In Bern liefen gut 25 000 Menschen in roten Trikots vom Bundesplatz durch die Altstadt zum Wankdorf-Stadion. Bei 29 von 31 Partien waren die Stadien ausverkauft. Obwohl Arenen der Dimension eines Old Trafford oder Wembley fehlten, kamen mehr Leute als bei der EM 2022 in England: Schon vor dem Finale am Sonntag in Basel ist mit den 623 088 Zuschauern ein Rekord aufgestellt worden. Laut Uefa reisten 233 000 Fans aus anderen Ländern an, so viele wie noch nie. Dazu kommen etwa 400 Millionen an den Bildschirmen.

Wem der Fußball der Männer zu abgehoben ist (Grüezi, Klub-WM!), der konnte hier wieder eine Alternative finden, die nicht minder unterhaltsam ist – und die viele interessante Geschichten liefert, weil die Biografien der Hauptdarstellerinnen noch diverser sind. Auch technisch, taktisch und athletisch war eine Entwicklung als Ergebnis zunehmender Professionalisierung zu beobachten. Durch die im Vergleich zu 2022 mit nun 41 Millionen Euro mehr als verdoppelten Prämien ist die Uefa bei der Bilanz dieser EM bewusst ins Minus gegangen: als Investition und auch als Signal. Hätte sie das nicht getan, wäre die Abschlussrechnung laut Nadine Keßler, Frauenfußball-Direktorin der Uefa, positiv ausgefallen. Dass Uefa-Präsident Aleksander Ceferin nur Besuche des ersten und des abschließenden Spiels eingeplant hatte, fiel in jedem Fall negativ auf.
All das zeigt einerseits die Probleme, andererseits aber auch das Potenzial, das im Fußball der Frauen steckt. Wie nachhaltig der Effekt sein wird, der aus diesen Impulsen entsteht, muss sich zeigen. Inspiration aber hat die EM in der Schweiz schon geliefert – auch für den Deutschen Fußball-Bund. Der DFB würde nach der gescheiterten Bewerbung um die WM 2027 gerne Gastgeber der EM 2029 sein, zum dritten Mal nach der EM 2001 und der WM 2011. Die Konkurrenten sind Portugal, Polen, Italien sowie Dänemark/Schweden. Bis Ende August müssen die finalen Unterlagen für das Bewerbungsverfahren eingereicht werden, im Dezember entscheidet das Uefa-Exekutivkomitee über den Zuschlag. Für Deutschland sprechen nicht nur die Erfahrung als Ausrichter und die Lust auf Fußball. Sondern eben auch, dass die Strukturen gegeben sind für eine Veranstaltung, die die Zahlen der Schweiz übertreffen soll. Dortmund, Frankfurt, Köln, München & Co liefern passende Stadien für das Motto: Gerne groß denken!
Bis dahin gilt: Bitte überhaupt daran denken. Als DFB-Präsident Bernd Neuendorf und DFB-Direktorin Nia Künzer für ein Zwischenfazit vor dem Viertelfinale bei einem Medientalk zusammensaßen, hatten sie sich von der Bühne schon in Einzelgespräche verabschiedet – um nach ein paar Minuten zu merken, dass die Moderation das wichtigste Thema gar nicht angesprochen hatte: die eigene Bewerbung um die nächste Europameisterschaft.


