Finale der Fußball-EM:Stille im silbernen Glitzerregen

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Finale der Fußball-EM: Alexandra Popp musste das Finale von der Bank aus verfolgen - wegen muskulärer Probleme.

Alexandra Popp musste das Finale von der Bank aus verfolgen - wegen muskulärer Probleme.

(Foto: Memmler/Eibner/Imago)

Die Enttäuschung ist bei der deutschen Auswahl nach dem verlorenen EM-Endspiel groß. Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg ist dennoch stolz auf ihr Team - und kritisiert den Videoschiedsrichter.

Von Anna Dreher, London

Als Leah Williamson auf dem Podest die Trophäe in die Höhe riss und Flammen aus dem Boden schossen, wurde es noch mal so richtig laut in Wembley. Die Löwinnen sollten brüllen in diesem Finale der Europameisterschaft, nun grölte die ganze Nation mit Englands Nationalspielerinnen nach ihrem ersten Titel überhaupt, vertreten von mehr als achtzigtausend Menschen im Londoner Stadion.

Wenige Meter entfernt standen die Geschlagenen. Alexandra Popp, Merle Frohms, Lina Magull und all die anderen beobachteten, wie jener Pokal durch englische Hände wanderte, den sie so gerne selbst gehalten hätten. Sie schauten zu, wie manche in einem Meer aus silbernem Glitzerkonfetti auf dem Rasen badeten und wie alle umjubelt und berauscht eine Runde durchs Stadion tanzten. Um die Deutschen, so wirkte es, hatte sich eine Haube gelegt, durch die Geräusche von außen nur dumpf ankamen und in der das Chaos der eigenen Gedanken einen ganz eigenen Sound fabrizierte. Die Spielerinnen waren da und doch woanders. Noch lange blieben sie draußen auf dem Grün in dieser Nacht, die zu einer magischen für sie hätte werden können.

"Man weiß gar nicht genau, was soll ich jetzt überhaupt tun?", beschrieb Marina Hegering auf dem Weg zum Bus ihre Gefühlslage nach dem Spiel. "Man steht da einfach und denkt, was passiert jetzt, weil gerade einfach pure Leere in einem drin ist. Dann steht man halt da und denkt irgendwie an alles und an gar nichts." Zwischendurch hatten sich manche aus ihrer Starre gelöst und waren ein paar Schritte gegangen, um doch wieder stehen zu bleiben oder sich zu setzen. Nach und nach machte es klick: Das hier passiert wirklich, wir haben das Finale verloren. "Das tut gerade immer noch weh", sagte Svenja Huth mit geröteten Augen nach dem verpassten Titel, es wäre der neunte gewesen für den Rekordeuropameister.

Bundeskanzler Scholz fand offenbar passende Worte

In der Kabine, erzählten die Spielerinnen, sei es lange ganz ruhig gewesen, die Stimmung traurig und gedrückt. Bundeskanzler Olaf Scholz war wie Innenministerin Nancy Faeser und Bundestagspräsidentin Bärbel Bas nicht nur nach Wembley, sondern später auch in die Umkleide gekommen. Was er sagte, munterte offenkundig auf. "Wir haben uns gefreut, dass der Bundeskanzler da war, er hat ganz gute Worte gefunden. Das ist eine sehr respektvolle Geste, dass er den Weg auf sich genommen hat, um uns zu sehen", fand Hegering. "Und wenn dann die Musik angeht, man ein, zwei Getränke trinkt, dann kippt die Stimmung auch wieder."

Dieses Spiel war ein Kampf gewesen, von der ersten Minute an. Und wer weiß, wie es gelaufen wäre, wenn die Deutschen den so robust auftretenden Engländerinnen zusätzlich die Wucht und Ausstrahlung von Alexandra Popp hätten entgegensetzen können. "Sie hätte allein mit ihrer Anwesenheit etwas beim Gegner ausgelöst", sagte Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg. "Aber es hat einfach nicht geklappt." Dass ausgerechnet die für den Erfolg bei diesem Turnier so entscheidende Kapitänin überraschend ausfiel, schwächte das Team deutlich. "Die muskulären Probleme sind im Abschlusstraining gekommen, beim tatsächlich letzten Schuss", erzählte die 31-Jährige. Ihr Oberschenkel machte dicht, es sei viel versucht worden, "aber das hätte einfach keinen Sinn gemacht, ich konnte keinen Pass spielen, und es müssen elf fitte Spielerinnen auf dem Platz stehen".

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(Foto: Franck Fife/AFP)

Damit fehlten Voss-Tecklenburg gleich zwei Leistungsträgerinnen in der Offensive. Klara Bühl war zwar im Stadion, aber nur als Zuschauerin. Nach ihrer Corona-Infektion konnte sie sich zum Höhepunkt zumindest freitesten. Trotzdem brachte erst der im Gewühl fast schon geklärte, noch über die Linie gestocherte Schuss von Chloe Kelly in der 110. Minute die Entscheidung. Magull hatte nach einem vorherigen Pfostenschuss in der 79. Minute die Führung durch Ella Toone (62.) ausgeglichen. "Ich bin einerseits total stolz, weil wir alles, was wir hatten, auf dem Platz gelassen haben - alles", sagte Voss-Tecklenburg. Es habe nicht alles funktioniert, "aber wir haben alles an Herz, an Schweiß, an Leidenschaft, an Kampf, an Energie heute auf diesem Platz gelassen". Gleichzeitig sei sie sehr traurig und müsse erst verarbeiten, was passiert sei.

Was sie viel mehr beschäftigte, war die Leistung der ukrainischen Schiedsrichterin Kateryna Monsul und der Videoassistenten. In der 26. Minute beim Stand von 0:0 wurde ein mögliches Handspiel von Leah Williamson im Strafraum überprüft. Nach einer Ecke hätte Hegering ohne deren Block wohl getroffen. Monsul schaute sich die Szene selbst jedoch nicht an und entschied sich gegen einen Elfmeter. "Das ist auf so einem Niveau bei so einem engen Spiel ...", Voss-Tecklenburg suchte nach dem passenden Wort, "schwierig, damit umzugehen. Weil ich mir dann schon die Frage stelle, warum funktioniert da die Kommunikation nicht, warum wird das nicht geprüft?"

Finale der Fußball-EM: Die strittige Szene, die den DFB beschäftigt: Marina Hegering (links) bekommt den Ball fast ins Tor, doch Englands Kapitänin Leah Williamson steht mit ihrem Arm dazwischen.

Die strittige Szene, die den DFB beschäftigt: Marina Hegering (links) bekommt den Ball fast ins Tor, doch Englands Kapitänin Leah Williamson steht mit ihrem Arm dazwischen.

(Foto: Nick Potts/dpa)

Sie wolle nicht sagen, sie fühle sich betrogen. Aber in einem EM-Finale dürfe so etwas nicht passieren. Die Bundestrainerin stellte die Frage und gab den Auftrag, nachzuvollziehen, wie es zu dieser Situation kommen konnte. "Ich möchte nicht, dass man einfach darüber hinweggeht", sagte die 54-Jährige. "Mal passiert das für den einen, mal für den anderen, heute hat es uns getroffen, aber damit möchte ich mich nicht zufriedengeben." Auch Joti Chatzialexiou, Leiter Nationalmannschaften beim DFB, bemängelte die Arbeit der Videoassistenten: "Das war jetzt das dritte oder vierte Mal bei diesem Turnier, dass nicht eingegriffen wurde. Das ist sehr enttäuschend."

Monsul wirkte tatsächlich überfordert mit der Aufgabe, dieses hitzige und intensive Finale zu leiten, das aber zumindest gleichermaßen verteilt. Die Deutschen reklamierten zu Recht den nicht gegebenen Elfmeter. Sie hätten sich aber ebenso wenig beschweren dürfen, wenn ein hartes Einsteigen von Hegering gegen Lucy Bronze in der 41. Minute mit einem Strafstoß geahndet worden wäre.

Vor dem Turnier zählte Deutschland nicht unbedingt zu den Final-Kandidaten

Wahrscheinlich dauert es noch eine Weile, bis die DFB-Frauen wirklich realisieren, was sie in den vergangenen Wochen geleistet haben. Mit ihnen hatte vor dem Turnier nach dem Viertelfinal-Aus bei der EM 2017 und der WM 2019 sowie der verpassten Qualifikation für die Olympischen Spiele 2021 niemand wirklich gerechnet. Dann aber traten sie derart geschlossen und fußballerisch insgesamt überzeugend auf, dass sie sich von einem Teilnehmer zu einem Titelanwärter zu einem Titelfavoriten wandelten. Das beeindruckte Gegnerinnen wie Beobachter. "Die Leidenschaft, der Enthusiasmus und der Teamgeist, den die Mannschaft während dieses Turniers gezeigt hat, haben mich inspiriert", sagte Männer-Bundestrainer Hansi Flick, der wie DFB-Präsident Bernd Neuendorf im Stadion saß. "Das war herausragend auf und neben dem Platz: Die Spielerinnen waren eine eingeschworene Einheit."

Dennoch war jeder Spielerin anzumerken, wie weh dieser verpasste Schritt zur Vollendung ihrer EM-Geschichte tat. Aber schon als sie aus der Kabine kamen, sprachen sie von dem Stolz, den sie empfanden angesichts ihrer Reise. Und angesichts der Art und Weise, mit der sie sich in England präsentiert hatten - und wegen der sie auch die Hoffnung umgibt, gesellschaftlich nachhaltig etwas bewirkt zu haben.

Bevor sie die Engländerinnen bei ihrem Jubel beobachteten, brachten manche noch die Kraft auf, den 87 192 Zuschauern zu winken, zu applaudieren und sich zu bedanken. Keine der deutschen Nationalspielerinnen legte dabei ihre Silbermedaille ab: Sie hatten an diesem Abend ein Finale verloren, aber so viel mehr gewonnen.

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